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Schwabing:Knusper, knusper, knäuschen

Nicht ganz der Kinderoper entsprechend, sondern spielerischer angesetzt ist Verena Kleys Produktion, hier ein Ausschnitt von den Proben.

(Foto: Robert Haas)

Wenn die böse Hexe im Singspiel "Hänsel und Gretel" nach einem noch nie aufgeführten Liederzyklus Engelbert Humperdincks auf den Plan tritt, halten selbst bei den Proben alle inne. Das Jugendkulturprojekt feiert demnächst im Münchenstift Premiere

Die Inszenierung beginnt mit einem Knobel-Duell. Erster Akt, erste Szene: Hänsel spielt mit Gretel "Schere Stein Papier". Der Junge verliert, bekommt die Augen verbunden und muss versuchen, die anderen Kinder auf der Bühne zu fangen. Doch es dauert nicht lange, da hat Hänsel keine Lust mehr. Ihn plagt der Hunger: "In meinem Bauch", schimpft der Held, "zwickt's und sticht's". Er wolle "jetzt sofort was zu essen", mosert er seine Schwester an. "Und zwar was anderes als trocken Brot." Ein Kinderchor intoniert währenddessen "Suse, liebe Suse, was raschelt im Stroh".

In Engelbert Humperdincks spätromantischer Oper "Hänsel und Gretel" singen Hänsel und Gretel die "Suse" selbst. Die Fassung aber, die derzeit im Theatersaal des Schwabinger Münchenstifts einstudiert wird und Mitte November zur Aufführung kommt, ist anders konzipiert. Spielerischer. Mit mehr Chorgesang. Humperdincks Komposition gilt zwar als Kinderoper, der märchenhaften Geschichte und der volksliedhaften Musik wegen. Weshalb Musikpädagogin Verena Kley das Werk auch für ihr drittes Jugendkulturprojekt ausgesucht hat. Der Fokus liegt für die Pianistin und Mutter dreier Kinder aber auf dem, was ihre jungen Darsteller zu leisten vermögen und wozu sie Lust haben. Nicht auf einer Eins-zu-eins-Umsetzung des Originals. Das war schon 2014 bei Mozarts Zauberflöte so. Und vom Impetus her auch bei der Schubertiade 2016.

Kleys jüngstes Musiktheater-Campus-Projekt ist daher auch nicht als Oper untertitelt, sondern nennt sich "Liederspiel nach dem Märchen der Gebrüder Grimm". Denn zentraler Bestandteil ist ein Liederzyklus, den Humperdinck für seine Neffen schuf und der bisher nur im Familienkreis des Komponisten gezeigt wurde. "Die Partituren der Opernversion sind großteils schwierig", erklärt Kley. "Ich habe deshalb nach Alternativen gesucht und in einem musikwissenschaftlichen Buch die Handschriften der vier Lieder des Zyklus gefunden." Als sie beim Verlag anrief, erfuhr sie, dass dieser die Veröffentlichung der Urfassung von 1890 plante. Kley las Korrektur - und zeigt nun mit ihrer Truppe in München die Uraufführung des Liederspiels.

Regie-Assistentin Daniela Eck ist zum ersten Mal bei einem von Kleys Projekten dabei. "Was Verena da auf die Beine stellt, ist unfassbar", staunt die Schauspielerin. "Zuerst dachte ich, das sei nur so eine klitzekleine Produktion. Aber Pustekuchen - das ist ein Riesending." Mit von der Partie sind etwa hundert junge Menschen im Alter von sechs bis 22 Jahren. Viele von ihnen machen schon lange bei der Chorbande Schwabing mit, die Kley seit 13 Jahren leitet. Die zehnjährigen Taumännchen Sofia und Nisa beispielsweise: Die beiden trauen sich, wie etwa die Hälfte der Sänger, ein Solo vorzutragen und sind zu Recht stolz darauf. 25 Kinder sind aber auch diesmal neu hinzugekommen, darunter Mädchen und Buben, die noch nie in der Oper waren. "Diese Kinder", weiß Kley zu berichten, "sind so Feuer und Flamme für die Qualität der klassischen Musik, dass sie danach ihre Eltern ins Gärtnerplatztheater oder in die Staatsoper schleppen." Der Einzugsbereich des Projekts, anfangs noch auf Schwabing bezogen, umfasst inzwischen die ganze Stadt und Menschen aller sozialen Schichten. Ein Casting gibt es für Kleys Musiktheater-Campus nicht, mitmachen können soll jeder, der Lust dazu hat. Ob als Sänger, Bühnenbildner, Musiker, Tänzer oder Kostümbildner.

Angeleitet werden die Kinder von Profis. Bühnentechniker und Künstler Fabian Vogl etwa hat diesmal mit zehn Freiwilligen ein begehbares Hexenhaus, einen Ofen, einen Wald und den Käfig für den Hänsel gezimmert. An drei Wochenenden. Die Kostüme schneiderten vier Mädchen mithilfe von Papierkünstlerin Katrin Hering. Und um die jugendlichen Musiker kümmert sich Violinist Immanuel Drißner, Verena Kleys Ehemann.

Erstmals dabei und wie ihre Assistentin Eck restlos begeistert von dem Konzept ist Spielleiterin Julia Riegel. Die freischaffende Opernregisseurin hat Erfahrung in der Arbeit mit jungen Leuten, sie war neun Jahre am Gärtnerplatztheater engagiert und gehört zum Gründungsteam der Sarré-Musikakademie, das Kindern und Jugendlichen professionelle Bühnenerfahrung ermöglicht. "Mit Kindern zu arbeiten macht total Spaß", sagt die Mutter einer Zehnjährigen. "Sie sind so unverstellt und frisch, so direkt und ungefiltert." Das Lob beruht auf Gegenseitigkeit. "Julia macht das echt gut", finden die Darsteller von Hänsel (Johanna Oelbaum und Anna-Paula Klein) und Gretel (Ida Höß und Ella Eglauer). "Sie hat uns beigebracht, offen zu spielen, also nie mit dem Rücken zum Publikum. Und sie hat uns die zehn Gebote eingetrichtert: Du darfst nicht langweilig sein, Du darfst nicht langweilig sein, Du darfst nicht langweilig sein ..."

Langeweile kommt bei Hänsel und Gretel definitiv keine auf. Beim Probendurchlauf ist inzwischen das Tanzliedchen dran, eines der vier Lieder aus dem Zyklus. "Kommt, zeigt mir die Show", animiert Riegel die Tänzer. Die Choreografie, zu der die Chorbande 2 unter Klavierbegleitung "Brüderchen, komm tanz mit mir" erklingen lässt, hat Hannah Vogler einstudiert, eine ehemalige Chorsängerin von Kley, die inzwischen Psychologie studiert und eine Tanzausbildung macht. Die 21-Jährige mimt auch die Mutter - und der gleichaltrige Felix Nyncke, der schon bei Sarré-Projekten dabei war und eine stimmliche wie schauspielerische Ausbildung hat, den Vater. Nyncke glänzt in der Rolle - obwohl er eigentlich ein Bass ist und die Stimmlage des Vaters dem Bariton zugeordnet wird.

Und die Knusperhexe? Sie tritt, herrlich bösartig-verlockend verkörpert von Nicola Drißner erst im dritten Akt auf. Die Tochter von Verena Kley und Immanuel Drißner hat bei der Zauberflöte schon die Pamina und in der Schubertiade das Gretchen am Spinnrad gesungen - mit glockenhellem Sopran. Jetzt macht sie sich, "knusper knusper knäuschen", mit krummem Rücken und krächzender Stimme an Hänsel und Gretel ran. Kinder, die zuvor noch im Saal Fangen spielten, weil sie bei der Probe gerade Pause hatten, hören plötzlich gebannt zu. Es ist einer dieser Momente, die magisch sind. Einer dieser Momente, die eine ganze Truppe zusammenschweißen. Zu erleben ist das Liederspiel "Hänsel und Gretel" am Samstag/Sonntag, 9./10. November, jeweils um 17 Uhr sowie am Montag, 11. November, um 18.30 Uhr im Theatersaal des Münchenstifts an der Rümannstraße 60. Es gibt noch wenige Restkarten zu zwölf Euro an der Abendkasse. Wer lediglich der Musik lauschen möchte, kann auch die konzertante Aufführung für die Bewohner des Blindeninstituts am Mittwoch, 20. November, um 17 Uhr in der Herz-Jesu-Kirche an der Romanstraße 8 besuchen. Der Eintritt in die Kirche ist frei, es wird aber um Spenden gebeten.