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Schwabing:Stöpsel rein

Parkstadt Schwabing in München, 2019

Problemfall: Bürger und Politiker fordern Lösungen für den Verkehr in der Parkstadt, wo es 12 000 Arbeitsplätze gibt und 2300 Menschen leben.

(Foto: Catherina Hess)

Viele Ideen, auch von ansässigen Konzernen, zur Reduzierung der Verkehrsbelastung in der Parkstadt hängen in der Warteschleife. Der Bezirksausschuss dringt nun auf provisorische Sperrung der Herbert-Bayer-Straße

Die Schmerzgrenze ist bei den Bewohnern in der Parkstadt Schwabing offenbar derart überschritten, dass sie sich noch nicht einmal mehr aufregen. Wenn die örtliche Verkehrslage in den vergangenen Jahren auf der Tagesordnung einer Veranstaltung stand, dann kamen sie zu Dutzenden, beklagten lautstark die Misere, forderten wütend Lösungen ein.

In der Sitzung des Bezirksausschusses Schwabing-Freimann waren es kürzlich gut 20 Parkstädter, die jedoch nicht ihrem Ärger Luft machten, sondern ohne Wortmeldungen der Abstimmung folgten, wenngleich teils mit grimmigen Mienen. Womöglich sind die Bewohner dieses Quartiers inzwischen ermattet von dem schier endlosen Hü und Hott, wenn es um Konzepte für die heillos überlastete Infrastruktur geht. Dabei kam das Gremium an diesem Abend einer häufig vorgebrachten Forderung von Bürgern nach: Es verlangt jetzt auf Initiative der CSU von der Stadt den "Stöpsel" in der Parkstadt, wie es von den mit der Materie Vertrauten gern bezeichnet wird. Soll heißen: die Sperrung der Herbert-Bayer-Straße, und zwar, "so schnell wie möglich und unabhängig von den anderen geplanten Maßnahmen in der Parkstadt Schwabing wie betriebliches Mobilitätsmanagement, Parkraumbewirtschaftung, Platzgestaltung etc".

Die Aufzählung und das "et cetera" am Schluss dokumentieren die ebenfalls überstrapazierten Nerven des Bezirksausschusses bei diesem Thema. Die Politiker wollen endlich Taten sehen; sie sind, wie auch die Anwohner, des Wartens müde, nachdem die Stöpsel-Entscheidung immer wieder verschoben wurde. "Nach mehr als zwölf Monaten liegen dem BA keine Ergebnisse vor, daher ist es zur Entlastung der Wohnbevölkerung der Lyonel-Feininger-Straße und der Marianne-Brand-Straße (...) geboten, etwas zu unternehmen, und zwar unabhängig von den übrigen Maßnahmen", so die Begründung in dem Antrag.

Die übrigen Maßnahmen - damit ist einerseits ein ganzes Bündel von Vorschlägen gemeint, die das Planungsreferat im Dezember 2018 zu einem Beschlussentwurf für den Stadtrat zusammengefasst hatte. Es sind Überlegungen, ein Gebiet mit 2300 Bewohnern vom täglichen Ansturm der Pendler zu entlasten, welche die Lyonel-Feininger-Straße entweder als Schleichweg von oder zum Mittleren Ring nutzen, oder ihr Auto in einem Quartier mit 12 000 Arbeitsplätzen abstellen. Dazu kommen allerlei Busse und Taxis, welche die vier Hotels mit insgesamt 880 Zimmern ansteuern sowie Lkw, die das Parkstadt-Ladenzentrum beliefern. Der erste Punkt auf der behördlichen Maßnahmenagenda: die Herbert-Bayer-Straße für den Kfz-Verkehr zu sperren, um den Durchgangsverkehr aus dem Wohngebiet herauszuhalten. Dazu sah das Konzept abschnittweise Tempo-30-Zonen, neue Vorfahrtsregeln und ein Parkraummanagement vor.

Doch der Beschluss passierte den Stadtrat nicht, vielmehr diente er als Arbeitsgrundlage für einen runden Tisch mit den örtlichen Unternehmen wie Microsoft, MAN, Züblin oder Amazon, die ebenfalls großes Interesse an Auswegen aus der Verkehrsmisere haben. Längst herrscht Unruhe in den Bürokomplexen zwischen Mittlerem Ring und Domagkstraße: Die Blech-Karawane hat sich zum negativen Standortfaktor entwickelt, vor allem im Konkurrenzkampf um begehrte Fachkräfte, die sich allerdings nicht unter widrigen Bedingungen ins Büro quälen wollen.

Die Firmenriege stellte deshalb ein "Mobilitäts-Zukunftskonzept" zusammen, mit E-Scootern, Leihfahrrädern, Fahrradparkhäusern, Lieferzonen sowie Ideen zu neuen Einbahnstraßen-Regelungen. All dies wurde in internen Runden wie auch in öffentlichen Veranstaltungen mit Behördenmitarbeitern und Politikern diskutiert. Zuletzt hieß es im Juli 2019, es solle alles noch einmal überprüft und überarbeitet werden. Bisher ohne vernehmbares Ergebnis - was den BA nun zu der Überzeugung führte, zumindest den "Stöpsel" als provisorische und spürbare Entlastung zu verwirklichen, was ohnehin schnell wieder rückgängig zu machen sei. In den Worten des BA-Antrags: "Sollten die Ergebnisse der anderen in 12 bis 24 Monaten vorliegen und die Abhängung der Herbert-Bayer-Straße tatsächlich nicht mehr notwendig sein, können die vorläufigen Maßnahmen (...) ohne Aufwand entfernt werden."

© SZ vom 14.02.2020
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