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Schwul-lesbischer Gottesdienst in München:Ein bisschen Frieden

"Die Kirche spielt sich als Verteidigerin der Menschenrechte auf, aber die Menschenrechte von Schwulen und Lesben bekämpft sie an vorderster Front": Schwule und lesbische Katholiken feiern in der Paulskirche gemeinsam Gottesdienst - trotz Angst vor Anfeindungen.

Sabrina Ebitsch

Es ist sehr still in St. Paul, das Brechen der Hostien hallt vom Hochchor durch das Kirchenschiff. Etwa 40 Gläubige sind gekommen, in Zweierreihen stehen sie zur Kommunion an. Von weit hinten dröhnt die Orgel. "Bei dir dürfen wir sein, wie wir sind", hatte der Pfarrer zuvor gebetet, "bei dir müssen wir uns nicht verstellen und uns nicht fürchten, denn du hast uns geschaffen."

Kirche St. Paul bei Langer Nacht der Museen in München, 2010

"Wir wollten am Anfang mehrere Pfarrer dabei haben, damit sich der Druck besser verteilt", sagt Michael Brinkschröder, einer der Organisatoren der schwul-lesbischen Gottesdienste in der Kirche St. Paul an der Theresienwiese.

(Foto: Catherina Hess)

In diesem Gottesdienst ist das kein religiöser Gemeinplatz, kein rhetorisches Gebet, das im Genuschel der Gemeinde wie die Hostien im Mund zerfällt. Für die Gläubigen hier ist es keine Selbstverständlichkeit, dass Gott sie so annimmt, wie sie sind. In der katholischen Kirche, der sie angehören und in der sie beten, gibt es immer noch viele, die anderer Meinung sind. Die ihre Lebensweise für falsch, wenn nicht gar widernatürlich halten.

Einmal im Monat treffen sich Schwule und Lesben zum Gottesdienst in St. Paul an der Theresienwiese. Sie kommen, weil sie so wenige sind, im Hochchor zusammen, ein wenig abgeschirmt von Hauptschiff. "Heiland, reiß die Himmel auf / Herab, herab vom Himmel lauf", singt die Gemeinde. "Zu wem will Gott kommen? Gehöre ich dazu?", fragt der Lektor zu Beginn der Messe.

Der Zwiespalt ist allgegenwärtig. Seit fast zehn Jahren gehört der schwul-lesbische Gottesdienst in München zu den pastoralen Angeboten der katholischen Kirche. Viele Anfragen bei Pfarreien blieben zunächst erfolglos, nur St. Stephan in Neuperlach sagte damals zu. Bis zur Fusion der dortigen Gemeinden, nach der die Gottesdienste dort keinen Platz mehr fanden. Also zog man nach St. Paul in die Innenstadt um.

Die regelmäßigen Gottesdienste seien nun mal ein fester Teil der Seelsorge in einer Großstadt, sagt Michael Brinkschröder, einer der Gründer und Organisatoren. Der Pfarrgemeinderat unterstützt sie.

Auch das Ordinariat legt ihnen keine Steine in den Weg: "Wir begrüßen es, wenn Menschen gemeinsam Eucharistie feiern", sagt Sprecher Bernhard Kellner. "Jeder Mensch ist angenommen." Kardinal Marx hatte im Interview mit der SZ im Sommer betont, Homosexuelle gehörten dazu (auch wenn er zugleich darauf verweist, dass sich der liebe Gott schon etwas dabei gedacht habe, als er Mann und Frau erschaffen hat).

In der Messe wird nach der hölzernen Anzeigetafel Lied 944 aus dem Gotteslob gesungen. Die Reihen im Hochchor sind fast vollbesetzt, die dunkle, kalte Jahreszeit zieht mehr Menschen in die Kirche, auch hier.

Rechte Hasstiraden im Internet befürchtet

Ein paar neue kommen immer dazu, aber die meisten kennen sich schon seit Jahren. Viele Singles seien hier, auch weil sie sich nach Gemeinschaft sehnten, sagt Brinkschröder. Und fast alle Altersgruppen, die große Mehrheit Männer. "Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht / bringe ich vor dich. / Wandle sie in Weite. Herr, erbarme dich", singen sie.

Das sogenannte Leitungsteam, das die Gottesdienste vorbereitet, wählt die Lieder aus, das ist kein Zufall. In anderen Städten, in anderen Bistümern ist man offenbar weiter. In München habe man die Gottesdienste bisher "sehr diskret gehandhabt", sagt Brinkschröder. Auch jetzt tauchen in den Schaukästen der Pfarrei, in denen Aushänge auf Gottesdienste, Treffen und sonstige pastorale Angebote hinweisen, die schwul-lesbischen Gottesdienste nicht auf.

Offenbar gibt es genügend Menschen, denen die Gottesdienste ein Dorn im Auge sind. Mit Anfeindungen ist zu rechnen, auf kreuz.net oder kath.net, einschlägigen Seiten, wo Homosexualität als Unzucht und wider die Natur gilt. Auch wenn das die Rechtsausleger sind, tut sich die katholische Kirche, zumal unter Papst Benedikt XVI., schwer mit Homosexuellen; entsprechend verschämt wirken die Angebote.

Im Kirchenschiff ist es jetzt dunkel, nur der Hochchor ist erleuchtet. Statt der Fürbitten gehen die Gläubigen zum Altar, sie zünden Kerzen an. "Ein Licht anzünden für die Hoffnung, für ein Ideal, das uns bewegt", hatte Pfarrer Thomas Kammerer in der Predigt gesagt. Gott sei da für all jene, die in Finsternis leben. "Wie viele Menschen stehen immer noch am Rand der Gesellschaft, werden ausgeschlossen" - das ist als Frage, auch ein wenig als Aufforderung formuliert.

Kammerer gehört zu einem sechsköpfigen Team von Pfarrern, die im Wechsel die schwul-lesbischen Gottesdienste feiern. "Wir wollten am Anfang mehrere Pfarrer dabei haben, damit sich der Druck besser verteilt", sagt Brinkschröder.

Auch Kammerer ist angegriffen worden wegen seines Engagements hier, es gab böse Briefe. "Anfeindungen auf kreuz.net sind eine Ehre", sagt er. In einer Pfarrei hat er den Suizid eines Jugendlichen miterleben müssen, der es nicht wagte, sich zu outen. "Es war mir wichtig, die Sprachlosigkeit zu überwinden. Diese Gottesdienste sind ein wichtiges Signal. Weil nicht stimmt, was manchmal noch behauptet wird: Dass erzkonservative Katholiken sagen, Homosexuelle kämen nicht in Himmel."

Kammerer, der Seelsorger im Klinikum rechts der Isar ist, kommt gerne zu den Gottesdiensten in St. Paul, das sei immer etwas Besonderes: "Jeder ist mit dem Herzen da." Zugleich sei es ein ganz normaler Sonntagsgottesdienst mit Leuten, die sonst auch in ihre Kirchen gingen. Die es aber genössen, einmal im Monat nicht darüber nachdenken zu müssen, was passieren könnte, wenn sie aufstehen und sagen: Ich bin schwul.

"Ich stehe zu der Kirche, in der ich getauft wurde"

In der Paulskirche betet Kammerer am Altar: "Erfülle die Menschen, die andere nicht so annehmen können wie du, mit Weisheit und Mut." Die Gläubigen stehen vor ihm, mit aufgeschlagenen Gebetbüchern, die Hände gefaltet. Sie gehen zur Kommunion, knien nieder. Zuvor hatte Kammerer gesagt, dass Glaube oft im Trotzdem bestehe - "ich glaube, dass viele deswegen hier sind".

Für die Teilnehmer der schwul-lesbischen Gottesdienste schließen sich Homosexualität und Katholizismus nicht aus. Doch viele Lesben und Schwule wenden sich von der Kirche ab, weil sie sich nach dem Coming-Out abgelehnt fühlen.

"Für mich ist es wichtig, als schwuler Mann Zeugnis abzulegen. Man muss Position beziehen, deswegen komme ich in die Messe", sagt Paul Holmes, der schon seit neun Jahren regelmäßig die Gottesdienste besucht. Wie fast alle hier ist er religiös erzogen, er besuchte eine Klosterschule, lebte sogar im Konvent. Offiziell geoutet hat er sich nie. "Ich muss das denen, die es sowieso nicht wissen wollen, nicht unter die Nase reiben."

Auch er spricht von der "Versuchung" sich abzuwenden. Was ihn in der Kirche hält? Holmes kann das so genau nicht erklären. Der Glaube scheint einfach stärker zu sein als die mangelnde Toleranz: "Ich stehe zu der Kirche, in der ich getauft wurde. Das ist meine Kirche."

Die Zweifel kennt auch Michael Brinkschröder, Theologe und Religionslehrer. Ein Jahr lang habe er mit sich gerungen, ob er schwul leben oder für die Kirche arbeiten wolle - und sich dann nicht gegen die Kirche, aber gegen den Dienst für sie entschieden. "Nur wenn ich offen schwul leben kann, kann ich meinen Glauben authentisch leben." Irgendwann war ihm klar: Als geouteter Theologe kann man keine akademische Karriere machen.

Nicht nur deswegen fühlt er sich diskriminiert von der Kirche. "Sie spielt sich einerseits als Verteidigerin der Menschenrechte auf, aber die Menschenrechte von Schwulen und Lesben bekämpft sie an vorderster Front." Deswegen sei der Gottesdienst für ihn einerseits ein innerkirchliches Signal, "andererseits ist es einfach mein Gottesdienst, mein Ort der geistigen Nahrungsaufnahme". Vom Licht des Lebens hatte Pfarrer Kammerer gesprochen, wie es Priester oft bei feierlichen Anlässen tun.

Am Ende der Messe nehmen einige Gläubige ihre Kerzen, die sie am Altar angezündet haben, mit nach Hause, sie lassen sie dort weiter brennen: ein kleines Zeichen der Hoffnung.

© SZ vom 14.02.2012/tob/rus

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