Schwabing "Gebildete Dame mit stark unzüchtigem Charakter"

Legendäre Wirtin: Gisela Jonas-Dialer im Jahr 2011 vor einem Gemälde, das sie vor der verbogenen Laterne zeigt.

(Foto: Robert Haas)

Die Traumstadt in der Schauburg erinnert an die Schwabinger Gisela, die bis heute viele Bewunderer hat

Von Dirk Wagner

Mittlerweile leuchtet sie wieder, die Schwabinger Laterne, die so gekrümmt ist, als habe mal ein besoffener Elefant dagegen gelehnt. Auf dem Wedekindplatz dient diese trunkene Laterne nun der Straßenbeleuchtung. Zugleich erinnert sie an jene wilden Jahre Schwabings, als sie selbst noch in der Occamstraße 8, genau da, wo jetzt das Vereinsheim ist, zur Ausstattung des Schwabinger Lokals Bei Gisela zählte. Als jüngste Wirtin hatte die 23-jährige Gisela Jonas-Dialer dieses 1952 eröffnet. Zuvor hatte die Schwabinger Gisela, wie sie bald genannt wurde, Ausdruckstanz studiert und eine KFZ-Mechaniker-Ausbildung begonnen, weil sie Rennfahrerin werden wollte. Stattdessen aber führte es die in Moers am Niederrhein geborene Tausendsasserin nach München, wo sie der Stadt mit ihrem Lokal jenes Großstadt-Feeling gab, das bei einigen Sittenwächtern als verrucht galt.

Wenn sich Gisela selbst zum Beispiel als Chansonnier an jener Schwabinger Laterne rekelte und schlüpfrige Lieder sang. Von ihren "Sex-begabten Zonen" und von "an die dreißig Positionen", vom Leben einer Prostituierten, die nur bis um sechs Uhr abends Mensch sei, und von einer Traumstadt-Melodie, die von ferne leise tönt. Wiederholt musste sie sich vor Gericht den Vorwurf gefallen lassen, die Jugend mit ihren Liedern zu verderben. Dass ein Richter sie dabei als "eine gebildete Dame mit stark unzüchtigem Charakter" beschrieb, gefiel ihr.

Jüngere Menschen kennen diese Geschichten aus den Fünfzigern und Sechzigern freilich nicht mehr, wenn sie heutzutage an der Schwabinger Laterne vorbei flanieren. Und auch die jungen Theatermacher der Schauburg wussten nicht, von wem die Rede war, als in Gesprächen mit der Künstlerversammlung Traumstadt Schwabing immer wieder auf Gisela verwiesen wurde. Bei ihr habe man sich getroffen, bei ihr sei auch dieser oder jener Künstler verkehrt. Neugierig lauschte auch Katharina Mayrhofer solchen Erzählungen der älteren Traumstadt-Bewohner, die seit der vom Dichter Peter Paul Althaus 1967 einberufenen Versammlung jährlich zum Künstlertreffen laden. Als Mitarbeiterin der Schauburg setzte Mayrhofer nämlich schon letztes Jahr jene Traumstadt München in Szene. Dabei gelang ihr ganz im Sinne des Jugendtheaters, wo die Traumstadt seit Jahren beheimatet ist, eine Verjüngung des Programms. Letztlich sichert nämlich nur eine solche Verjüngung den Fortbestand der Traumstadt.

Darum setzt Mayrhofer ihren Kurs auch fort, wobei traditionelle Programmpunkte wie das auf Drehorgel gespielte Traumstadt-Lied oder die Ansprache des Traumstadt-Bürgermeisters Christian Ude erhalten bleiben. Als Jurist erinnert Ude diesen Mittwoch an die gerichtlichen Bemühungen gegen die Schwabinger Gisela. Denn kaum, dass Mayrhofer in der Vorbereitung zur letzten Traumstadt soviel von Gisela gehört hatte, war das Interesse geweckt. Also möchte sie an die Schwabinger Künstlerin erinnern, die vor fünf Jahren starb. "Interessanterweise erfährt man meistens, welche Künstler alles bei ihr verkehrten. Kirk Douglas, zum Beispiel, oder Erich Kästner. Dass sie selber Künstlerin war, scheint weniger von Interesse zu sein", sagt Mayrhofer, die Gisela als eine Frau bewundert, die sich in einer männerdominierten Gesellschaft behaupten konnte. "Die meisten Frauen hatten damals noch nicht einmal einen Führerschein, und sie wollte Rennfahrerin werden!" Auch Giselas begonnene Ausbildung zur KFZ-Mechanikerin war in den Fünfzigern unschicklich für Frauen.

Das damit verbundene Frauenbild gehört immer noch nicht der Vergangenheit an. So erfährt etwa auch die DJ Alma auf Workshops, die sie für Frauen gibt, dass Technik eine Männerdomäne zu sein scheint, in der sich Frauen unsicher fühlen. Als die mittlerweile zweifache Mutter auch noch schwanger zur Arbeit ging und also im Harry Klein und in anderen Clubs wie gewohnt auflegte, irritierte ihre Erscheinung. Das Bild einer Schwangeren passt wohl nicht ins Partyleben, erst recht nicht hinters DJ-Pult.

Diesen Mittwoch begleitet Almas Musik in der Schauburg die Präsentation von gemalten Bildern der Künstlerin Ly Ngyuen, die übrigens als Sängerin der Band Paar schon mal die beste Coverversion des Can-Klassikers "She Brings The Rain" gesungen hat. Doch musikalisch tritt sie diesmal nicht in Erscheinung. Stattdessen singt die Schauspielerin Anne Bontemps Chansons von Gisela, begleitet von einem kleinen Ensemble. Außerdem wird die Sängerin und Bratschistin Evi Keglmaier von Zwirbldirn, Mrs. Zwirbl und der Hochzeitskapelle Lieder aus ihrem bei Trikont erschienenem Solowerk vorstellen. Die Balletttänzerin Benedetta Musso erinnert zudem an die Ausdruckstänzerin Gisela. Die jüngste Mitbewohnerin der Traumstadt ist an diesem Abend die 17-jährige Lyrikerin Anna Münkel, die schon drei Lyrikbände veröffentlicht hat. Selbstlos spendete sie deren Erlös in soziale Projekte.

Sieht man also einmal von Traumstadt-Bürgermeister Ude ab, will diese der Schwabinger Gisela gewidmete Traumstadt 2019 explizit die weiblichen Künstlerinnen der Stadt zeigen. "Obwohl ungefähr die Hälfte der Bevölkerung Frauen sind, sieht man meistens nur Männer", kritisiert Mayrhofer. Die Intendantin der Schauburg, Andrea Gronemeyer, stimmt ihr zu: "Mit diesem Programm hoffen wir, vielen Zuschauerinnen Mut zu machen, selber kreativ zu werden. Sich zu trauen. Natürlich kann man auch mal scheitern. Das gehört dazu. Aber wichtig ist, sich überhaupt zu trauen."

Treffpunkt Traumstadt, Mittwoch, 26. Juli, in der Schauburg, Franz-Joseph-Straße