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Schwabing:Selbstbewusst und mitten im Leben

Am Donnerstag wird das "Forum am Luitpold" am Scheidplatz offiziell eröffnet. Die Pfennigparade ermöglicht mit dem rund 28 Millionen Euro teuren Gebäudekomplex Menschen mit Behinderung eigenständiges Wohnen und den täglichen Kontakt zwischen Jung und Alt

Die Wände in Alexander Bassarinis Wohnung sind fröhlich bunt. Das Wohnzimmer ist rot gestrichen, im Schlafzimmer dominiert ein Blauton. "Bei Blau", lächelt der neue Mieter, "kann man nachts so gut entspannen". Draußen auf der Terrasse will der 42-Jährige "ein bisschen was anbauen." Tomaten vielleicht. Noch ist nicht alles fertig eingeräumt, Bassarini ist erst vor Kurzem ins "Forum am Luitpold" eingezogen. 26 Jahre hat er mit seinen Eltern auf dem Areal der Stiftung Pfennigparade an der Barlachstraße gelebt - spinale Muskelatrophie, Folge einer Impfung im Kindesalter, fesselte ihn früh an den Rollstuhl. Und das Zwei-Zimmer-Appartement, das er jetzt ganz nach seinem Gusto einrichten darf, ist seine erste eigene Bleibe.

Auf einem 10 400 Quadratmeter großen Grundstück direkt am Scheidplatz hat die Pfennigparade für rund 28 Millionen Euro eine innovative Mehrgenerationen-Anlage errichtet. Ein "Leuchtturmprojekt der Inklusion", wie Bayerns damalige Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) und Münchens Dritte Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD) beim Spatenstich vor drei Jahren unisono lobten. Der Bau hat ein wenig länger gedauert als geplant, 27 entdeckte Brandbomben und jede Menge Bauschutt verzögerten das Projekt.

Rund hundert vorwiegend ältere Menschen mit Behinderung ermöglicht das Haus eigenständiges Wohnen, ohne zu vereinsamen: Es ist so konzipiert, dass Jung und Alt sich auf dem Gelände treffen, dass Menschen mit einer Behinderung gemeinsam Angebote mit Nichtbehinderten besuchen, dass Bewohner mit Gästen, quer durch alle Schichten und Kulturen, kommunizieren.

Das liegt zum einen an den Wegen. Sämtliche Gebäude umschließen das "Sternstundenhaus", ein Kinderhaus für 81 kleine Mädchen und Jungen. Für Konstanze Riedmüller, Leiterin des Forums am Luitpold, ist das Sternstundenhaus so etwas wie "das Herz der Anlage". Nicht nur, weil dort leicht- bis schwerstbehinderte und gesunde Kinder in kleinen Gruppen Seite an Seite lernen und spielen und Inklusion von klein auf als ganz selbstverständlich begreifen. Sondern auch, weil sich die Kleinen mit den älteren Bewohnern hin und wieder im Hof treffen. Weil sie einander durch die bodentiefen Glasscheiben, die überall im Forum zu finden sind, zuwinken können. Wer wie Alexander Bassarini seine Wohnung verlässt, passiert das Kinderhaus. Die 36 Mietwohnungen sind in zwei Gebäuden rechts und links der Kindertagesstätte angeordnet, ein großer Riegel grenzt den Innenhof von der stark befahrenen Belgradstraße ab.

Er ist das Entree ins Forum. Hundert Meter lang, fünf Stockwerke hoch, beherbergt der Riegel in den obersten drei Geschossen zusätzliche Wohnformen. 39 körperbehinderte Menschen mit hohem Pflegebedarf können hier stationär versorgt werden, ohne isoliert zu sein. Sie leben in Wohngruppen zusammen. Außerdem gibt es 16 Plätze in sogenannten Hausgemeinschaften mit ambulanter Versorgung: Jeweils vier Mieter, wovon jeder ein kleines Appartement mit eigener Kochzeile und Bad bewohnt, teilen sich ein Gemeinschaftswohnzimmer und eine große Küche. "Alle Wohnungen", sagt Konstanze Riedmüller, "sind mit einer Notrufnummer ausgestattet". Wer Kunde des ambulanten Dienstes im Haus ist, kann in der Nacht klingeln und um Hilfe bitten. 450 Anfragen hatte die Pfennigparade allein für diese 52 Appartements.

Neues Angebot

Die Münchner Volkshochschule (MVHS) hat im "Forum am Luitpold" eine neue Dependance eröffnet. Das Haus an der Belgradstraße 108 ist jetzt Anlaufstelle für Besucher der Schwabinger Senioren-VHS, auch das Fachgebiet "Barrierefrei lernen" wird künftig dort zu finden sein; die konsequent barrierefrei gestalteten Räume bieten ideale Voraussetzungen für inklusive Kursangebote. Anlässlich der offiziellen Eröffnung des Forums lädt die MVHS am Donnerstag, 12. Mai, zu einem Tag der offenen Tür am Scheidplatz ein. Von 14 bis 17 Uhr gibt es Kurzvorträge und Schnupperkurse aus den Bereichen Kunst und Kultur, Gesundheit, Sprachen und Politik. eda

Der Vernetzungsgedanke dominiert das Mehrgenerationenhaus. Das zeigt sich an dem Café, das am 1. Juni im Erdgeschoss der Belgradstraße 104 eröffnen soll, das symbolisiert die Volkshochschule (VHS), die bereits vor Wochen in die Nummer 108 eingezogen ist. Viele Angebote der VHS richten sich an Senioren, Anfang April fand eine Ausstellung mit Bildern von Künstlern des Kreativlabors statt.

Mervi Salo gehört zu dieser Künstlergruppe im Forum, sie hat die Hände voller Kleister. Für die Freie Bühne München fertigt die Kunstwerkstatt im Erdgeschoss derzeit Kleider aus Papier und Ritterrüstungen für das Stück "Hamlet: eine Maschine", Mervi konstruiert einen Helm. Es ist nicht das erste Mal, dass die Truppe Aufträge für die Bühne erledigt. Die zehn Aktiven haben schon Masken aus Latex hergestellt, ein Sofa, jede Menge Skulpturen. Und Klappmaulpuppen. Szenen mit solchen Puppen kommen in der Pfennigparade immer mal wieder zu Aufführung, als Improvisationstheater.

Wer die Gruppe besucht, zu Gast bei der VHS ist oder einen Termin in der öffentlichen Therapiepraxis im ersten Stock hat, verirrt sich auch schon mal im Forums-Komplex. "Das ist dann nett", sagt Riedmüller lachend, "unsere Bewohner gabeln die Leute irgendwann auf und bringen sie wieder zurück". Die Öffnung ins Viertel, das zwanglose Miteinander sind Ziel und Konzept des Mehrgenerationenhauses. Es gibt das Angebot der Kleingärtner von nebenan, den Bewohnern ihre Gärten zu zeigen. Im Gespräch sind gemeinsame Aktionen mit Schulen, mit dem Wohn- und Pflegeheim Damenstift, mit dem Jugendzentrum Haus am Schuttberg. "Wir haben bei der Stadt einen Inklusionsmanager zur besseren Einbindung dieses Projektes in den Stadtteil beantragt", sagt die Leiterin. Dass die Integration klappt, ist ihr ein Herzensanliegen. Bisher macht Riedmüller den Job noch so zwischen Tür und Angel, aber auf Dauer gehe das nicht.

Vielleicht erhält die Chefin bei der offiziellen Einweihung des Forums am Donnerstag, 12. Mai, ja schon eine Rückmeldung in dieser Frage - Bürgermeisterin Christine Strobl jedenfalls ist wieder mit dabei.