Schwabing Aus kleinen Zellen zum großen Ganzen

Die Künstlergruppe "4 +" präsentiert im Schauraum am Ackermannbogen eine Auswahl ihrer Werke. Unter dem Motto "Egal, woher wir kommen" stellen sie das menschliche Dasein in den Mittelpunkt

Von Ellen Draxel

Christine Renner hat der Bauhaus-Stil geprägt, deshalb zeichnen sich ihre Bilder neben sanften Farbübergängen in vielen Schichten auch durch klare Kanten aus.

(Foto: Privat)

Egal, woher wir kommen - wir alle sind Menschen. Solche mit Stärken und solche mit Schwächen. Menschen mit heller Haut und blonden Haaren oder dunkler Haut und schwarzen Haaren. Menschen mit unterschiedlichen Charakteren. Menschen mit Gefühlen und mit Würde, ob arm oder reich. "Egal, woher wir kommen", das ist das Motto einer Ausstellung, die vom 21. März an im Neubaugebiet am Ackermannbogen zu sehen ist.

Die Künstler der Gruppe 4 +, deren Arbeiten im Schauraum an der Therese-Studer-Straße 9 erstmals in dieser Formation zu erleben sind, bezeichnen sich selbst nicht als politische Köpfe. Was Dieter Berndl, Hilo Fuchs, Josef Klingshirn und Christine Renner jedoch eint, ist eine sozialkritische Haltung. Es geht den Künstlern um das Mensch-Sein - darum, in Zeiten der weltweiten Globalisierung und Radikalisierung, der Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit ein deutliches Zeichen für mehr Toleranz in der Gesellschaft zu setzen.

Da ist zum einen Hilo Fuchs. Die 49-Jährige kreiert seit 15 Jahren als freischaffende Künstlerin vor allem Frauenfiguren. Sie modelliert sie aus Ton, glasiert sie und brennt die Keramik dann bei 1200 Grad im Ofen. Heraus kommen wetterfeste Steinzeug-Persönlichkeiten: die rotwangige, korpulente "Nina aus Castrop-Rauxel" mit Lederhosen und Trachtenhut etwa, eine Persiflage auf Zugezogene in Rottach-Egern. Oder die "Staxn" - gestylte, langarmige, hungertuchartige weibliche Gegenstücke zur Nina. Besonders wichtig ist der Künstlerin dabei der Humor. "Man sollte", findet sie, "nicht mit zu viel Ernst durchs Leben gehen." Sondern immer wieder versuchen, jeden Tag, der einem geschenkt wird, zu umarmen.

Wie offen das "bayerische Urgewächs" Fuchs anderen Menschen begegnet, dokumentieren explizit ihre Lebenswelten. Dafür betreten die Besucher einen abgetrennten Teil des Schauraums, in dem mittels medialer Dauerschleife ungewöhnliche Einblicke in die Privatsphäre von vier Menschen gewährt werden. In die strukturierte Stadtwohnung eines Managers, die auf ein chaotisch zugemülltes Einzimmer-Apartment folgt. In das spartanische Interieur eines Bauwagen-Heims. Und in ein Ferienhaus aus den Siebzigerjahren, das wie aus der Zeit gefallen wirkt.

"Das Schöne ist", sagt Fuchs, "dass so verschiedene Welten nebeneinander und miteinander existieren können." Dass sie diese Welten mit allen positiven wie negativen Facetten ablichten und öffentlich machen durfte, beeindruckt die Künstlerin besonders. "Mieter oder Besitzer, die das zulassen, besitzen innere Größe."

Um eine "Verbeugung vor den einfachen Leuten", die trotz eines harten Lebens in ärmlichen Verhältnissen nie ihre Würde verlieren, geht es Christine Renner. Die 56-Jährige aus dem Rheinland hat in Krefeld Objektdesign studiert, malt aber schon ihr ganzes Leben lang. Der Bauhaus-Stil hat sie geprägt, deshalb zeichnen sich ihre Bilder neben sanften Farbübergängen in vielen Schichten auch durch klare Kanten aus. Die Sujets der Malerin betreffen häufig das Ruhrgebiet. Ein Bild aus dem Duisburger Landschaftspark beispielsweise zeigt vier, in der Realität zwei Meter hohe Turbinen bei der Arbeit, auf einem anderen ist ein Zementrohr zu sehen. Beides anonyme Symbole der menschlichen Arbeit in der Industrie.

Die Künstler Dieter Berndl, Hilo Fuchs, Christine Renner und Josef Klingshirn (von links) stellen am Ackermannbogen gemeinsam aus.

(Foto: Corinna Guthknecht)

Plakativ auch das Motiv mit dem Titel "Stateliness": Diese Szenerie fand Renner in Venedig. "Es war in einem alten Gebäude, an der Wand ein Plastikhaken, der Müll quoll einem entgegen. Eine irgendwie morbide Stimmung." Dann sah die Malerin auf einmal den roten Kleiderbügel. "Das hatte plötzlich so was Ordentliches." Auf ihrem Bild hängt an dem Kleiderbügel nun zusätzlich noch ein blütenweißes, luftiges Hemd.

Renner zeigt keine Menschen, obwohl auch bei ihr die Menschen im Zentrum stehen. In der Regel malt sie mit Acrylfarben, nutzt für Bilderserien auf gewachstem Papier aber auch mal Ölfarben. So ist eine Zelt-Serie entstanden, eine Serie zum Thema Insektensterben und eine mit Feldbetten, die verdeutlichen sollen, dass bei einem sich immer schneller drehenden Leben die Zeit für die Familie auf der Strecke bleibt.

Und Dieter Berndl? Auch bei ihm findet der Betrachter keine Menschen auf den Bildern, zumindest nicht explizit. Die Gemälde des 67-Jährigen sind reine Emotionen. Der Grafiker Berndl hat an der Kunstakademie Fotorealismus studiert und als Dekorationsmaler beim Film sein Geld verdient. Danach arbeitete er als Kartograf und machte außerdem eine Ausbildung im psychosomatischen Bereich.

Josef Klingshirns Steckenpferd ist Afrika.

(Foto: Privat)

Ihn faszinierten stets Zellstrukturen, die sich zu einem großen Ganzen zusammensetzen. Seine Bilder sind abstrakt, zeigen einen Mikrokosmos. "Für mich ist diese Art der Malerei eine neu gefundene Spielwiese", sagt der Münchner. Emotionen, resultierend etwa aus einem Lied, setzt Berndl in Bewegungsabläufe um. Ihm geht es beim Mensch-Sein um das Sich-selbst-in-Frage-stellen, um den Austausch mit anderen, um ein Aufeinanderzugehen. Berndl war es auch, der die Gruppe 4 + ins Leben gerufen hat.

Fehlt noch Josef Klingshirn. Das Steckenpferd des 70-Jährigen ist Afrika. Schon 30 Mal war er auf dem schwarzen Kontinent. Er ist Gründungsmitglied des Münchner Vereins "Freunde Madagaskars", hat Zehntausende Fotos mit afrikanischen Motiven in seinem Archiv. Zeichnen war schon als Junge Klingshirns Leidenschaft, auch er absolvierte deshalb eine Ausbildung an der grafischen Akademie, wo er Malen, vor allem aber Fotografieren lernte.

Später arbeitete er in einem Trickfilmstudio, damals funktionierte alles noch analog. Im Schauraum will der Schwabinger Schwarz-Weiß-Fotos neben bunten Mixed-Media-Bildern zeigen - Dokumente des schönen, aber auch harten Lebens in Afrika. Etwa, wie ein Mann in mühevoller Kleinstarbeit mit einem Vorschlaghammer stolz ein altes, verrostetes Schiff zerlegt. Oder wie Frauen, nachdem sie um vier Uhr aufgestanden sind und mit dem Kind auf dem Rücken kilometerlang Kartoffeln, Mangos oder Holz zum Markt geschleppt haben, jetzt mit einem Lächeln auf den Lippen ihre Waren verkaufen.

"Menschen in Afrika", weiß Klingshirn, "können, obwohl sie oft sehr arm sind, immer noch ein herzliches Lächeln hervorbringen." Sie versteckten sich nicht, sondern suchten Blickkontakt, bauten Beziehungen auf. "Das ist für mich Mensch-Sein." Dieses Lächeln, das wie ein Geschenk ist, würde sich der Künstler auch als Umgangsform hierzulande wünschen.

Dieter Berndls Gemälde sind reine Emotionen.

(Foto: Privat)

Ob es noch mehr Menschen gibt, die ähnlich denken wie er, wird sich im Laufe der Ausstellung zeigen. Denn die Gruppe 4 + will zum Dialog anregen - mit einer Installation in der Mitte des Schauraums. Besucher können Zettel ausfüllen, auf denen sie sich selbst beschreiben und ihre Wünsche offenbaren. Was dabei herauskommt? "Keine Ahnung", sagt Hilo Fuchs. "Das ist ein Experiment." Eines, bei dem es menschelt.

Zu erleben ist die Ausstellung an der Therese-Studer-Straße 9 vom 21. März bis 14. April, jeweils donnerstags bis sonntags geöffnet von 15 bis 19 Uhr. Die Vernissage findet am Donnerstag, 21. März, von 18 bis 21 Uhr statt, am Samstag, 13. April, gibt es um 17 Uhr Livemusik mit Willy Buchacher. Geplant ist außerdem eine Kunstaktion mit Kindern aus der Nachbarschaft am Samstag, 30. März, bei der die Mädchen und Jungen ihren eigenen Körper lebensgroß auf Papier gestalten können.