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Schwabing:Auf engstem Raum

Richtig eng: Die Stadt muss trotz ihrer Dichte lebenswert bleiben.

(Foto: Hess)

Das Münchner Forum und die evangelische Stadtakademie befassen sich seit vielen Monaten mit den Folgen urbaner Verdichtung. Stadtbaurätin Elisabeth Merk stimmt den meisten ihrer Forderungen ohne Vorbehalte zu

Von Renate Winkler-Schlang, Schwabing

- Urbane Dichte bleibt in der Boomstadt München nicht aus - aber man kann und man muss sie lebenswert gestalten. Der Arbeitskreis "Stadt: Gestalt und Lebensraum" des Diskussionsvereins Münchner Forum hat sich mit der evangelischen Stadtakademie in Workshops über Monate intensiv damit auseinander gesetzt - und Stadtbaurätin Elisabeth Merk hörte sich die Ergebnisse der drei Arbeitsgruppen in einer gut besuchten, öffentlichen Veranstaltung in der Seidlvilla an. Sie konnte den meisten Forderungen vorbehaltlos zustimmen, verteidigte aber auch ihre Verwaltung gegen manchen Angriff - etwa wegen verschwindenden Grüns.

Die Wünsche der ersten Arbeitsgruppe "Das Quartier bewohnen", zusammengefasst von Ingrid Kau und vorgetragen von Ingrid Ammermann, waren nahe am heutigen Alltag. Die These: Man kann nicht nur Wohnungen stapeln, die Menschen müssen gut auskommen, müssen alles Wichtige vorfinden. Funktionstrennung sei der falsche Weg, die Leute brauchen Läden und Cafés, den Schlüsseldienst und den Schneider, den Treff und die Kindertagesstätte, die Galerie und das Sportstudio in ihrer Nähe - am besten in den Erdgeschossen der Häuser. Das Rezept: Dies alles könne besonders in Neubauquartieren und Stadtrandvierteln eher entstehen, wenn es den Bauträgern nicht auf die Baumasse angerechnet wird, aber zu Gunsten der Gemeinschaft im Grundbuch festgeschrieben und von den Investoren mitfinanziert wird. Die Stadt habe nur Einfluss und Spielräume, wenn sie ihren Grund nicht aus der Hand gebe, sondern ihn mehre und Flächen nur in Erbpacht vergebe.

Der "Versilberungsbeschluss", nach dem das Kommunalreferat durch Grundstücksverkäufe zum Haushalt beitragen müsse, sei veraltet, hieß es dann auch in der Diskussion. Merk erklärte, man müsse weg von starren Gebietskategorien wie Wohngebiet hier und Gewerbegebiet da - ohne gleich alles zu liberalisieren. Vielfalt lasse sich etwa auch über temporäre Nutzungen oder als Kiosk ausprobieren. Aber die Menschen müssten die Angebote dann auch annehmen: "Von der vergessenen Semmel kann kein kleiner Laden leben."

"Wohltemperiertes Quartier", das werde angesichts des Klimawandels wichtig, erklärte Wolfgang Czisch als Vertreter der zweiten Arbeitsgruppe. Belüftung - etwa auch entlang großer Verkehrsadern wie der Wasserburger Landstraße, zudem Kühlung durch kleine Parks und Tausende neue Bäume seien wichtig. Platz für die Bäume biete der Straßenrand: Wenn alle in der Stadt das Tempo drosseln müssten, brauchten die Straßen nicht mehr so breit zu sein. Dann sei auch weniger automobile Mobilität nötig, die Menschen könnten sich in der Stadt erholen und ihre 10 000 Schritte am Tag mit Freude gleich auf dem Weg zur Arbeit machen, so das Ideal für die Zukunft. Stadtplanerisch brauche es neue Instrumente, damit bei jedem einzelnen Vorhaben nicht zuletzt das Klima bedacht werde: "Wir brauchen Tabuflächen, müssen um jeden Baum kämpfen." Merk verwies auch darauf, dass der Zwang zum Stellplatz oftmals das Grün verhindere. Viele Bäume, so ergänzte sie, seien am Stadtrand nötig, und bei diesem Thema seien dann selbstverständlich auch die Umlandgemeinden gefragt.

Christine Röger und Martin Fochler widmeten sich dem Thema Partizipation, ohne die die Stadt sich nicht positiv entwickeln lasse. Da habe sich so viel gewandelt in den vergangenen Jahrzehnten, die Stadt agiere oft vorbildlich - und doch seien viele Bürger unzufrieden. Der Rat der Arbeitsgruppe: Die Menschen sollten noch früher gefragt und informiert werden, man müsse ihnen aber bei jedem Projekt den fixen Rahmen und den vorhandenen Spielraum exakt aufzeigen. In der Diskussion kam die Forderung, den Bezirksausschüssen angesichts ihrer lokalen Kompetenz mehr Rechte einzuräumen. Die Stadtbaurätin merkte an, dass sie ihre Mitarbeiter zu immer mehr Beteiligung anhalte, dafür aber keine neue Planstelle habe.

Am Ende drehte Merk den Spieß um und formulierte eigene Wünsche an die Interessierten und Aktiven vom Münchner Forum. Sie brauche ihrerseits Unterstützung für ein von ihr geplantes Bürgergutachten für die Innenstadt zum Thema Mobilität: "Das kann man nicht nur mit drei Betroffenen in der Sendlinger Straße diskutieren." Und Merk sprach am Ende noch ein Thema an, das die meist nicht ganz jungen Diskutanten gar nicht auf dem Schirm hatten - die Entwicklung zur digital vernetzten Stadt, hin zur "Smart City". "Nicht ansatzweise dialogfähig" sei ihre Verwaltung in solchen Fragen wie der, wer künftig die Datenhoheit habe, mit welchen großen Akteuren man es zu tun bekomme: "Wenn wir das verpassen, haben wir ein Riesenproblem,es ist schon fast zu spät."

© SZ vom 20.11.2015

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