Schwabing Unruhe in der Büro-City

Manche Konzerne in der Parkstadt Schwabing sehen die angespannte Verkehrslage im Viertel als negativen Standortfaktor und werben für ein "Mobilitäts-Zukunftskonzept" - die Stadt will nur ein Infrastrukturprojekt angehen

Von Stefan Mühleisen, Schwabing

Die Parkstadt Schwabing zählt zu den bedeutenden Gewerbestandorten in München: Gut 200 Betriebe haben sich in dieser Büro-City angesiedelt, Weltfirmen wie Microsoft, Osram oder Amazon richteten zwischen Mittlerem Ring und Domagkstraße ihre Deutschland-Zentralen ein. Doch die Zufriedenheit mit dem Standort hat bei manchen Firmen nachgelassen. Der Grund ist die Verkehrsbelastung, unter der die Wohnbevölkerung seit Langem leidet - und die nun zum Negativ-Faktor für die Unternehmen wird. "Die Verkehrslage ist mittlerweile ein Problem", sagt Torsten Wolf, Sprecher des Lampen-Konzerns Osram. Es habe schon Kündigungen von Mitarbeitern wegen der Anfahrtszeiten gegeben, berichtet er. "Teilweise fordern Bewerber einen Tiefgaragenplatz, damit sie bei uns eine Stelle antreten."

Die Parkstadt Schwabing, ein ehemaliges Industriegebiet, wird seit der Jahrtausendwende zum neuen Stadtteil entwickelt. Die derzeit gut 2300 Einwohner sind eine Minderheit in diesem von Gewerbe-Komplexen geprägten Gebiet mit 12 000 Arbeitsplätzen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist das 40 Hektar große Areal nur an den Rändern erschlossen: Die Tramlinie 23 hält im Westteil; im Osten, jenseits der Autobahn, ist der U6-Halt "Alte Heide" einen halben Kilometer entfernt; im Norden, an der Domagkstraße, verkehrt eine Buslinie. So fahren viele Mitarbeiter mit dem Auto in die Parkstadt, wo es für die Pendler viel zu wenig Parkplätze gibt. "Die Zugangskarten zur Tiefgarage sind hart umkämpft", sagt Osram-Sprecher Wolf. Sehr häufig, berichtet er, komme es vor, dass Mitarbeiter wegen Staus und Bahn-Störungen zu spät kämen; viele wollten verstärkt im Home-Office bleiben.

Dicht an dicht: Parkplätze sind in der Parkstadt Schwabing äußerst rar.

(Foto: Florian Peljak)

Bei Microsoft mag Niederlassungsleiterin Anna Kopp einen Standortnachteil wegen des Verkehrsproblems nicht bestätigen. Allerdings räumt sie ein: "Wir haben das Glück, noch zwei Jahre lang über 300 Außenparkplätze zu verfügen." Ferner gibt es unter dem Microsoft-Komplex gut 350 Tiefgaragenplätze. Kopp hebt hervor, dass die neue Konzernniederlassung konsequent auf flexible Arbeitszeiten und -orte angelegt sei, ferner ein breites Mobilitätsangebot aufgelegt wurde, mit Car-Sharing und Dienstfahrrad-Angeboten etwa, was gut angenommen werde. "Doch der Verkehr wird nicht weniger werden. Wir haben großes Interesse, dass die Infrastrukturprobleme gelöst werden", sagt Kopp.

Die prekäre Lage kam zuletzt bei einem runden Tisch zur Sprache, als sich Vertreter von Microsoft, Osram, Züblin, Strabag, Fujitsu, Amazon, MAN und anderen mit Emissären der Stadtverwaltung, Stadträten und örtlichen Politikern trafen. Ekkehard Pascoe, für die Grünen im örtlichen Bezirksausschuss (BA), registrierte dabei eine gehörige Unruhe unter den Firmenabordnungen, wegen den argwöhnischen Blicken von Bewerbern auf die widrige Verkehrslage beim Konkurrenzkampf um Fachkräfte ins Hintertreffen zu geraten. Die Firmenriege warb für die Umsetzung eines Maßnahmenbündels, präsentiert unter dem Titel "Mobilitäts-Zukunftskonzept Parkstadt Schwabing": Als Vorschlag wurde etwa formuliert, E-Scooter und Leih-Fahrräder an den nächstgelegenen U-Bahn-Stationen sowie am Park-and-Ride-Parkplatz "Studentenstadt" zu platzieren, um Mitarbeitern die Autoanreise "auf der letzten Meile" zu ersparen; das gleiche soll durch öffentliche und "firmenübergreifende" Pendelbusse geschehen. Die Unternehmen plädieren ferner dafür, Lieferzeiten für Lkw zu begrenzen, Ladezonen auszuweisen - und sie drängen auf Änderung der Verkehrsführung.

Oberbürgermeister Dieter Reiter bei der Eröffnung einer Mobilitätsstation im benachbarten Domagkpark - in der Parkstadt gibt es auch schon eine.

(Foto: Robert Haas)

Für Letzteres hat das Planungsreferat schon ein Konzept ausgearbeitet: Qua einem Beschlussentwurf für den Stadtrat soll flächendeckend das Parken nur noch für gewisse Dauer oder gegen Gebühr möglich sein. Ferner ist vorgesehen, die Herbert-Bayer-Straße für Autos zu sperren. Damit wäre ein Stöpsel in Nord-Süd-Richtung gesetzt, der Verkehr würde über die Walter-Gropius-Straße parallel zur Autobahn, also nicht mehr mitten durchs Viertel, abgewickelt. Das soll vor allem den Durchgangsverkehr umleiten. Etwa 12 000 Autos fahren nach Behördenangaben täglich in das Viertel hinein, darunter etliche, welche die Achse Lionel-Feininger-Straße von ihrem Navigationsgerät als Ausweichroute empfohlen bekommen, um dem Stau auf dem Mittleren Ring zu entgehen.

Der Politik reicht das allerdings nicht. "Der Stöpsel ist ein großer Gewinn für die Wohnbevölkerung, nützt den Unternehmen aber kaum etwas", sagt CSU-Stadträtin Dorothea Wiepcke, die ebenfalls an dem runden Tisch teilgenommen hat. Die Firmen, so ihre Wahrnehmung, stünden unter enormen Druck, ihre Arbeitsplätze attraktiv zu halten. Sie spricht von "dringenden Handlungsbedarf" und fordert, zügig ein tragfähiges Mobilitätskonzept im Dialog mit Betrieben, Bürgern und Politik zu erarbeiten.

Der BA Schwabing-Freimann wird sich in seiner Sitzung an diesem Dienstag im Freizeittreff Freimann, Burmesterstraße 27, mit dem behördlichen Beschlusspapier befassen (Beginn: 19.30 Uhr). "Eine Verkehrswende sieht anders aus", umschreibt Grünen-Politiker Pascoe das Ergebnis der Vorberatungen dazu.