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Schwabing:Wege aus dem Teufelskreis

Straßenschild Kraepelinstrasse, 2006

Eine gute Adresse: das Max-Planck- Institut für Psychiatrie.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Max-Planck-Institut für Psychiatrie optimiert die Behandlung autistischer Menschen

Matthias Meyer hat schon morgens um sieben Schweißausbrüche. Gleich muss er zur Tür raus, die Arbeit ruft. Wenn er Pech hat, steht ausgerechnet in diesem Moment sein Nachbar draußen und verwickelt ihn in ein belangloses Gespräch. Über das schöne Wetter heute. Über Pläne für die kommenden Ferien. Über das neueste Buch, das ihn gerade so fasziniert. Das stresst Meyer, er kann mit diesem Geplauder nichts anfangen.

"Smalltalk", weiß Leonhard Schilbach, "ist der Horror für Autisten". Sich blumig oder gar metaphorisch auszudrücken, eine amüsante, unangestrengte Konversation zu führen, das überfordert Menschen mit Autismus. Sie tun sich schwer mit sozialen Kontakten, können sich nicht in andere hineinversetzen.

Schilbach ist Oberarzt und Leiter der Ambulanz für Störungen der sozialen Interaktion am Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie an der Kraepelinstraße. Er kümmert sich besonders um Menschen mit hochfunktionalem Autismus. "Erwachsene mit dieser Form des Autismus sind Menschen mit ganz normalen kognitiven und intellektuellen Fähigkeiten", erklärt der Mediziner, "sie haben aber große Probleme im Alltag, weil sie keine Antennen dafür haben, was sozial erwünscht ist." Da sie alles wörtlich und persönlich nehmen, werden Menschen wie Meyer von Nachbarn oder Kollegen schnell als komisch und schwierig bezeichnet - dabei reagieren sie nur ungelenk und unbeholfen.

400 000 Menschen leiden in Deutschland unter diesem Krankheitsbild. Autisten, weiß Schilbach, sind überdurchschnittlich oft arbeitslos. Und das, obwohl sie meist über eine gute Ausbildung verfügen, häufig ein besseres Abiturzeugnis haben als ihre Mitschüler. Aber sie sind kaum teamfähig und wenig kommunikativ. "Das ist besonders im Berufsleben problematisch", erklärt der Psychiater. In der Pause, wenn Teamkollegen sich mal über etwas anderes als über den Job unterhalten wollen, verkrampft der Autist. Für ihn zählen klare Fakten, alles andere bedeutet Stress. Er äußert sich auch dem Chef gegenüber unverblümt - und vergreift sich dann schon mal im Ton. Leonhard Schilbach: "Der Vorgesetzte reagiert gereizt, was wiederum der Autist nicht versteht."

Diesem Teufelskreis, der nicht selten in Depressionen mündet, zu entgehen, ist schwierig. Es gibt kaum Behandlungsmethoden, zumal hochfunktionaler Autismus oft erst im Erwachsenenalter diagnostiziert wird. Bei Kindern und Jugendlichen tolerieren Eltern und Lehrer ungewöhnliches Verhalten eher, vor allem, wenn die Noten stimmen. Um Betroffenen endlich eine Erfolg versprechende Behandlung zu ermöglichen, bietet Schilbachs Ambulanz von März an erstmals eine Autismus-Therapie-Gruppe für Erwachsene an (Mate). Bis zu acht Patienten treffen sich einmal wöchentlich, um Erfahrungen auszutauschen, Tipps für die Alltagsgestaltung zu bekommen und einfach mal unter Gleichdenkenden zu entspannen. Ein Zyklus beinhaltet zwölf Sitzungen, danach startet eine neue Gruppe. Die Kosten für die Therapie übernimmt die Krankenkasse. Kontakt: 306 22-230 oder interaktionsambulanz@psych.mpg.de.