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Schwul-lesbischer Gottesdienst in München:Rechte Hasstiraden im Internet befürchtet

Ein paar neue kommen immer dazu, aber die meisten kennen sich schon seit Jahren. Viele Singles seien hier, auch weil sie sich nach Gemeinschaft sehnten, sagt Brinkschröder. Und fast alle Altersgruppen, die große Mehrheit Männer. "Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht / bringe ich vor dich. / Wandle sie in Weite. Herr, erbarme dich", singen sie.

Das sogenannte Leitungsteam, das die Gottesdienste vorbereitet, wählt die Lieder aus, das ist kein Zufall. In anderen Städten, in anderen Bistümern ist man offenbar weiter. In München habe man die Gottesdienste bisher "sehr diskret gehandhabt", sagt Brinkschröder. Auch jetzt tauchen in den Schaukästen der Pfarrei, in denen Aushänge auf Gottesdienste, Treffen und sonstige pastorale Angebote hinweisen, die schwul-lesbischen Gottesdienste nicht auf.

Offenbar gibt es genügend Menschen, denen die Gottesdienste ein Dorn im Auge sind. Mit Anfeindungen ist zu rechnen, auf kreuz.net oder kath.net, einschlägigen Seiten, wo Homosexualität als Unzucht und wider die Natur gilt. Auch wenn das die Rechtsausleger sind, tut sich die katholische Kirche, zumal unter Papst Benedikt XVI., schwer mit Homosexuellen; entsprechend verschämt wirken die Angebote.

Im Kirchenschiff ist es jetzt dunkel, nur der Hochchor ist erleuchtet. Statt der Fürbitten gehen die Gläubigen zum Altar, sie zünden Kerzen an. "Ein Licht anzünden für die Hoffnung, für ein Ideal, das uns bewegt", hatte Pfarrer Thomas Kammerer in der Predigt gesagt. Gott sei da für all jene, die in Finsternis leben. "Wie viele Menschen stehen immer noch am Rand der Gesellschaft, werden ausgeschlossen" - das ist als Frage, auch ein wenig als Aufforderung formuliert.

Kammerer gehört zu einem sechsköpfigen Team von Pfarrern, die im Wechsel die schwul-lesbischen Gottesdienste feiern. "Wir wollten am Anfang mehrere Pfarrer dabei haben, damit sich der Druck besser verteilt", sagt Brinkschröder.

Auch Kammerer ist angegriffen worden wegen seines Engagements hier, es gab böse Briefe. "Anfeindungen auf kreuz.net sind eine Ehre", sagt er. In einer Pfarrei hat er den Suizid eines Jugendlichen miterleben müssen, der es nicht wagte, sich zu outen. "Es war mir wichtig, die Sprachlosigkeit zu überwinden. Diese Gottesdienste sind ein wichtiges Signal. Weil nicht stimmt, was manchmal noch behauptet wird: Dass erzkonservative Katholiken sagen, Homosexuelle kämen nicht in Himmel."

Kammerer, der Seelsorger im Klinikum rechts der Isar ist, kommt gerne zu den Gottesdiensten in St. Paul, das sei immer etwas Besonderes: "Jeder ist mit dem Herzen da." Zugleich sei es ein ganz normaler Sonntagsgottesdienst mit Leuten, die sonst auch in ihre Kirchen gingen. Die es aber genössen, einmal im Monat nicht darüber nachdenken zu müssen, was passieren könnte, wenn sie aufstehen und sagen: Ich bin schwul.

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