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Schwabing:Mensch trifft Mensch

Im Café Bellevue tauschen sich Muslime und Nicht-Muslime in einem Speed-Dating-Format aus. Das Kopftuch und die Rolle der Frau im Islam beherrschen die Gespräche, bei denen Hardliner auf beiden Seiten allerdings fehlen

"Schade, jetzt können wir gar nicht weiter übers Kopftuch reden!" Christine lächelt. In der letzten Runde hat sie sich mit einer jungen Muslima unterhalten, die ein Kopftuch getragen hat, jetzt sitzt ihr Asaad gegenüber - ein Mann. "Klar können wir", entgegnet der, "frag einfach, ich werde dir alles beantworten". Und Christine legt los: Wie er denn zur Debatte um ein mögliches Kopftuchverbot stehe, fragt sie. Welche Rolle das Stück Stoff für die Frauen in seiner Umgebung und für ihn habe. Und warum seiner Meinung nach die Debatte darum so aufgeladen ist.

Genau solche Fragen sollen beim Speed-Dating zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen am Montagabend im Café Bellevue gestellt werden können. Angehörige aller Kulturen und Religionen, so die Idee der Veranstalter Teresa Niessen vom Verein Nachbarschaftshilfe und Taha Zeidan von der Initiative Münchner Muslime, sollen sich hier zum Austausch treffen und eben auch über Themen sprechen, die man sonst vielleicht nicht direkt mit Fremden bereden würde. Dazu zählt das Kopftuch. In anderen Gesprächen geht es aber auch um die generelle Rolle der Frau im Islam und religiösen Extremismus. Jeweils acht Minuten hat ein Duo, danach wechselt man wieder den Gesprächspartner.

Schnell mal Vorurteile abbauen: Acht Minuten hat ein Duo jeweils - für manche Fragen reicht die Zeit kaum.

(Foto: Stephan Rumpf)

Asaad überlegt kurz. Dann sagt er, dass er die Aufregung über die Lehrerin aus Berlin, der verboten wurde, im Unterricht ein Kopftuch zu tragen, damals nicht ganz verstehen konnte. In Bayern hingen doch auch Kreuze in vielen Klassenzimmern, die Diskussion habe ihm das Gefühl gegeben, dass Muslime noch lange nicht so selbstverständlicher Teil der Gesellschaft seien wie Christen. Und auch die Fixierung der Diskussion auf das Stück Stoff habe ihn mitunter verwundert. "Wenn ich meine Frau anschaue, sehe ich meine Frau", sagt er. "Andere sehen ein Kopftuch." Eigentlich sei das Thema eines, worüber er lieber nicht so oft reden würde. "Aber es kommt halt einfach immer wieder auf."

Teresa Niessen und Taha Zeidan haben sich beim Konzept an einer ähnlichen Veranstaltungsreihe aus Berlin orientiert. Dort heißt das Event "Meet a Muslim", Niessen und Zeidan aber wollten, dass das Gespräch nicht nur in eine Richtung geht. Nach einem ersten Termin im März haben sie nun einen zweiten Abend mit Speed-Dialogen organisiert. "Wir wollen ein Bewusstsein dafür wecken, dass man trotz Verschiedenheiten miteinander reden kann", sagt Zeidan. Er ist in München geboren und aufgewachsen, fühlt sich als Münchner - und als Muslim. "Das muss sich nicht ausschließen." Teresa Niessen ergänzt zum Konzept der Veranstaltung: "Wir wollen zeigen, dass man gar nicht so unterschiedlich ist. Eigentlich könnte es auch heißen: Mensch trifft Mensch."

Partnerwechsel. Asaad steht auf, dafür setzt sich nun Maiwand an den Tisch. "Den Namen vergisst du nie wieder", sagt er grinsend, als er sich vorstellt. Danach wird er ernst, es geht um die Rolle der Frau im Islam und ihre Stellung in der Gesellschaft in islamischen Ländern. Maiwand erklärt, man müsse beides getrennt voneinander sehen, Kultur und Religion. Letztere sei im Koran und in anderen Schriften festgeschrieben, die Kultur aber sei wandelbar. Im Islam hätten Männer und Frauen zwar andere Rechte und Pflichten, seien aber eigentlich gleichgesetzt, beispielsweise hätten sie ein Recht auf Arbeit. Irgendwann aber hätten sich, so Maiwand, "eifersüchtige, dumme Männer" zusammengesetzt und beschlossen, Frauen müssten zuhause bleiben und sich um die Kinder kümmern. Und weil das bereits vor vielen hundert, wenn nicht gar tausend Jahren passiert sei, beriefen sich heute viele muslimische Männer auf die Tradition ihrer Vorfahren, wenn sie ihre Frauen nicht so behandeln, wie es der Koran vorschreibe. "Man muss die Kultur von der Religion separieren", sagt er. "Aber das passiert nicht." So entstehe bei vielen Nicht-Muslimen das Bild des frauenunterdrückenden Islams. Dabei sei daran eben nicht die Religion schuld, sondern die Kultur.

Was bei den 13 Teilnehmern, neun Muslime, vier Nicht-Muslime, auffällt, ist, dass auf beiden Seiten die Hardliner fehlen. Kein fundamentalistischer Muslim ist gekommen, genauso fehlen Menschen mit einem fremdenfeindlichen Weltbild. Teresa Niessen hätte sich gefreut, wenn Leute gekommen wären, die nicht schon von Haus aus offen für die jeweils andere Kultur sind. "Aber die erreichen wir wohl gar nicht", sagt sie. Und auch Asaad hätte gerne noch mit jemandem gesprochen, der dem Kopftuch nicht so neutral gegenübersteht wie Christine. Acht Minuten hat er ihr von seiner Religion erzählt, selbst gefragt hat er nichts. "Wieso auch", meint er verwundert, "ich bin hier aufgewachsen. Ich kenne das doch alles hier."