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Schwabing:Wuchtiger Wolpertinger

O'klopft is! Barbara Oppenrieder (3. v. re. vorn) und Wolfgang Gottschalk (re. daneben) mit dem Team. Der Sphinxkopf wird gesondert gefertigt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Steinmetzschüler fertigen am Nordfriedhof öffentlich die Replik einer historischen Sphinx-Skulptur

Dirk Heißerer hat sich schon ganz pragmatisch überlegt, welche Wirkung die beiden Fabelwesen womöglich haben könnten. "Es stirbt sich sehr viel leichter, wenn man weiß, dass die Figuren am Eingangstor sind", spekuliert er über den Gewinn für das Gemüt der Münchner, sobald die Sphinx-Skulpturen am Portal des Nordfriedhofs platziert sein werden. Es ist eine leidenschaftliche Rede, die der Literaturwissenschaftler und Vorsitzende des Thomas-Mann-Forums München am Donnerstag in einer Bauhütte am Nordende der Friedhofsanlage hält. Er spricht von einem "kulturhistorisch einzigartigen Rekonstruktionsprojekt".

Zwei Dutzend Menschen haben sich in der provisorischen Werkstatt an der Ungererstraße versammelt, um das "Anklopfen" zu zelebrieren, wie das Steinmetzgewerbe den ersten Schlag auf das Werkstück bezeichnet, in diesem Fall ein ganz besonderes: Ein 1,92 Meter langes, 62 Zentimeter breites und 1,70 Meter hohes Mischwesen mit Löwenkörper und Hahnenkopf soll aus einem 2,3 Tonnen schweren Block Kelheimer Kalkstein gehauen werden.

Es ist die erste originalgetreue Replik einer jener Sphingen, von denen zwei bis zum Ende der 1960er Jahre beiderseits der Treppe den Eingang zum Nordfriedhof bewachten, einem byzantinisch inspirierten Bauwerk, geplant von Stadtbaurat Hans Grässel, der die Anlage mit reichem figurativen Schmuck und den Sphingen versah.

Diese sind ins Gedächtnis Münchens eingeschrieben, seit der Schriftsteller Thomas Mann sie in seinem Roman "Der Tod in Venedig" als "apokalyptische Tiere" beschrieben hat - allerdings sind die wuchtigen Wesen auf obskure Weise verschwunden. Die Stadt hat keinen Nachweis über ihren Verbleib; nach Heißerers Recherchen hat sie ein Münchner Baurat "eigenmächtig" an einen Steinmetz in Niederbayern verkauft, weil er "diese Scheißviecher" weghaben wollte, wie Heißerer aus einer Quelle zitiert. Nun sollen die Figuren als Nachbildungen wiederkehren, hat sich die Friedhofsverwaltung überlegt und der Stadtrat beschlossen - passend zum Jubiläum "200 Jahre kommunales Friedhofs- und Bestattungswesen in München", das heuer ansteht. Überaus passend ist das Projekt auch für die Steinmetz-Innung München und Oberbayern, die sich sogleich als Projektleitung empfahl und der Stadt die fertige Sphinx als Schenkung überlassen wird. Denn der Berufsverband kann damit den Blick auf eine Branche lenken, die von argen Nachwuchssorgen geplagt ist.

Allein, es gibt junge Menschen, bei denen eine Leidenschaft für diesen Beruf zu bemerken ist. "Unglaublich, dass ich die Chance habe, bei einer so außergewöhnlichen Bildhauerarbeit mitzumachen", sagt Lukas Diessner. Der 23-Jährige ist einer von elf Meisterschülern, die nun donnerstags, freitags und samstags jeweils von 10 bis 17 Uhr dabei beobachtet werden können, wie sie die Sphinx aus dem Stein meißeln. Sie tun das anhand eines Modells, das der Steinmetzmeister und Restaurator Wolfgang Gottschalk und seine Lebensgefährtin Barbara Oppenrieder, ebenfalls Steinmetzmeisterin, angefertigt und neben den unbehauenen Steinblock platziert haben: Wochenlang hat das Paar Archive durchforstet, dann in monatelanger Arbeit eine historisch exakte Blaupause aus geschäumtem Kunststoff (Styrodur) im Maßstab eins zu eins geformt. Die steinerne Sphinx soll am 11. Juli fertig sein; über die zweite muss der Stadtrat noch entscheiden. So wird München bald wieder "apokalyptische Tiere" im Stadtbild haben; wobei Oppenrieders Terminus auch seinen Charme hat: Sie fände "byzantinische Wolpertinger" passend.