Finanzen Fünf Lebenslagen, die häufig in die Schuldenfalle führen

Komplizierte Bürokratie, eine gescheiterte Ehe oder eine kleine Rente: Verschiedene Schicksale können zu Verschuldung führen.

Von Sven Loerzer

Ein Blick auf den neuen Schuldneratlas zeigt: Die Münchner sind weniger verschuldet als noch vor einem Jahr. Hinter jedem Fall aber steht ein Schicksal - von der gescheiterten Selbständigkeit über zu hohe Lebenskosten für Großfamilien oder den plötzlichen Tod der Eltern bis hin zu komplizierten Familienkonstruktionen.

Wenn die Bürokratie zu kompliziert ist

Mit dem Vorwurf, wie man denn so viele Kinder in die Welt setzen könne, wenn man sie nicht versorgen kann, ist die neunköpfige Familie oft konfrontiert worden. Doch das stimmt so nicht, sagt Thomas Tinnemeyer. "Beide Ehepartner arbeiten, sie haben versucht, es zu schaffen", sagt der städtische Schuldnerberater. Knapp 4000 Euro netto hat die Familie zur Verfügung, dazu kommt noch das Kindergeld. Mit rund 1200 Euro ist die Kaltmiete keineswegs überzogen, auch die Ausgaben seien im Rahmen geblieben.

Doch dann kam die Familie beim Strom durch Nachzahlungen in den Rückstand, Schulden bei zwei Versandhäusern folgten, wo sie Möbel gekauft hatten, schließlich auch beim städtischen Kassenamt, weil die für Vergünstigungen bei der Kinderbetreuung erforderlichen Nachweise fehlten. Auf den Lohnsteuerjahresausgleich verzichtete die Familie. "Man braucht ein gut funktionierendes Büro, um überall die erforderlichen Anträge zu stellen, die möglich sind", sagt Tinnemeyer. "Wenn das nicht gemacht wird, schnappt die Schuldenfalle zu."

Wenn Ratenzahlungen nicht bedient werden, dann geht die Forderung meist an ein Inkassobüro - dann wird es richtig teuer. So waren es schließlich mehr als 30 000 Euro Schulden bei 18 Gläubigern: "Das kann man selbst nicht mehr regeln", sagt Tinnemeyer. Der Mutter hilft jetzt das Verbraucherinsolvenz-Verfahren: "Sie hat gern viele Kinder und will es schaffen.

Wenn der Konsum zu verlockend ist

Plötzlich stand der junge Mann völlig allein da: Seine Mutter, bei der er lebte, starb, als er gerade 18 Jahre alt geworden war. Schule, Ausbildung, "er hat alles abgebrochen", erzählt Manuela Götz, Schuldnerberaterin bei der Stadt. Zum Vater bestand kaum Kontakt. Das Jobcenter zahlte zwar weiter den Lebensunterhalt und die Mietkosten, aber der Sohn saß nur noch zuhause, war überfordert damit, sich um sein Leben zu kümmern. "Er zockte nur noch am Computer", sagt Manuela Götz.

Eine ihrer Klientinnen, die ihn kannte, machte sich große Sorgen und schaltete deshalb die Schuldnerberaterin ein. Für Handy und Internetzockerei waren bereits Schulden in Höhe von 4500 Euro aufgelaufen. Um dem jungen Mann einen Neustart zu ermöglichen, verhandelte Manuela Götz mit dem Gläubiger. Mit Erfolg: "Wir konnten eine außergerichtliche Einigung erzielen." Sie habe "ein bisschen was anbieten" können aus Stiftungsmitteln. Und das war dem Gläubiger lieber, als lange Jahre auf eine höchst ungewisse Rückzahlung warten zu müssen.

Manuela Götz war froh, als sie vernahm, dass der junge Mann inzwischen eine Ausbildung absolviert. Jugendliche und junge Leute kommen eher selten zur städtischen Schuldnerberatung, für sie gibt es die Jugendschuldnerberatung und das Präventionsprojekt Cashless. Es soll verhindern, dass Handys, Ratenkäufe und andere verlockend erscheinende Angebote zur Schuldenfalle werden.

Wenn die Liebe nur Schwindel ist

Der Mann verstand es gut, Gefühle für sich zu wecken und die Altenpflegehelferin für eine angeblich gemeinsame Zukunft zu begeistern. Die Endfünfzigerin lebte alleine, hatte weder Familie noch engere Freunde. Von ihren monatlich 1600 Euro netto hat sie seit langen Jahren etwas Geld fürs Alter gespart. "Sie hat immer sehr bescheiden gelebt", sagt Manuela Götz, Schuldnerberaterin bei der Stadt.

Die so heftig umworbene Frau lässt sich blenden und Geld aus der Tasche ziehen, damit er die gemeinsame Zukunft auch schön gestalten kann. Sie lässt sich überreden, dafür sogar einen Kredit in Höhe vom mehr als 30 000 Euro aufzunehmen - dann war der Mann, der offenbar eine falschen Namen benutzte, weg, und mit ihm das Geld. Sein Opfer blieb zurück, versank in Scham und Schulden. Erst als die Briefe vom Inkassobüro immer bedrohlicher wurden, suchte sie Hilfe bei der Schuldnerberatung. Manuela Götz verhandelte und konnte erreichen, dass der Gläubiger auf eine Pfändung verzichtete. Nun zahlt die Frau, bis sie in Rente geht, über 60 Monate jeweils 220 Euro zurück, etwa ein Drittel der aufgelaufenen Schulden.

Dass Frauen für die Schulden der Männer geradestehen müssen, passiert nicht selten, sagt die Schuldnerberaterin: Oft gehen Frauen Bürgschaften für die Firma ihres Mannes ein, "alles für uns, Schatz", dann scheitert die Ehe, die Firma ist pleite, die Gläubiger nehmen die Frau in die Pflicht.

Wenn die Ehe am Ende ist

Wenn nach einer Trennung oder Scheidung eine neue Patchworkfamilie entsteht, wird es oft auch finanziell kompliziert. Thomas Tinnemeyer von der städtischen Schuldnerberatung nennt ein Beispiel: Ein Vater, der mit der Mutter seines Kindes und zwei weiteren Kindern aus ihrer früheren Beziehung zusammenlebt.

Aus einer gescheiterten Selbständigkeit bringt er 11 000 Euro Schulden mit und muss deshalb auf sein Nettogehalt von 1800 Euro eine Pfändung von rund 120 Euro hinnehmen, bei deren Berechnung nur die Unterhaltsverpflichtung für das gemeinsame Kind berücksichtigt wird. Zudem musste er sich bei der Krankenversicherung nachversichern lassen und schuldet der Kasse nun 4000 Euro, deshalb hat er nur Anspruch auf Notfallbehandlung. Die Mutter wiederum ist arbeitssuchend, bekommt aber kein Arbeitslosengeld II, weil ja ein gemeinsamer Haushalt besteht und deshalb das Einkommen des Mannes voll anzurechnen ist. Der Mann will nun ins Verbraucherinsolvenz-Verfahren, um aus der Zwickmühle herauszukommen.

"Viele arbeiten als Subunternehmer", etwa als Kurierfahrer, sagt Tinnemeyer, das spare den Arbeitgebern Versicherung und Risiko. Migranten ohne Ausbildung ließen sich davon blenden, als Ein-Mann-Subunternehmer "ohne Chef zu arbeiten". Das aber geht oft schief, wenn nicht genügend Geld übrig bleibt, um davon die Krankenversicherung zu bezahlen und das Finanzamt.

Wenn die Rente zu klein ist

Eigentlich hat sie immer gearbeitet, aber immer selbständig. Das hat nicht viel hergegeben für Einzahlungen in die Rentenversicherung oder Ersparnisse: Weil sie als Rentnerin nur wenig mehr als 200 Euro monatlich bekam, übernahm sie einen kleinen Zeitschriftenladen mit Pausenverkauf. Das lief einige Jahre gut für die Frau, bis dann gegenüber Konkurrenz aufmachte, ein großer Backshop. Dann führte der Weg über Pachtrückstände schnell in die Schuldenspirale, bis sie schließlich nicht mehr weiterwusste.

"Wir haben Schadensbegrenzung betrieben", sagt Gabriele Wach, Schuldnerberaterin bei der Stadt. Also das Geschäft räumen, so schwer das auch der 78-Jährigen fiel. "Sie hat sich ihr ganzes Leben ohne Schulden durchgewurschtelt." Dass sie wegen ihrer kleinen Rente Anspruch auf Grundsicherung im Alter hat, wusste sie nicht. Getrieben von Existenzangst hatte sie den Laden eröffnet. Am Ende summierten sich die Schulden dann auf rund 50 000 Euro.

"Es ist kein außergewöhnlicher Fall. Die Fälle von Armut im Alter häufen sich", sagt Gabriele Wach. Wenn die Rente nicht reicht, versuchen viele Menschen noch zu arbeiten, um keine Sozialleistungen in Anspruch nehmen zu müssen. Da sind Menschen weit jenseits der 70 noch als Versicherungsvertreter unterwegs, andere wiederum leben unter dem staatlich zugestandenen Existenzminimum, um so ihre Miete bezahlen zu können.

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