Süddeutsche Zeitung

Schwabing:In der Bauschutt-Falle

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Wohnungsunternehmen Vonovia tut sich mit Schwabinger Neubau- und Modernisierungsprojekt schwer. Statt den Aushub fortzusetzen, wird die vorhandene Grube nun sogar zugeschüttet - aus Sicherheitsgründen

Von Ellen Draxel, Schwabing

Die Grube im Hof der Wohnanlage an der Schleißheimer Straße 252 bis 285 und Giselherstraße 1 bis 7 ist bis zu anderthalb Meter tief. Ein kahles Kiesloch, wo früher einmal Garagen standen. Eigentlich hatte die Vonovia, der der Komplex gehört und die zu Deutschlands größten privaten Wohnungsanbietern zählt, dort ein neues vierstöckiges Punkthaus plus Dachgeschoss mit Platz für elf Wohnungen entstehen lassen wollen. Als Investition in die Zukunft. Zugleich sollten die Bestandsgebäude aufgestockt und modernisiert werden. Bis Ende 2017 wollte das Unternehmen "mit dem größten Baulärm fertig sein" - damit die rund 120 Bewohner "nicht unnötig lange genervt" würden. So zumindest hatte es der damalige Regionalleiter Peter Gaudig den Mietern vor eineinhalb Jahren bei einem ersten Informationsgespräch versprochen. Geschehen allerdings ist bislang wenig.

"Dass wir das Projekt nicht wie geplant umsetzen können, hat mehrere Gründe, unter anderem die Ergebnisse einer Boden-Untersuchung", erklärt Vonovia-Pressesprecher Max-Niklas Gille. "Der Boden hier", präzisiert Mietersprecher Oscar Costa, "besteht aus Bauschutt". Das wisse in der Gegend jeder. Bei einer Informationsveranstaltung Ende März erfuhren die anwesenden Mieter vom jetzt für München zuständigen Regionalleiter Carsten Baurigk außerdem, dass die Haustechnik aufwändiger ausfallen solle als zunächst erwartet. Summa summarum, so Costa, rechne das Unternehmen mit einem Kostenzuwachs von mehr als 25 Prozent im Vergleich zur ursprünglichen Kalkulation. "Momentan prüfen wir, wann und ob wir die geplanten Arbeiten aufnehmen können", sagt Firmensprecher Gille. Der Wunsch dazu sei nach wie vor da.

Vorerst liegt das Projekt also auf Eis. Doch wer nicht bei der Informationsveranstaltung war, sei es aus gesundheitlichen oder terminlichen Gründen, hat davon offiziell keine Kenntnis. Denn schriftlich, kritisiert Mietersprecher Costa, habe die Vonovia das ihren Mietern nie mitgeteilt. "Obwohl eine solche Politik eigentlich Vermieter-Pflicht ist." Costa hat Erfahrung im Umgang mit der Vonovia. Jahrelang kämpfte er, bis Mängel wie verzogene Wohnungs- und kaputte Hintereingangstüren endlich behoben wurden. Schon damals seien Beschwerden bei dem Unternehmen, das bis 2012 noch unter dem Namen "Deutsche Annington" firmierte, trotz unzähliger E-Mails, Telefonate und Briefe mitunter nicht angekommen. "Unsere Widersprüche zu den Betriebskosten aus den Jahren 2013 bis 2015 beispielsweise, bei denen fehlerhafte und exorbitante Kosten auf uns umgelegt wurden, blieben bis heute unberücksichtigt", ärgert sich der Mietersprecher. Der jetzige Regionalleiter sei inzwischen der fünfte, den die vor sechs Jahren gegründete Mietergemeinschaft am Luitpoldpark erlebe.

Inzwischen hat die Vonovia aber signalisiert, sich der Regress-Ansprüche annehmen zu wollen. "Ein offener und fairer Umgang mit unseren Mietern ist uns wichtig", heißt es aus der München-Dependance. "Leider ist es in einem Großkonzern nicht immer möglich, alle Anliegen und Anfragen zeitnah zu klären und zu beantworten, wir bitten um Verständnis."

Den Zustand des Hofs allerdings, wie er sich momentan darstellt, hält Costa "aus Sicherheitsgründen für nicht tragbar". Die Grube sei zeitweise "lediglich mit einem Flatterband gekennzeichnet" gewesen, und das auch nur von der Straßenseite her. Mieter könnten deshalb die Hintereingänge und Gehwege der Häuser 1 bis 5 nicht ohne Gefahr nutzen. "Eltern sorgen sich um ihre kleinen Kinder, Spielen auf dem Hof ist seit nun bald einem Jahr nicht möglich."

Auf Mieterhöhungen wollte die Vonovia zunächst dennoch nicht verzichten. "Das erste Schreiben für 2018 mit Wirkung zum 1. Mai hat einige Mieter bereits erreicht", weiß Costa. Und das, obwohl die Mieter schon in den vergangenen fünf Jahren im Durchschnitt rund 30 Prozent Mietsteigerung hätten hinnehmen müssen. Mittlerweile aber hat die Münchner Zentrale der Vonovia eingelenkt, nach wiederholter Intervention des Mietersprechers, wie der Vonovia-Sprecher bestätigt. "Die angekündigten Mietanpassungen werden wir zurücknehmen. Außerdem haben wir entschieden, dass in der Wohnanlage Schleißheimer/Giselherstraße keine Mietanpassungen vor dem 1. Mai 2019 vorgenommen werden."

Bösen Willen unterstellt Costa der Vonovia bei alldem nicht, eher eine "dilettantische Vorgehensweise". Was den Neubau anbelangt, habe sich das Unternehmen in Bochum wohl "Luftschlösser" gebaut, ohne die Münchner Situation richtig einzuschätzen. "Das Problem ist nur, wir Mieter sind die Leidtragenden." Die Hoffnung auf Besserung gibt Costa dennoch nicht auf. Ein erstes Signal hat die Vonovia bereits gesandt: Laut Unternehmenssprecher Gille soll die Grube beseitigt werden, die Arbeiten sollen noch an diesem Montag beginnen. "Für die Umstände, die unseren Mietern entstanden sind", sagt er, "entschuldigen wir uns".

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SZ vom 14.05.2018
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