Kolumne: Das ist schön:Mehr Schwabing wagen

Wegen der Pandemie konnte 2020 der Schwabinger Kunstpreis nicht überreicht werden. In dieser Woche wurde deswegen an einem Abend gleich doppelt gefeiert. Mit Lachern, Tränen und Schlagfertigkeit.

Von Susanne Hermanski, München

Das Stadtviertel verliert sich immer mehr im Unendlichen. Durch solche Euphemismen wie "Schwabing-Nord", an denen ausschließlich Immobilienmakler ihre Freude haben, franst es an allen Ecken und Enden aus. Sicher stückeln die Burschen bald oberhalb der Allianz-Arena "Schwabing Nord-Nord-West 4.0" an. Und, ok, die lustigsten Orte, die das eigentliche Schwabing zu bieten hatte, sind alle langsam verschwunden. Ranzlige Kneipen, Filmkunstkinos und die Ateliers, in denen doch leibhaftig gemalt worden ist. Aber ganz aufgelöst hat es sich trotzdem nicht, dieses Schwabing, weil es sich dabei bekanntlich in erster Linie um ein Gefühl handelt. Und das war in dieser Woche ganz groß.

Denn pandemiebedingt konnte der Schwabinger Kunstpreis 2020 nicht überreicht werden, und so hat die Stadt dies nun im Doppelpack mit den Preisträgern 2021 nachgeholt. Die Kabarettistin Maria Peschek, die Poetry-Slam-Master Ko Bylanzky und Rayl Patzak, der Holzbildhauer Johannes Hofbauer, der Puppenspieler und Entertainer Albrecht von Weech, die Liedermacherin Elke Deuringer und die Komödiantin Julia von Miller haben den Preis erhalten. Unter Lachern und Tränen, mit einem Programm, das durch ihre eigenen Darbietungen getragen wurde. Das noch dazu in einer neuen, echten Schwabinger Location, dem Theater Leo 17. Genau genommen, gibt es diese Bühne der Rudolf-Steiner-Schule freilich schon lang. Doch hat sie ein weiterer typischer Schwabinger, Till Hofmann, in Zeiten der Pandemie erst für seine Kleinkunstprogramme wach geküsst.

Wie sehr jeder einzelne der Preisträger für Schwabing steht, ließe sich in den Jurybegründungen nachlesen. Es spiegelt sich aber auch in einer einzigen Szene von jenem Preisverleihungsabend. Und wie der Mythos Schwabing lebt! Er lebt von Chuzpe, Schlagfertigkeit - und einer gesunden ironischen Distanz zu jeder Obrigkeit. Ja, sogar dann, wenn sie ein so freundliches Gesicht besitzt wie ein Anton Biebl. Als der Kulturreferent Julia von Miller die Urkunde überreicht (und damit 5000 Euro ), erwidert sie trocken: "So einen Kunstpreis zu erhalten, macht schon sehr viel mehr Spaß als die Überbrückungshilfe." Das ist schön gesagt.

© SZ/lyn
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