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Schwul-lesbischer Gottesdienst in München:"Ich stehe zu der Kirche, in der ich getauft wurde"

In der Paulskirche betet Kammerer am Altar: "Erfülle die Menschen, die andere nicht so annehmen können wie du, mit Weisheit und Mut." Die Gläubigen stehen vor ihm, mit aufgeschlagenen Gebetbüchern, die Hände gefaltet. Sie gehen zur Kommunion, knien nieder. Zuvor hatte Kammerer gesagt, dass Glaube oft im Trotzdem bestehe - "ich glaube, dass viele deswegen hier sind".

Für die Teilnehmer der schwul-lesbischen Gottesdienste schließen sich Homosexualität und Katholizismus nicht aus. Doch viele Lesben und Schwule wenden sich von der Kirche ab, weil sie sich nach dem Coming-Out abgelehnt fühlen.

"Für mich ist es wichtig, als schwuler Mann Zeugnis abzulegen. Man muss Position beziehen, deswegen komme ich in die Messe", sagt Paul Holmes, der schon seit neun Jahren regelmäßig die Gottesdienste besucht. Wie fast alle hier ist er religiös erzogen, er besuchte eine Klosterschule, lebte sogar im Konvent. Offiziell geoutet hat er sich nie. "Ich muss das denen, die es sowieso nicht wissen wollen, nicht unter die Nase reiben."

Auch er spricht von der "Versuchung" sich abzuwenden. Was ihn in der Kirche hält? Holmes kann das so genau nicht erklären. Der Glaube scheint einfach stärker zu sein als die mangelnde Toleranz: "Ich stehe zu der Kirche, in der ich getauft wurde. Das ist meine Kirche."

Die Zweifel kennt auch Michael Brinkschröder, Theologe und Religionslehrer. Ein Jahr lang habe er mit sich gerungen, ob er schwul leben oder für die Kirche arbeiten wolle - und sich dann nicht gegen die Kirche, aber gegen den Dienst für sie entschieden. "Nur wenn ich offen schwul leben kann, kann ich meinen Glauben authentisch leben." Irgendwann war ihm klar: Als geouteter Theologe kann man keine akademische Karriere machen.

Nicht nur deswegen fühlt er sich diskriminiert von der Kirche. "Sie spielt sich einerseits als Verteidigerin der Menschenrechte auf, aber die Menschenrechte von Schwulen und Lesben bekämpft sie an vorderster Front." Deswegen sei der Gottesdienst für ihn einerseits ein innerkirchliches Signal, "andererseits ist es einfach mein Gottesdienst, mein Ort der geistigen Nahrungsaufnahme". Vom Licht des Lebens hatte Pfarrer Kammerer gesprochen, wie es Priester oft bei feierlichen Anlässen tun.

Am Ende der Messe nehmen einige Gläubige ihre Kerzen, die sie am Altar angezündet haben, mit nach Hause, sie lassen sie dort weiter brennen: ein kleines Zeichen der Hoffnung.

© SZ vom 14.02.2012/tob/rus

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