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Schwabing:"Der erste Eindruck ist hervorragend"

Über-Blick: die Richtfest-Gemeinde am "Schwabinger Tor".

(Foto: Stephan Rumpf)

Beim Richtfest für den zweiten Bauabschnitt des Quartiers "Schwabinger Tor" zeigt sich die Stadtspitze angetan

Von Stefan Mühleisen, Schwabing

Der Investor lässt sich nicht lumpen, sogar kleine Wiesn-Herzen gibt es für die Besucher. "Schwabing wächst" steht mit Zuckerguss drauf, sie sind auf jeder der gut hundert Biergarnituren drapiert. Auf Brotzeitbrettern türmen sich Wurst und Käse, Bratenduft weht vom Buffet herüber. Vor dem eingerüsteten Haus, umringt von Rohbauten, stehen dicht an dicht die Gäste. Sie hören, wie Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) seinerseits mit Zuckerguss für die Jost-Hurler-Gruppe und ihr riesiges Bauprojekt "Schwabinger Tor" nicht spart: "Der erste Eindruck ist hervorragend"; das Quartier sei ein Beispiel dafür, "wie man gut mit Dichte und angemessen mit Höhe umgehen kann". Stadtbaurätin Elisabeth Merk schwärmt davon, dass hier neue Qualität in die bestehende Stadt eingebracht wird.

Die Stadtspitze hat das Neubauquartier "Schwabinger Tor" schon ins Herz geschlossen, das wird beim Richtfest für den zweiten Bauabschnitt deutlich. Das Riesenprojekt, in das Jost Hurler einen "mittleren dreistelligen Millionenbetrag" steckt, ist derzeit eine der größten Baustellen der Stadt. Entlang der Ostseite der Leopoldstraße - dort, wo einst das Holiday-Inn-Hotel und die Metro waren - entstehen auf 4,2 Hektar neun Gebäude mit 89 000 Quadratmetern Geschossfläche - unten drunter finden 900 Autos und 700 Fahrräder in einer 56 000 Quadratmeter großen Tiefgarage Platz. Dadurch soll das neue Stück Stadt komplett autofrei werden. An der Oberfläche wird es dafür die Tram-Haltestelle "Schwabinger Tor" geben.

Das Besondere an diesem Projekt ist zum einen, dass der Investor das Quartier nicht errichtet, um es dann wieder gewinnbringend zu verkaufen. Und: Die Baukörper sind sehr dicht gedrängt, drei davon überdies 14 Stockwerke hoch. Das Maximal-Baurecht wurde wegen einer ungewöhnlichen Mischung möglich. Denn in allen Erdgeschossbereichen ziehen Gewerbebetriebe ein, in den drei Stockwerken darüber Büros. Die höheren Etagen sind für insgesamt 210 Wohnungen reserviert, darunter geförderte nach dem "München Modell", aber auch exklusive Penthouse-Apartments für bis zu 5000 Euro Monatsmiete. Jost Hurler wird als Vermieter auftreten, es gibt keine einzige Eigentumswohnung. Wegen den höher gelegenen Wohnungen konnten Abstandsflächen abgezwackt und so dichter gebaut werden.

Zwei Häuser im Nordteil sind bereits fertig und nach Firmenangaben zu 70 Prozent vermietet. Im laufenden Bauabschnitt, er soll Ende 2017 abgeschlossen sein, entsteht auch das Fünf-Sterne-Hotel "Andaz", das zur Hyatt-Kette gehört: 234 Zimmer, Dachterrasse mit Sky-Lounge. Die "schönste Bar in der Stadt", verspricht Hurler-Geschäftsführer Wolfgang Müller den Gästen, der Spa-Bereich soll der "modernste in München" werden.

Für manche Beobachter klingt das allerdings arg exklusiv; manche unken bereits von einem Luxus-Ressort für Wohlhabende - anscheinend bestätigt von Offerten bei einem Immobilienportal, in denen eine Vier-Zimmer-Dachgeschosswohnung für monatliche 4815 Euro Kaltmiete angeboten wird. Müller bemüht sich, die Bedenken zu zerstreuen. "Ich weiß, dass das in den Köpfen der Bevölkerung ist. Doch wir wollen eine bunte Bewohner-Mischung", versichert er - und verweist auf den Anteil geförderter Wohnungen. Es würden zudem keine Luxus-Geschäfte angesiedelt, kein Prada- oder Käfer-Shop. Auch das Angebot des Vollsortimenters und des Lokals "La Boheme" im Nordteil , das bald eröffnen soll, seien für alle erschwinglich. Müller führt zudem an, dass die Mieter in den teuren Wohnungen einen Euro pro Quadratmeter mehr zahlen müssten, um damit die im Quartier ansässigen Künstler zu unterstützen. Bis zu fünf Ateliers seien geplant, deren Unterhalt mit diesem Geld finanziert werden soll.

In den Köpfen der Stadtspitze gibt es offenbar keine Bedenken; zumindest waren am Dienstag nur wohlwollende Worte von Oberbürgermeister und Stadtbaurätin zu vernehmen. "Ich bin sehr zufrieden", sagte Merk und lobte die architektonische Qualität des Quartiers, die sich "in ihrer Vielfalt als Einheit" präsentiere. Dieter Reiter wollte die kompakte und dichte Bauart des "Schwabinger Tors" sogar als stilbildend für die Stadtentwicklung erkennen: "Das werden wir in Zukunft in München brauchen." Und die Politik im Stadtviertel ist nicht weniger begeistert. Die hohe Dichte und die exzellente Wohnqualität seien auch international beispielgebend, freut sich der Bezirksausschuss-Vorsitzende Werner Lederer-Piloty (SPD).

© SZ vom 06.04.2016

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