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Schwabing:Jede Nische ist willkommen

Alle Hände voll zu tun hat Thomas Beck, Leiter des Jugendtreffs "Life" am Ackermannbogen, als Ansprechpartner hinter dem "Drive-in"-Schalter.

(Foto: Robert Haas)

Gleichaltrige treffen, miteinander quatschen oder Musik hören: Corona hat es auch Heranwachsenden am Ackermannbogen nicht leicht gemacht, dem Alltagstrott zu entkommen. Ein Unterstand soll nun Abhilfe schaffen

Von Ellen Draxel, Schwabing

Akija, Ewelina und Alex sind gefrustet. Jeden Tag dasselbe Spiel: Aufstehen, lernen oder zur Arbeit gehen, vielleicht duschen - und dann? Ein Jahr lang durften die 15-Jährigen aus der Siedlung am Ackermannbogen nicht mehr richtig feiern, sie konnten ihre Clique nicht treffen, auch Urlaube waren gestrichen. Und aus der Abschlussfahrt, auf die sie sich nach neun Jahren Pauken an der Mittelschule so gefreut haben, wird nun pandemiebedingt ebenfalls nichts. "Voll scheiße" sei das, sagt Ewelina. Die drei sind gerade in der Prüfungsphase, aber Chancen, "mal den Kopf frei zu kriegen", bieten sich ihnen erst wieder seit ein paar Tagen - im Lockdown ging eigentlich kaum etwas.

Dennoch haben sie sich weiterhin mit Freunden getroffen, Verbot hin oder her. "Irgendwelche Optionen" fänden sich immer, sagen sie, in Tiefgaragen oder auf Plätzen wie dem sogenannten Ort der Stille nahe dem Quartiers-Stadtplatz. Erwischt wurden die jungen Leute dabei selten, nur manchmal geraten sie an Nachbarn, die sie filmen oder die Polizei holen. "Es gibt aber auch nette alte Menschen, die für uns Verständnis haben", sagt Akija.

Heidrun Eberle von der Nachbarschaftsbörse weiß von den Verabredungen. Bei ihr melden sich immer wieder Anwohner, die sich über nächtlichen Lärm und herumliegenden Müll beschweren. Vor zwei Jahren gab es schon einmal einen runden Tisch zur gemeinschaftlichen Nutzung des öffentlichen Raums, bei dem auch Konfliktmanager des Netzwerks Akim mit dabei waren. Damals war die Idee, das Gespräch mit den Jugendlichen zu suchen, und eine Zeitlang funktionierte das auch ganz gut. Doch in den Zeiten von Corona hat sich die Situation wieder verschärft. "Wir haben nicht jeden Abend Remmidemmi, das wirklich nicht", relativiert Eberle. Aber hin und wieder träfen sich Jugendliche aus allen sozialen Schichten draußen abends zum Quatschen, Musik hören und ein Bierchen trinken. Mangels anderer Alternativen. "Das ist aber überall in München so", weiß sie. Es gebe nun mal zwei berechtigte Interessen, die miteinander konkurrierten: die der Anlieger, die Ruhe und Sauberkeit favorisierten, und die der "Kids, die gerade am meisten leiden und nach ganztägigem Online-Unterricht und Online-Chatten raus und sich endlich mal wieder persönlich sehen wollen". Harmonie sei nur möglich, wenn jeder versuche, sich in den anderen hineinzuversetzen.

Das sieht auch Thomas Beck so. "Pandemie und Leben, das verträgt sich nicht", davon ist der Leiter des Ackermannbogen-Jugendtreffs "Life" überzeugt. "Jugendliche", betont er, "brauchen Ansprache, Unterstützung, Räume, wo sie sein können. Und das ist momentan ein Riesenproblem." Denn wenn alles geschlossen sei, dürften die jungen Leute nirgends hin. Am Ackermannbogen machen die jungen Menschen immerhin rund ein Viertel der Gesamtbevölkerung des Quartiers aus.

Besonders schwierig wird es laut Beck, wenn Eltern ihre Rolle als Stützpfeiler vernachlässigten. "Dann fehlt die Struktur, und ich glaube, Kinder und Jugendliche brauchen erst mal eine äußere Struktur, damit sie zu einer inneren finden." Erst vor Kurzem, erzählt er, sei ein Mädchen zu ihm gekommen, weil ihre Noten auf einmal viel schlechter geworden waren. Als er nachbohrte, stellte sich heraus, dass die junge Dame erst um drei Uhr nachts ins Bett ging, dann die Schule verschlief und deshalb von der Polizei abgeholt wurde. Ein anderes Mal erfuhr er von vier Kindern einer Familie, die nicht am Online-Unterricht teilnahmen, weil sie den ganzen Morgen im Treppenhaus saßen. Der Grund: Ihre Eltern hatten um halb sieben das Haus verlassen und ihre Kinder deshalb vor die Tür gesetzt. "Kein Problem, solange Präsenzunterricht ist", meint Beck, "beim Lockdown aber schon."

Immerhin - Beratungsgespräche eines Pädagogen mit Kindern aus zwei Haushalten, intern "Dates" genannt, waren mit Voranmeldung auch die vergangenen Monate im Jugendzentrum möglich. Anna und Johanna, zwei Fünftklässlerinnen, haben dieses Angebot regelmäßig genutzt, sie spielten dann unter anderem Xbox oder bastelten. "Zumindest eine kleine Ablenkung, besser als nichts", sagt Anna. Ansonsten habe sie seit Coronabeginn das Gefühl gehabt, "jeden Tag dasselbe zu machen", irgendwie "hinterherzuhängen". Ihre anderen Freunde vermissten die Elfjährigen in dieser Zeit "sehr". Anna leidet wegen der Maske und dem dauernden Tablet-Arbeiten schon länger an Kopfschmerzen.

Gespräche fanden im "Life" aber auch am "Drive-in"-Schalter statt. So nannte das Pädagogen-Team das Erdgeschoss-Fenster des Jugendzentrums in Anlehnung an die Bestell- und Abhol-Tresen bei Fast-Food-Ketten. Sperrangelweit stand das "Life"-Fenster wochentags von 15 bis 19 Uhr offen, schon von Weitem sichtbar, eine Einladung an jeden, der die Lissi-Kaeser-Straße entlangkam. Nur, dass es statt Pommes und Burgern eben Gummibärchen und einen aus Jugendsicht "legendären" Toast für 50 Cent gab. Diese Öffnung, sagt Beck, sei zur "Kommunikationsecke" des "Life" geworden, so etwas wie ein Kummerkasten mit qualifiziertem Personal. Bis zu 25 Jugendliche kamen jeden Tag vorbei - inzwischen dürfen immerhin 15 Jugendliche wieder ins Haus.

Das berechtigte Bedürfnis der Jugendlichen nach unbeobachteten Treffen mit der Peergroup hat auch das Drive-in nicht befriedigt. Dafür soll auf Antrag des Ackermannbogen-Vereins nun am Bolzplatz gegenüber der Mittelschule an der Elisabeth-Kohn-Straße, weit weg von der Wohnbebauung, ein überdachter und windgeschützter Unterstand errichtet werden - idealerweise unter Beteiligung der jungen Generation. Der Bauwagen des Vereins Stadtteilarbeit, der dort lange stand, seit Jahren aber nicht mehr genutzt wurde, hat schon einen neuen Standort im Petuelpark erhalten. Möglich, dass der Westschwabinger Bezirksausschuss angesichts knapper städtischer Mittel die Kosten für den Unterstand übernimmt. In trockenen Tüchern ist das aber noch nicht - erst wollen die Lokalpolitiker die genaue Summe wissen.

Akija, Ewelina und Alex jedenfalls betonen, dass sie nie jemanden stören wollten. Erwachsene, sagen die drei, müsse man "respektvoll" behandeln. Auch deshalb hören sie Musik nur über Kopfhörer.

© SZ vom 04.06.2021
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