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Schwabing:Gewinn durch Verzicht

Bernhard Kalkbrenner und Maximilian Ritz tüfteln an einem Projekt, wie sich Autoabstellflächen wieder zu öffentlich nutzbarem Raum machen lassen

Von Ellen Draxel, Schwabing

Wie wichtig sind den Münchnern ihre Autos? Muss das private Fahrzeug um die Ecke stehen - oder geht es auch mal ein paar Wochen ohne? Parkraum ist in großen Teilen Münchens Mangelware. Und der Platz, den die Autos blockieren, könnte gut auch anders genutzt werden, finden Bernhard Kalkbrenner und Maximilian Ritz vom Innovations- und Gründerzentrum UnternehmerTUM.

Die beiden stützen sich dabei auf Studien wie etwa die des Karlsruher Instituts für Technologie von 2018: Die Untersuchung besagt, dass etwa ein Drittel aller Automobilbesitzer in dicht besiedelten Innenstädten "autounabhängige Pragmatiker" seien, also flexibel wären, auf alternative Fortbewegungsmittel umzusteigen. Seit April tüfteln Kalkbrenner und Ritz deshalb an einem neuen Pilotprojekt. Ihre Idee: Flächen, die bislang für Autos reserviert sind, sollen in einen öffentlichen Raum mit Aufenthalts- und Bewegungsqualität umgewandelt werden. Und gleichzeitig wollen sie Anwohnern die Mobilitätsangebote in der Stadt erlebbar und schmackhaft machen.

Auch einen Standort für ihr Konzept haben sich die Forscher bereits ausgesucht: den kleinen Park an der Ecke Hohenzollern-/Hiltenspergerstraße, schräg gegenüber der Hermann-Frieb-Realschule. "Der Platz ist prädestiniert für das Projekt", sagt Kalkbrenner. Im westlichen Schwabing ist die Anwohnerdichte stadtweit am höchsten, entsprechend effektiv würde sich eine Umwandlung des öffentlichen Raumes auswirken.

Das Konzept, das Kalkbrenner und Ritz Westschwabings Lokalpolitikern vorgestellt haben, basiert auf der Mithilfe der Anlieger und ist auf vier Wochen angelegt. Für die letzten beiden August- und die ersten beiden Septemberwochen dieses Jahres sollen, so die Idee, mindestens vier Haushalte gewonnen werden, die über eine Anwohnerparklizenz verfügen und gewillt sind, ihr Auto für diese Zeit weit entfernt von ihrer Wohnung auf einem Parkplatz im Münchner Umland abzustellen. Auf diese Weise soll die Parkplatzbilanz vor Ort stabil gehalten werden.

Gut geeignet: Für ein Pilotprojekt an der Hiltenspergerstraße sollen Anwohner ihre Autos weiter entfernt abstellen.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Der örtliche Bezirksausschuss würde "es begrüßen", wenn fünf bis zehn Haushalte mitmachten, damit der Effekt spürbarer wäre. "Wir versuchen, die Testpersonen über Flyer, über direkte Ansprache vor Ort und online zu akquirieren", sagt Kalkbrenner. Die entsprechende Webseite www.umparken-schwabing.de ist bereits freigeschaltet.

Schritt Nummer zwei des Projekts wäre dann, den Teilnehmern ein finanzielles Polster in Höhe von 300 bis 500 Euro zur Verfügung zu stellen, mit dem sie die Nutzung anderer Mobilitätsangebote bezahlen könnten. Die Bahn zum Beispiel und den öffentlichen Nahverkehr. Oder sie mieten sich ein Auto, einen Camper, ein Rad oder E-Scooter. "Es soll bei dem Konzept ja auch darum gehen, zu sehen, wie viel Budget brauche ich, um meine Ziele zu erreichen", erklärt Kalkbrenner.

Viele Münchner beispielsweise wollten am Wochenende in die Berge. "Die Frage, die sich uns stellt, ist doch, wie müsste das Angebot aussehen, damit die Leute es nutzen." Ein Auto, weiß er, verursacht je nach Größe durchschnittlich 200 bis 400 Euro pro Monat an Kosten. Lohnt sich das überhaupt für die Fahrzeugbesitzer, wenn das Auto nur selten bewegt wird? Umgekehrt, rechnet Maximilian Ritz vor, zahlten Wapperlbesitzer in München nur 30 Euro pro Jahr Parkgebühren in der Lizenzzone, in der sie wohnen. Das, kritisiert er, sei für viele Münchner rein rechnerisch "kein Anreiz", auf das eigene Auto zu verzichten. "Wir brauchen aber nicht so viel Blech, das rumsteht." Zu klären sei deshalb, "was kostet eigentlich der öffentliche Raum?"

Durch die Maßnahme soll die Fläche temporär zum öffentlichen Raum werden.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Womit der dritte Punkt des Modellprojekts zum Tragen käme, die durch die temporäre Verlagerung der Autos frei werdende Parkfläche. Eine Spielstraße mit Mobilitätsstation etwa könnten sich die Initiatoren für die Zone zwischen Grünfläche und dem Haus an der Hiltenspergerstraße 36 vorstellen. Oder auch einen Bereich mit Strandambiente. "Genaueres wollen wir aber gemeinsam mit den Anwohnern ausarbeiten, wir möchten ihnen nicht einfach eine Lösung vor die Nase setzen." Überhaupt ist während der gesamten Projektphase eine intensive Betreuung durch das UnternehmerTUM-Team vorgesehen.

Westschwabings Lokalpolitiker finden das Pilotprojekt "sehr gut" und stellen jetzt die Frage, wie es möglich sein könnte, Münchnern künftig einen generellen Verzicht auf das Auto in den Sommermonaten zu ermöglichen.

© SZ vom 01.08.2020

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