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Schwabing:Mitten im Leben

Vor 17 Jahren war die Initialzündung im Bezirksausschuss, nun ist aus der Idee Realität geworden: Die "Seniorenresidenz am Ackermannbogen" eröffnet offiziell und verfolgt mit speziellen Pflegeangeboten ein bezahlbares, aber innovatives Konzept

Von Ellen Draxel, Schwabing

Das Haus strahlt ein warmes Willkommen aus. Malerische Deko-Zäune mit eingestanzten Herzchen nebst einem schmucken Alufahrrad inklusive Glücksschweinchen und Blumen im Korb begrüßen den Besucher schon im Eingangsbereich. An der Rezeption bekommen Bewohner und Gäste freundlich Auskunft. Und die Cafeteria steht nicht nur jenen offen, die in der neuen Seniorenresidenz in der Siedlung am Ackermannbogen wohnen. Sondern jedem im Viertel, der Lust hat, neue Kontakte zu knüpfen.

17 Jahre hat es gedauert, bis der seinerzeit vom Bezirksausschuss Schwabing-West initiierte Gedanke, am Ackermannbogen ein bezahlbares, innovatives Seniorenwohn- und Pflegeheim mit einer besonderen Versorgung demenzkranker Menschen zu errichten, Realität wurde. Nun ist die Einrichtung an der Lissi-Kaeser-Straße 17 offiziell eröffnet worden, bereits im Dezember waren die ersten Bewohner eingezogen.

"Dieses Haus", betonte Sozialreferentin Dorothee Schiwy am Donnerstag bei einem Rundgang, "trifft den Puls der Zeit". Die Landeshauptstadt verbucht jährlich den Zuzug von 25 000 Neubürgern, zugleich werden die Menschen immer älter: Etwa 267 300 Münchner Bürger sind mindestens 65 Jahre alt; diese Gruppe macht damit 17,5 Prozent der Gesamtbevölkerung der Stadt aus. Für Dorothee Schiwy ist klar: "Der Bedarf an Betreuungsplätzen ist dadurch immens gestiegen." Zunehmen wird laut Schiwy vor allem die Zahl der Hochbetagten; derzeit sind rund 70 000 Bürger älter als 80 Jahre, bis zum Jahr 2020 wird damit gerechnet, dass diese Zahl um 43 Prozent steigt.

Selbstbestimmt, beschützt: Zu den zahlreichen Annehmlichkeiten des Seniorenzentrums am Ackermannbogen gehört ein Entspannungsraum.

(Foto: Robert Haas)

In der Seniorenresidenz am Ackermannbogen, die für 25 Millionen Euro von der Hanseatischen Betreuungs- und Beteiligungsgesellschaft (HBB) auf einem städtischen Grundstück mit einem Zuschuss des Sozialreferates von 1,9 Millionen Euro errichtet wurde, sind deshalb sämtliche Pflegemöglichkeiten unter einem Dach vereint. Neben 119 vollstationären Pflegeplätzen, von denen ein Fünftel für Menschen mit schwerer Demenz reserviert ist, gibt es einen Tagespflege-Bereich mit 15 Plätzen, der voraussichtlich im Juli seinen Betrieb aufnehmen wird.

Erstmals in München bietet dieses Haus zwei geförderte Nachtpflegeplätze an. So haben Familienmitglieder, die sich tagsüber durchgehend um Angehörige kümmern, die Chance, nachts ausreichend zu schlafen. Solche Plätze gibt es an drei Standorten in München, aber nur für Selbstzahler. Am Ackermannbogen werden diese Pflegeplätze erstmals vom Sozialhilfeträger finanziert. Sie sei gespannt, wie dieses neue Angebot angenommen werde, meinte Schiwy, denn: Der logistische Aufwand sei für die Angehörigen erheblich. Ähnlich äußerte sich der Geschäftsführer des Betreibers Domicil, Herbert Müller: "Dieses Projekt am Ackermannbogen ist auch für uns eine Herausforderung." Das Unternehmen hat viel Erfahrung als Träger von Pflegeheimen, aber "die Nachtpflege realisieren wir zum ersten Mal".

Im großen Garten stehen sonnige Bänke an einem Brunnen.

(Foto: Robert Haas)

Besonderheiten weist das Haus darüber hinaus bei einigen Räumen auf. Für demenziell erkrankte Menschen etwa gibt es einen speziellen Demenzgarten. Ein Entspannungsraum im Kellergeschoss, bestückt mit Bett, Couch, einer Säule aus Blubberblasen und bunten Lichtspielen und mit sanfter Musik beschallt, bewirkt ungewöhnliche therapeutische Erfolge. "Menschen, die unruhig sind oder Schmerzen haben, können hier wunderbar herunterfahren", erklärt Einrichtungsleiterin Karen Henn. Im Kreativraum nebenan darf gebastelt, gewerkelt und gelesen werden - gespendete Bücher, die sich noch auf dem Boden stapeln, sollen demnächst Platz in einem Regal finden. Und im Erdgeschoss, zwischen Foyer und Cafeteria, findet sich der "Raum der Stille", gedacht für Gespräche mit den Angehörigen im Zusammenhang mit der Trauerarbeit.

Die Seniorenresidenz umfasst neben der reinen Pflege aber noch einen zweiten großen Bereich: das betreute Wohnen. Die meisten Appartements sind Zwei-Zimmer-Wohnungen, sie messen 50 und 60 Quadratmeter, es gibt aber auch Einzel-Quartiere. Wer dort wohnt, kann an allen Veranstaltungen des Hauses teilnehmen, den Mittagstisch nutzen, die Wäsche waschen lassen und im Notfall auf einen ambulanten Pflegedienst zurückgreifen. Auch beim betreuen Wohnen greift der soziale Faktor: Einige der insgesamt 20 in sich abgeschlossenen Wohnungen sind gefördert und werden nur an Menschen vergeben, die auch Anspruch auf Sozialwohnungen oder das München-Modell hätten.

Die Seniorenwohnresidenz am Ackermannbogen bietet erstmals in München zwei geförderte Nachtpflegeplätze an.

(Foto: Robert Haas)

Ruth Stefan, eine von 38 Bewohnern und Bewohnerinnen, die schon in dem Haus leben, findet die Residenz auf jeden Fall "einmalig gut" - alles sei "hundertprozentig, die Belegschaft sehr zuvorkommend, wie im Hotel. Da gibt es nichts zu meckern". Nun hoffen Sozialreferentin Schiwy, Domicil-Vorstand Müller und HBB-Chef Oliver Radünz, dass auch die Nachbarn das offene Haus annehmen. Kooperationen mit dem benachbarten Kindergarten und der Mittelschule an der Elisabeth-Kohn-Straße gibt es bereits, Veranstaltungen wie Fachvorträge oder Tanzabende in der Cafeteria sind erwünscht.

© SZ vom 02.06.2017

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