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Hochbegabte:Schlauer als die Lehrer

Hochbegabtenklasse 5d Maria -Theresia-Gymnasium

Vokabeln müssen auch hochbegabte Kinder lernen - aber wie. In der Begabtenklasse 5 d im Maria-Theresia-Gymnasium haben die Schülerinnen und Schüler dazu ein eigenes Quiz erstellt.

(Foto: Corinna Guthknecht)
  • Besonders intelligente Kinder fühlen sich im Unterricht schnell unterfordert.
  • Speziell auf ihre Bedürfnisse einzugehen, stand lange Zeit nicht im Fokus der Pädagogen.
  • Neun Schulen in Bayern arbeiten mittlerweile als Kompetenzzentren. Davon profitieren auch die anderen Schüler. Das Münchner Maria-Theresia-Gymnasium gilt deutschlandweit als Vorreiter.

Das Abfragen der Vokabeln übernehmen die Kinder diesmal selbst, Thomas ist dran. "Was heißt 'saepe'?", will eine Mitschülerin wissen, sie hat sich vorne neben das Lehrerpult gesetzt. "Oft!", sagt Thomas - aber das lassen ihm die anderen nicht durchgehen. "Das hast du Thomas vorhin schon gefragt!", beklagt sich ein Mädchen. "Das stimmt!", sagt ein Bub und nickt. Also ein anderes Wort, "pugnare", aber das weiß Thomas auch: "Kämpfen!". Er darf ins Viertelfinale.

Es ist Montagnachmittag, die 5 d am Maria-Theresia-Gymnasium, eine Förderklasse für Hochbegabte, hat Latein-Unterricht. Die Kinder hätten ein Quiz zum Vokabellernen erstellt, sagt Lehrerin Sabine Wächter. Sie selbst hält sich im Hintergrund. Und die Aufgaben werden schwieriger. "Was ist der Genitiv von 'mos'?", heißt es jetzt, und während die Halbfinalisten noch grübeln, gehen überall die Finger hoch, die Mitschüler hält es kaum auf ihren Sitzen. Die Finalisten schließlich müssen Grammatikfehler in lateinischen Sätzen finden, die ihnen vorgelesen werden, die Aufgabe ist knifflig, aber die Schüler lösen sie auch. Am Ende gewinnt Kai, er ist am schnellsten. Dann setzt er sich gleich wieder auf seinen Platz. Der Unterricht geht weiter.

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Das Maria-Theresia-Gymnasium feiert an diesem Mittwoch Jubiläum: Seit 20 Jahren gibt es hier spezielle Förderklassen für Hochbegabte. Ab der fünften Klasse werden ausgewählte Schülerinnen und Schüler getrennt von den Regelklassen unterrichtet; bis kurz vor dem Abitur bleiben sie zusammen. Das Gymnasium in der Oberen Au war bundesweit die erste öffentliche Schule, an der solche Klassen eingerichtet wurden. Heute gibt es alleine in Bayern neun; ins Maria-Theresia-Gymnasium kommen hochbegabte Kinder aus München und dem östlichen Oberbayern. Mehr als 400 Kinder hat die Schule bislang in ihre "d-Klassen" aufgenommen, wie die Begabtenklassen intern heißen; etwa 250 haben schon Abitur. Und das Gymnasium gibt seine Erfahrungen als Kompetenzzentrum weiter - auch an Schulen ohne Begabtenklassen.

Von der Förderung der Begabten profitierten auch die anderen, sagt Schulleiterin Birgit Reiter. Das Maria-Theresia-Gymnasium ist vierzügig; etwa 160 der rund 880 Schüler besuchen eine d-Klasse. Dafür erhält die Schule zusätzliches Geld vom Kultusministerium, und das investiert sie: zum Beispiel in Wahlfächer, von Robotics bis hin zu Sprachen wie Russisch und Schwedisch. Das Angebot wäre ohne die Begabtenklassen wohl geringer, sagt Reiter, dasselbe gelte für die Klassenfahrten. Und die Schule erprobt andere Unterrichtsformen, etwa Atelierstunden in der Unterstufe: "Die Lehrer stellen Material bereit, damit sich die Schüler selbst vertiefend mit dem Schulstoff beschäftigen können", erklärt Silvia Duschka, die zuständige Mitarbeiterin in der Schulleitung. Was sie tun, könnten sich die Schüler aussuchen, "sie müssen aber dokumentieren, was sie machen." Wenn sie sich bewähren, werden solche Konzepte auch in die Regelklassen übertragen. Man wolle jedes Kind fördern.

Um in eine Begabtenklasse aufgenommen zu werden, muss ein Kind ein Auswahlverfahren bestehen. 70 bis 100 Kinder würden sich jeden Januar bewerben, heißt es von der Schule. Dazu gehören Zeugnisse, Empfehlungsschreiben der Grundschulen und Motivationsschreiben der Eltern, gerne auch der Kinder. Es folgt ein Begabungstest. Danach werden etwa 30 Kinder zum Probeunterricht eingeladen. Aufgenommen werden am Ende 20 bis 22, die anderen erhalten Absagen. "Wir versuchen sehr transparent zu sein, wie der Prozess abläuft", sagt Reiter. Versucht, sein Kind einzuklagen, habe bisher noch niemand.

Was die Begabtenklassen besonders macht, ist zunächst ihre Größe: Im Maria-Theresia-Gymnasium sitzen in den Regelklassen bis zu 32 Schüler, die Begabtenklassen sind um ein knappes Drittel kleiner. Die d-Klassen beginnen zudem in der fünften Klasse mit Englisch und Latein, sie vereinen den sprachlichen und den naturwissenschaftlich-technologischen Zweig. Die Lehrer aber sind dieselben wie in den Regelklassen, und einen eigenen Lehrplan gibt es auch nicht. Das Arbeitstempo freilich sei höher, sagt Reiter. Man wiederhole weniger und gehe mehr in die Tiefe.

Für Lehrer seien die Klassen herausfordernd, sagt Reiter. "Oft haben die Schüler großes Vorwissen und möchten das diskutieren. Die Lehrer schlüpfen mehr in die Rolle von Moderatoren." Hochbegabte redeten oft wie Erwachsene. "Da muss man aufpassen, dass man nicht aus dem Blick verliert, dass sie noch Kinder sind." Manchmal seien Schüler so gut in Mathematik, dass kein Lehrer mithalten könne, erzählt Reiter. "Man muss auch als Lehrer den Mut haben zu sagen: Das weißt jetzt du besser als ich."

Eine hohe Begabung zeigt sich nicht immer speziell in Mathematik; solche Klischees müsse man vermeiden, sagt Reiter, das sei geradezu das Erfolgsrezept der Begabtenklassen. Man müsse die einzelnen Kinder sehen. Viele hätten weniger ein mathematisches als etwa ein sprachliches Talent. "Die Gruppen sind nicht homogen, im Gegenteil", sagt Silvia Duschka. Aber Gemeinsamkeiten gibt es doch. Hochbegabte seien oft sehr neugierig und zeigten gerne, was sie können, sagen die Schulleiterinnen.

Sie hätten einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Sie seien "sehr empfindlich, was vermeintliche oder tatsächliche Ungerechtigkeiten angeht", sagt Reiter. "Man muss viele Entscheidungen besonders gut begründen." Dabei sind Hochbegabte nicht automatisch gute Schüler; auch das ist ein Klischee. Die Kinder haben nur die Anlagen dazu. "Vokabellernen muss man auch in einer Hochbegabtenklasse", sagt die stellvertretende Schulleiterin Irene Braun. "In der fünften Klasse müssen die Schüler erst lernen, dass sie überhaupt lernen müssen", ergänzt Duschka.