Süddeutsche Zeitung

Schwanthalerhöhe:Auf eigene Faust

Weil die städtischen Recherchen zu Georg Freundorfer sich hinziehen, gibt der Bezirksausschuss selbst eine Studie in Auftrag

Von Andrea Schlaier, Schwanthalerhöhe

Wenn die städtischen Fachleute so lange brauchen für ihre Nachforschungen, dann kaufen sich die Stadtviertelvertreter in der Schwanthalerhöhe halt ihre historische Expertise selbst ein. Für 1000 Euro soll ein Geschichtswissenschaftler für sie Recherchen zum Leben und Wirken des Komponisten und Musikers Georg Freundorfer anstellen; insbesondere, was dessen Haltung und Handeln im Nationalsozialismus angeht. Herrscht danach mehr Klarheit, wollen sie entscheiden, ob der nach dem Künstler benannte Platz im Viertel umbenannt wird. Für dieses Vorgehen haben sich in der Sitzung des Bezirksausschusses (BA) Grüne, Linke und ÖDP gegen die Stimmen von SPD, CSU und FDP ausgesprochen.

Bereits vor sechs Jahren hatten die Stadtviertelpolitiker einmütig einen Antrag gestellt, die Vita Freundorfers auf dessen Engagement für die Nazis hin abklopfen zu lassen. In diesem Frühjahr fiel außerdem die Entscheidung, dass innerhalb eines Bürgerbeteiligungsprozesses gleich der zweite Schritt gemacht und über den künftigen Namen des zentralen Platzes beraten werden soll. Gern hätte man als Grundlage dafür schon stabile historische Erkenntnisse über Freundorfer herangezogen, der 1935 den "Gruß an den Obersalzberg", Hitlers oberbayerisches Bergdomizil, komponiert hat. Die Faktenlage zu dem Musiker ist nach wie vor dünn. Und das Stadtarchiv samt einem innerstädtischen Fachgremium kommt nach eigenen Angaben nicht vor 2023 dazu, innerhalb der Untersuchung "Historisch belasteter Straßennamen" weitere Nachforschungen anzustellen und dann im Anschluss Empfehlungen für den Umgang mit dem umstrittenen Musiker aus der Schwanthalerhöhe zu geben.

"Zeitnah", darauf hat Daniel Günthör (Grüne) als Initiator des aktuellen Recherche-Antrags von Grünen und Linke/ÖDP mehrfach verwiesen, wolle man in der Sache vorgehen. Die stellvertretende BA-Vorsitzende und SPD-Fraktionssprecherin Ulrike Boesser konnte der Idee des Sonderwegs aber nichts abgewinnen: "Wir sehen überhaupt keine Notwendigkeit, Extra-Geld aus dem BA-Budget in die Hand zu nehmen." Man wolle durchaus, dass noch mal genau hingeschaut und geprüft werde, aber die Umbenennung habe der Bezirksausschuss nicht in der Hand. "Die Entscheidung fällt dann ohnehin im Stadtrat."

Boessers Partei-Kollege Holger Henkel zog in Zweifel, "ob man mit 1000 Euro überhaupt weiterkommt bei einem Stundensatz von 40 Euro." In seinen Augen handelt es sich um "eine unnötige Investition, weil die Stadt doch eh prüft". Sophie Kluge (CSU) bot sich selbst für Nachforschungen an und empfahl eine entsprechende "Task Force" auf Stadtviertel-Ebene. Das Schlusswort nahm die Ausschuss-Vorsitzende Sibylle Stöhr (Grüne) für sich in Anspruch: "Wir vergeben uns dadurch nichts und geben für ganz andere Sachen Geld aus."

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SZ vom 28.07.2021
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