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Schulprojekt:Die Steine von Rom

Auf dem Boden liegend bessern die Münchner Meisterschüler die Grabinschriften aus. Das ist gar nicht so einfach.

(Foto: Referat für Bildung und Sport)

21 Meisterschüler aus München reisen mit einer besonderen Mission in die Hauptstadt Italiens: Sie reinigen und restaurieren Grabsteine. Die Arbeit kann auch körperlich anstrengend sein

Von Christina Hertel

Ein Engel aus weißem Marmor lehnt an einen Grabstein, der Kopf in den Armen versunken. Ein Grab für eine Adelige, könnte man meinen. Doch der Bildhauer schuf den Engel für Emelyn Story, seine Frau. Es war seine letzte Arbeit, ein Jahr später, 1895, starb William Wetmore Story im Alter von 78 Jahren. Der Grabstein steht auf dem Cimitero acattolico, dem protestantischen Friedhof in Rom. "So etwas könnte sich heute kein Mensch mehr leisten", sagt Anselm Hoppe. Er ist Steinmetz und besucht die Meisterschule für das Bau- und Kunsthandwerk in München. Vor ihm steht ein Laptop, er klickt sich durch zig Bilder des Grabsteins. Die Finger, die Flügel, die Arme, jedes Detail hat er fotografiert. Anfang September waren Hoppe und 20 weitere Meisterschüler in Rom, um Grabsteine wie diesen auf dem Cimitero acattolico und dem Friedhof Campo Santo Teutonico zu reinigen und zu restaurieren.

Die Schüler blieben zwei Wochen. Die meiste Zeit arbeiteten sie, schauten aber auch die Stadt an. Die Exkursion ist Teil des Erasmus-Austauschprogramms und findet jedes Jahr statt. Außer Steinmetzen waren noch Holzbildhauer, Bautechniker und Maurer dabei. Die größte Herausforderung für die Gruppe: genug Geduld mitzubringen. "Um den alten Stein nicht zu zerstören, haben wir sehr schonende Mittel verwendet, die wir immer wieder von Neuem auftragen mussten", erzählt Hoppe. Mit einer Drahtbürste und einer speziellen Flüssigkeit entfernte er Flechten und Algen. Eine weitere Aufgabe: Steine und Kreuze, die auseinander gebrochen waren, wieder zusammenzukleben.

Der größte Teil der Meisterschüler kümmerte sich um Grabsteine auf dem Campo Santo Teutonico, dem Friedhof der Deutschen und der Flamen. Er befindet sich Mitten im Vatikan, neben dem Petersdom. "Bis heute werden da nur Menschen mit deutschem oder flämischen Hintergrund begraben", erzählt Sophie Neustifter. Sie ist Holzbildhauerin, doch mit Holz konnte sie kaum arbeiten. Sie malte alte Inschriften, die schon fast verblasst waren, mit schwarzer oder brauner Farbe nach. "Manche Steine waren schon so abgetreten, dass man sich selber überlegen musste, wie die Schrift ausgesehen haben könnte", sagt Neustifter. Außerdem mussten die Meisterschüler den ganzen Tag auf dem Bauch in der Sonne liegen - denn die Platten lagen alle auf dem Boden.

Mit einem Transporter fuhr die Gruppe die Ausrüstung, also Gerüste, Mörtel und Farben, nach Rom. "Das alles in den Mengen in Italien zu kaufen, hätte gar nicht geklappt", sagt Thomas Breitsameter, der eine Ausbildung zum Maurermeister macht. Auf dem Campo Santo Teutonico sanierte er den Kreuzweg. Das Schöne an dem Friedhof sei gleichzeitig auch ein Fluch: "Er ist wie eine grüne Oase - voll mit Pflanzen. Aber die Wurzeln bohren sich eben auch in die Bausubstanz." Breitsameter entfernte Pflanzen zum Teil, verputzte die Wände und strich sie anschließend orangefarben.

Zurück in München: Anselm Hoppe klickt weiter auf seinem Laptop durch die Bilder. Man sieht Grabsteine, die zuvor grün von Algen oder grau vom Ruß waren, und jetzt wieder weiß strahlen. Man sieht Engel und Tauben, auf Stein einem sitzt sogar ein kleiner Junge aus Marmor. "Unsere Lehrer haben uns gesagt, wir sollen uns möglichst viele Symbole merken", sagt Steinmetz Maximilian Vieweger. In Rom hat er gelernt, dass ein Schmetterling ein Zeichen der Auferstehung und eine umgedrehte Fackel ein Symbol für das Verlöschen des Lebens ist. Wenn Vieweger in acht Monaten mit der Meisterschule fertig ist, fängt er im Betrieb seines Vaters an. Und wenn er dann Grabsteine anfertigen muss, möchte der 25-Jährige vieles anders machen. "Heute sehen die meisten Steine aus wie polierter Leberkäse mit goldener Schrift." Es klingt fast ein bisschen trotzig. Die Grabkultur, sagt er, sei verloren gegangen, und Vieweger möchte sie wieder zurückbringen. "Es geht mit einfach um das Gestalterische. Ob ich einen Grab für einen Muslim, Christ oder Hindu mache, ist mir da egal."

© SZ vom 26.10.2016
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