Second-Hand-Kleidung in München:Mode auf Zeit

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Fashion Session, Modeflohmarkt, Flohmarkt

Angesagt ist derzeit die "Fashion Session": ein Modeflohmarkt im ehemaligen Heizkraftwerk an der Katharina-von-Bora-Straße.

(Foto: Florian Peljak)

Tauschpartys, Flohmärkte oder Internetplattformen - wer gebrauchte Kleidung sucht oder damit handeln will, findet dafür einige Orte in München. Sogar Designerstücke und Luxusmarken vertragen sich gut mit der Idee.

Von Franziska Gerlach

Shoppen gehe ich kaum noch", sagt Hanh Tran, schlüpft in einen Sommermantel, begutachtet sich im Spiegel und legt ihn zu einer Tasche, zu Stiefeletten und einem rostbraunen Rock. Es ist nicht so, dass die 33-Jährige sich Neuware nicht leisten könnte. Auch an den Einkaufsmöglichkeiten in München liegt es nicht. Der Grund, weshalb Tran und ihre zwei Freundinnen das Kaufen fast aufgegeben haben, ist ein anderer: "Wir sind im Tauschfieber", sagen sie.

Die drei Münchnerinnen frönen ihrem Hobby am liebsten auf Partys: An diesem Tag sind sie zu einer Tauschparty ins "Einewelthaus" gekommen. Dort werden bereits seit zehn Jahren Kleider getauscht. Aber es ist nur einer von vielen Orten in München, an dem Hanh und ihre Freundinnen regelmäßig unterwegs sind: Kleidertausch in der Glockenbachwerkstatt, die von Green City organisierten Events, oder - derzeit sehr angesagt - die "Fashion Session" im ehemaligen Heizkraftwerk an der Katharina-von-Bora-Straße.

Die "Fashion Session" ist zwar ein Modeflohmarkt, aber auf welche Weise die Klamotten den Besitzer wechseln, ob auf dem Flohmarkt oder einer Tauschparty, ist zweitrangig. Praktiziert wird das Prinzip des Geben und Nehmen von einer auf Nachhaltigkeit bedachten Generation, die es nicht als Manko betrachtet, wenn ein Kleidungsstück bereits einen anderen Besitzer hatte, sondern als cool.

Tauschen, verkaufen, verschenken - die Grenzen verwischen

Getauscht wird Mode schon lange. Doch das Phänomen hat sich verändert: tauschen, verkaufen, verschenken - die Grenzen dazwischen weichen vielmehr auf. Vieles hat sich auch ins Internet verlagert, in kleine Gruppen auf Facebook ebenso wie in professionelle Tauschbörsen. Auf der Plattform kleiderkreisel.de, die im Jahr 2009 in München gegründet wurde und zwischenzeitlich auf 2,7 Millionen registrierte Mitglieder angewachsen ist, kann man alles erledigen: verschenken, tauschen, kaufen und verkaufen.

Als der Hype vor sechs, sieben Jahren aufkam, lief das Ganze freilich noch weniger organisiert ab. Man traf sich im kleinen Kreis, um gegen den Konsumwahn anzutauschen. Aber es blieb nicht lange heimelig. Marketingabteilungen großer Firmen luden schon bald zu Swap Partys ein (von to swap: tauschen). Als die Eventreihe "Swap in the City" im Frühjahr 2012 in München gastierte, hatte sich neben einem Privatsender und einer Frauenzeitschrift auch ein internationaler Kosmetikkonzern eingeklinkt. Doch die Hysterie hielt nicht lange an. Verschwunden ist die Begeisterung fürs Tauschen aber nicht.

Wozu die Nutzer kleiderkreisel.de am meisten nutzen, lasse sich nicht zurück verfolgen, so Julia Schütz von der zuständigen PR-Agentur. Tendenziell lasse sich aber sagen: Teenies tauschen eher. Je solventer eine Userin ist, desto eher fließt Geld. Und zwar durchaus auch für Luxusware. Grundsätzlich verträgt sich der Exklusivitätsanspruch von Designermode ja auch recht gut mit dem Second Hand-Gedanken.

Monica Arens findet sogar, dass er besonders im Luxussegment gut funktioniert. Sie betreibt in Schwabing die sogenannte "Second Hand Agentur" für Designermode. Seit mehr als vierzig Jahren kommen in ihrem Laden an der Siegesstraße Geschäfte wie dieses zustande: Die Gattin eines Bankdirektors hat ihr Chanel-Kostüm bereits fünf Mal auf einem Empfang getragen, ein weiteres Mal möchte sie sich darin nicht sehen lassen und gibt es bei Arens in Kommission. Dort kauft es dann eine junge Anwältin.

20 000 Artikel aus dem Premiumsegment

Im Sommer 2013 kamen zwei Münchner auf die Idee, Second-Hand Designermode im Netz anzubieten. Das von ihnen gegründete Internetverkaufsportal "Glamloop" wurde schon ein Jahr später von einem Mitbewerber aus Hamburg aufgekauft. Mittlerweile listet die Plattform Rebelle mehr als 20 000 Artikel aus dem Premiumsegment, das Unternehmen versendet in 27 Länder.

Gerade dieser internationale Kundenkreis macht die Plattform auch für die Schwabingerin Arens zu einem attraktiven Geschäftspartner - und nicht zu einer Konkurrenz. "Da geht eine Reisetasche von Hermès für 12 000 Euro einfach besser weg." An jedem Artikel verdient die Firma zehn Prozent. Dafür nehmen die Mitarbeiter Arens Arbeit ab: Sie prüfen die Ware auf Echtheit, fotografieren sie ab und bügeln sie auf.

Hoffnung auf ein Umdenken

Hanh Tran, die regelmäßig Kleidung tauscht, ist es hingegen einerlei, ob das ergatterte Stück einen bekannten Designernamen im Etikett führt. "Es geht nicht um Marken", sagt sie. Daher sei auch die Ware gängiger Modeketten in Ordnung, sofern es nicht die aktuelle Kollektion sei, die gerade jeder hat. Eva Knörich wiederum veranstaltet Kleidertauschpartys, weil sie ein Umdenken beim Konsumenten herbeiführen will. "Second-Hand-Klamotten sollten mehr wertgeschätzt werden." Und überhaupt, sagt sie, habe sie keine Lust mehr alleine Shoppen zu gehen. Und natürlich will man auf keinen Fall Textilkonzerne unterstützen, die zu Billiglöhnen im Ausland fertigen lassen, auch das ist immer wieder zu hören.

Doch wer einmal zugesehen hat, wie sich Scharen von Frauen mit geröteten Wangen durch Klamottenberge wühlen, wie sie sich gegenseitig Trainingsjacken und Schuhe sichern, dem kommt der Gedanke, dass ihnen das ganz normale Einkaufen vielleicht schlichtweg zu eintönig geworden ist - und sie den Kick suchen.

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