Theater:Die Götter der Schotterebene

Kastner

Heinz Kaschubek (Stefan Kastner) setzt auf Kant.

(Foto: Franz Kimmel)

Stefan Kastners "Ankündigung einer Vorarlberger Theatergruppe in Zeiten der Pandemie" ist die letzte Theateraufführung im alten Schwere Reiter

Von Egbert Tholl, München

Eines weiß man vorher schon: Wenn Stefan Kastner eine Theateraufführung mit dem Titel "Ankündigung einer Vorarlberger Theatergruppe in Zeiten der Pandemie" macht, dann wird keine Vorarlberger Theatertruppe auftreten. Im konkreten Fall deshalb nicht, weil sie noch in Bregenz an der Grenze festhängt. Mithin ist diese Aufführung eine von etwas, was nicht da ist, und dafür hat Kastner einen der schönsten seiner inzwischen zahlreichen schönen Texte geschrieben.

Kastner ist allein auf der Bühne, er ist Heinz Kaschubek. Der hatte Vorfahren in der Kaschubei, wo sich einige betätigungslos gewordene Kreuzritter auf ihrem Rückweg vom gelobten Land ansiedelten und einer von ihnen mit einer kaschubischen Bauerswitwe den Stamm der Kaschubeks begründete, die inzwischen in Berg am Laim leben. Dort ist auch der Sitz dieser Zeitung, aber das hat mit Kaschubek, Kreuzrittern und der Kaschubei nichts zu tun.

Die drei Auftritte der Vorarlberger, die nicht kommen, sind die letzten Theateraufführungen, die im alten Schwere Reiter zu sehen sind, von 25. bis 27. Oktober. Ende des Monats gibt es noch eine Tanzproduktion von Micha Purucker, das war's dann erst einmal mit dem geliebt unmöglichen Raum mit seiner wundervollen Atmosphäre, dann wird nur noch gegenüber gespielt, im tollen neuen Haus, und das alte darf auf eine dereinstige Wiedergeburt hoffen. Göttlichen Beistand dafür gibt es, dafür sorgt der Kastner.

In ihrem Verschwinden setzten die Gletscher in der Münchner Schotterebene Geister und Götter frei

Denn irgendwie scheint es so zu sein, falls Herr Kaschubek Recht hat, dass die Gletscher, die vor vielen Jahren verschwanden und die Münchner Schotterebene zurückließen, in ihrem Verschwinden die in ihnen eingeschlossenen Geister und Götter freisetzten. Diese werden nun verwaltet vom Götterkundemuseum in München, das in der Alten Münze beheimatet ist und von Dominik Wilgenbus geleitet wird. Das sieht man in den Filmen, die Kastner drehte - um Coronasicher die Produktion zu planen, beschloss Kastner, allein auf der Bühne zu stehen und sich mit den Menschen in diesen herrlich schrullig-konkreten Filmen zu unterhalten.

Während also Kaschubek im Auftrag des Arbeitsamts und mit Unterstützung mehrerer Werkausgaben der Kant'schen Kritiken und den Schriften weiterer Philosophen, darunter Kastner, dem Publikum die nicht stattfinden werdende Vorarlberger Aufführung schmackhaft macht, finden in den Filmen sehr lustige, in- und miteinander verwobene Geschichten statt. Da muss Friedrich Nietzsche (Luis Goodwin), freilaufend beim Fröttmaninger Kirchlein, von der Polizei eingefangen werden, bilden Katja Brenner und Uli Zentner ein Pärchen, das sich mit dem Erlös geklauter Stempelkissen nach Ecuador absetzen will, verwaltet Rainer Haustein sein Amt und sich mit größter Würde und verhagelt der Widerspruchsgeist der Denise (Lena Sammüller) dem Kaschubek sein Liebesglück. Aber Stefan Kastner singt eine Arie aus Händels "Jephtha" vom jungfräulichen Glück in den Sternen, und so geht alles gut aus.

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