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Schwanthalerhöhe:Pilotversuch Westend-Kiez

Sitzecken statt Parkplätze bei Pilotprojekt in München, 2019

Im Westend gab es 2019 die ersten "Parklets", jetzt soll der Stadtteil wieder Vorreiter sein.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Netzwerk Klimaherbst plant eine autoreduzierte Zone, in der nur Anwohner die Straßen befahren dürfen

Von Andrea Schlaier, Schwanthalerhöhe

Die Schwanthalerhöhe mausert sich zum Labor für nachhaltige Verkehrsversuche. Der Bezirk ist überschaubar, die Anbindung an Bus, Tram, S- und U-Bahn hervorragend, das Milieu gilt als aufgeschlossen. Einer von vielen Pilot-Vorstößen ist der Versuch des Bezirksausschusses, in sämtlichen Kreuzungsbereichen der Tempo-30-Zonen des Viertels sowie in Parkbuchten vor Supermärkten Rad-Parkzonen zu installieren - gemeinsam mit dem Planungsreferat wird an der Umsetzung laboriert. Neuerdings gesellt sich eine Idee hinzu, die auf einen "Superblock" im Quartier setzt, ein Geviert, das so "autoreduziert" werden soll, dass allein Anwohner mit ihrem Wagen durchfahren dürfen, alle anderen müssen außen herumkurven. Sylvia Hladky, einstige Leiterin des Verkehrszentrums auf der Theresienhöhe und Vorstandsmitglied des Netzwerks Klimaherbst, hat das Konzept "Westend-Kiez" als Pilotversuch in der Stadt gerade im Bezirksausschuss vorgestellt - in ihrer Funktion als Vertreterin der Münchner Initiative Nachhaltigkeit.

Vielen, sagt die Physikerin, falle es schwer, sich ihr unmittelbares Wohnumfeld völlig anders vorzustellen. Wenn man vor deren Haustür aber mal probeweise den Durchgangsverkehr aussperren und stattdessen dem unmotorisierten Leben mehr Platz einräumen würde, dann sei das doch ein brauchbares Testbild. Sie schlägt für den temporär befristeten Versuch eines "autoreduzierten Quartiers" das Straßenkarree Kazmair-/Ganghofer-/Schwanthaler- und Schießstättstraße vor, mit anderen Worten: das Herz des Westends.

Auch parkende Fahrzeuge sollten zeitweise so gut wie möglich verbannt, Straßen könnten etwa sonntags von 14 bis 18 Uhr gesperrt und zur Spielstraße umfunktioniert werden. "Erst mal", verspricht Hladky, "wollen wir aber die Anwohner informieren und fragen, was sie möchten, welchen Mobilitätsbedarf sie haben und was es noch braucht im Westend - Sharing-Systeme, Elektro-Taxis, Rikschadienste, Lieferdienste...?" Erst dann wolle man sich gemeinsam an die Umgestaltung machen. Wissenschaftlich begleiten sollen das Projekt Studierende der TU München, Lehrstuhl für Urban Design. Zur Finanzierung will man Stiftungsgelder beantragen.

Bei den "Parklets", also den hölzernen Konstruktionen zum Verweilen, die die Stadt und der Verein Green City für das Pilotprojekt "Sommerstraßen" 2019 erstmals aufgestellt hatten, sei vergangenes Jahr auch eine Anwohnereinbindung geplant gewesen, erinnert im Bezirksausschuss Florian Kraus (Grüne). "Das war aber sehr kurzfristig." Und lief bekanntlich nicht überall reibungsfrei. Hladky kennt die Problematik, schließlich habe eins der Parklets vor dem Büro ihrer Initiative an der Parkstraße gestanden. "Tagsüber war das toll, da nutzten das auch Eltern mit ihren Kindern, aber dann kam der Abend und ab 22 Uhr trinken, lachen, laut sein." Die Erfahrung habe sie sensibilisiert, "wir wollen uns vorher viel Zeit mit den Nachbarn nehmen". Kraus mahnt außerdem, bei den Inforunden auch an "nicht Deutsch sprechende Anwohner und Gewerbetreibende" zu denken. Christina Chatziparasidou (SPD) warnt: "Wenn man auf der einen Seite Autos wegnimmt, muss man darauf achten, dass sie sich nicht woanders türmen." Und was denn eigentlich sei, will SPD-Fraktionssprecher Willy Mundigl wissen, "wenn bei Ihrer Befragung rauskommt, dass die Leute nicht Ihre Spielstraße, sondern die Autos stehen lassen wollen?". Hladky verweist auf Kompromisse.

Bis zur Sitzung im September berät sich der Bezirksausschuss. Einen autoreduzierten "Blick weit in die Zukunft", sagt Hladky, könnten die Mitglieder am Sonntag, 23. August, auf der Schwanthalerstraße werfen - die Genehmigung des Kreisverwaltungsreferats vorausgesetzt. Dort wollen Studierende der TU München mit ihrem "Referat für Stadtverbesserung" bei einem Aktionstag unter dem Titel "100 Meter Zukunft" die Straße sperren, virtuell neu möblieren und ein autofreies Stadtleben simulieren.

© SZ vom 30.07.2020

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