Schwabing Anbandeln

Die Stiftung Pfennigparade will mit dem Sozialnetzwerk Regsam die Inklusion im Münchner Norden verbessern

Interview von Ellen Draxel, Schwabing

Inklusion heißt das Zauberwort. Der Begriff kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "Einbeziehung". Soziologisch gesprochen meint Inklusion die Tatsache, dass jeder Mensch unterschiedlich ist und als solcher gleichberechtigt und selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann - unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft, von Religionszugehörigkeit, Bildung, Neigungen oder möglichen Behinderungen. Aber funktioniert dieses Idealbild in der Realität? Im Forum am Luitpold, dem Wohnprojekt für Senioren mit Behinderung der Stiftung Pfennigparade, durchaus: Dort gibt es nicht nur ein Café, das ein Gastro-Profi betreibt und das viele Menschen im Stadtteil schätzen.

Auch die Münchner Volkshochschule hat in dem Gebäude eine Dependance und zieht mit ihrem Kursangebot Besucher aus dem ganzen Viertel an. Die Stiftung Pfennigparade, Akteurin im bundesweiten Netzwerk "Soziales neu gestalten" (Song), aber will mehr. Gemeinsam mit dem Münchner Sozialnetzwerk Regsam hat das Rehabilitationszentrum jetzt einen Fachtag unter dem Motto "Anbandeln" abgehalten. Das Ziel: neue soziale Netzwerke im Münchner Norden zu gestalten. Nuria Weberpals war als Regsam-Moderatorin federführend dabei.

Soziale Einrichtungen sollen ihre Angebote nach außen öffnen und gleichzeitig ihre Nutzer ermutigen, die Angebote anderer zu nutzen, das ist Ziel von Regsam. Auftakt für mögliche Kooperationen bot eine Konferenz in Schwabing.

(Foto: Catherina Hess)

SZ: Frau Weberpals, was waren die Themen beim Fachtag?

Nuria Weberpals: Zunächst einmal ging es darum, voneinander zu wissen und zu hören. Das war ja erst der Auftakt für mögliche Kooperationen. Etwa 70 Personen sind gekommen, Vertreter sozialer Einrichtungen, Mitarbeiter des Sozialbürgerhauses und städtischer Referate, Politiker. Und ungefähr 25 Leute aus der Pfennigparade. Die Pfennigparade will sich mehr in die Nachbarschaft integrieren, aber dafür müssen erst die Voraussetzungen geschaffen werden.

Gibt es die nicht schon?

Ganz oft wird bei den sozialen Einrichtungen mit Inklusion geworben, das ist richtig. Aber um Inklusion zu leben, braucht es mehr als nur barrierefreie Räume. Das ist lediglich ein Mosaikstein. Was mache ich zum Beispiel, wenn jemand einen epileptischen Anfall kriegt? Das hat auch viel mit medizinischem Wissen zu tun. Die Behindertenhilfe sollte bedenken, dass es nicht damit getan ist, Menschen mit einer Behinderung nur ein einziges Mal zu begleiten. Sie sollte öfter dabei sein - um Vertrauen und Sicherheit weiterzugeben.

Nuria Weberpals vom Münchner Sozialnetzwerk Regsam moderierte den von der Stiftung Pfennigparade initiierten Fachtag zur Vernetzung von Organisationen im Münchner Norden, die mit Inklusion zu tun haben

(Foto: Catherina Hess)

Im Forum am Luitpold funktioniert die Vernetzung ganz gut . . .

Das stimmt, aber kaum einer der Bewohner verlässt dieses Terrain. Weil nicht geklärt ist, was behinderte Menschen brauchen, wenn sie mal zu einem Nachbarschaftstreff oder ins Freizeitheim wollen. Und das Zentrum der Pfennigparade an der Barlachstraße wirkt ja irgendwie schon wie eine sichere Festung. Natürlich ist das offen für jeden. Aber da geht selten jemand raus. Und von uns traut sich keiner rein. Darum geht es, diese innere Schranke müssen wir aufbrechen.

Wurden beim Fachtag schon konkrete Wünsche geäußert?

Ja, zwei Frauen aus der Pfennigparade haben erzählt, dass sie sich freuen würden, wenn zum monatlichen offenen Kinoabend an der Barlachstraße auch mal Nachbarn kämen. Oder wenn in den Werkstätten auch Menschen arbeiteten, die keine Behinderung haben. Im Übrigen gibt es durchaus schon Kooperationen: Beispielsweise treffen sich einmal pro Monat vom Katholischen Männerfürsorgeverein betreute Wohnungslose mit Bewohnern der Pfennigparade für gemeinsame Ausflüge. Gemeinsame Aktivitäten kann sich aber auch der Verein "Gemeinsam leben lernen" mit dem Kinder- und Jugendtreff Haus am Schuttberg vorstellen. Oder das Seniorenheim Damenstift mit dem Kreativlabor der Pfennigparade.

Wie soll es jetzt weitergehen?

Anfang nächsten Jahres wollen wir bei Regsam einen Facharbeitskreis Inklusion für Schwabing, Milbertshofen und Freimann ins Leben rufen. Da werden Leute aus der Pfennigparade und eventuell andere aus der Behindertenhilfe mitmachen, aber auch Vertreter sozialer Einrichtungen. Beispielsweise jemand vom Frauennotruf, vom Verein Kinderschutz oder vom integrativen Jugendtreff Mop.