Schuldenerlass Keine Schecks, kein Geldkoffer

Verfahren Nummer 401 Js 109774/15. Unter diesem Aktenzeichen wird gegen Augustinum-Chef Markus Rückert ermittelt. Seine Anwälte glauben, dass der Fall eingestellt wird.

(Foto: Augustinum)

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Untreue gegen den Augustinum-Chef Markus Rückert. Der Fall ist eigenartig und kurios.

Von Bernd Kastner, Klaus Ott

Manchmal packt den evangelischen Pfarrer Markus Rückert, der das Augustinum leitet, der heilige Zorn. Einige Herren hätten sich an der gemeinnützigen Unternehmensgruppe frech und schamlos bereichert, schrieb Rückert kürzlich den 7400 Bewohnern der Senioren-Stifte des Augustinums. Die Empörung galt früheren Kollegen und Geschäftspartnern, die den Sozialbetrieb bei Immobiliendeals ausgenommen haben sollen.

Einen ebenfalls deutlichen Brief hat der Pfarrer und Konzernchef vor gut fünf Jahren, am 14. April 2010, an den Karlsruher Bau- und Immobilienunternehmer Hans Steiner geschickt. Der schuldete dem Augustinum noch eine halbe Million Euro aus einer früheren gemeinsamen Firma und wollte wohl bei Rückert vorbeischauen, um gut Wetter zu machen. Doch der Augustinum-Chef wollte ihn nicht sehen. "Es sei denn, Sie haben einen Koffer voller Geld dabei, das wir gemeinsam nachzählen können." Es kam kein Koffer voller Geld.

Stattdessen hat Rückert, der sich bei den Immobiliendeals schwer getäuscht sieht und mit einer Anzeige bei der Münchner Staatsanwaltschaft umfangreiche Ermittlungen auslöste, selbst die Strafverfolger am Hals. Die Staatsanwaltschaft führt unter dem Aktenzeichen 401 Js 109774/15 ein Verfahren wegen Untreue gegen den Chef des Augustinums und gegen dessen früheren Finanzchef Kurt Wilkin. Der Grund: Das Augustinum hatte kurz nach Rückerts Mahnbrief an Steiner dem Karlsruher Bauunternehmer die Restschuld erlassen. Das sei grundlos geschehen, glauben die Strafverfolger. Rückert und Wilkin hätten also Vermögen der gemeinnützigen Unternehmensgruppe veruntreut. Der Schuldenerlass war auf Betreiben des schwäbischen Rechtsanwaltes Artur Maccari erfolgt, der damals den Aufsichtsrat des Augustinums leitete und der inzwischen verstorben ist. Im Nachhinein wird rund um die fragwürdigen Immobiliendeals vieles bekannt, was Maccaris Treiben in einem trüben Licht erscheinen lässt.

Das gilt auch für Steiners Schuldenerlass. Kurz nach Rückerts Mahnbrief an Steiner hatte Maccari im Augustinum vehement darauf gedrängt, die Forderung gegen den Bauunternehmer fallen zu lassen und darüber hinaus sogar Grundpfandrechte zu löschen, die auf einem Anwesen Steiners eingetragen waren. Der mit Steiner eng verbandelte Maccari setzte das bei Rückert und Wilkin durch; das Augustinum verzichtete also auf Sicherheiten.

Aber warum nur? Weil Anwalt Maccari den Bauunternehmer Steiner schon lange kannte und mit ihm viele Geschäfte machte? Es sieht so aus, als habe Rückert bei Maccari auf den falschen Ratgeber vertraut und sich so das Untreueverfahren eingehandelt. Die Anwälte des Augustinums glauben aber, die Staatsanwaltschaft werde das Verfahren einstellen. Weil die Forderung gegen Steiner wertlos und längst verjährt gewesen sei; weil auch die Grundpfandschuld nichts wert gewesen sei; weil der Schuldenerlass gar nicht "rechtswirksam" geworden sei; und weil Steiner vielleicht einen Teil seiner Schuld mit Aufträgen abgearbeitet habe.

Letzteres stimme, sagte Steiner auf Anfrage der SZ. Das sei mit Maccari per Handschlag so vereinbart gewesen. Man habe zwar nicht "auf Euro und Cent" Buch geführt. Aber eines Tages habe er, Steiner, zu Maccari gesagt, jetzt sei "alles geglättet". Der Aufsichtsratschef des Augustinums sei der Ansicht gewesen, das sei doch ein "sauberer Weg", so Steiner. Ein sauberer Weg? Der Seniorenstift-Konzern erklärt, es sei ihm nicht bekannt, welche Leistungen Steiner erbracht habe und haben wolle. Teilweise fehlten Unterlagen. "Ein verlässliches Bild der Tätigkeit von Herrn Steiner lässt sich nicht ermitteln." Die Münchner Kriminalpolizei hat Steiner dazu vernommen. Der gab zu Protokoll, er könne sich an die Zeiträume, in denen seine Schuld mit Leistungen von ihm verrechnet worden sei, nicht mehr erinnern. Gegen Steiner wird inzwischen ebenfalls ermittelt. Wegen Beihilfe zum Betrug des Augustinums bei den Immobiliendeals.

Konzernchef Rückert hat Ende 2013 noch einmal an Steiner geschrieben und ihn an seine Zusage erinnert, eine "namhafte Spende" zu leisten, sobald es ihm ökonomisch besser gehe. Immerhin habe Steiner das Augustinum um einen erheblichen Betrag erleichtert. Es sei "hohe Zeit" für einen Verrechnungsscheck. Doch auch der kam nie in München an. Der SZ sagte der 70-jährige Steiner jetzt, er rechne mit einer "wirtschaftlichen Konsolidierung" seiner Firmen und wolle sich dann "seines Wortes erinnern" und spenden. Das Augustinum erklärte dazu, Steiner habe in der Vergangenheit bereits mehrmals solche Zahlungen versprochen, aber es sei leider nie etwas gekommen. Steiners neue Ankündigung kommentiere man nicht. Das sagt alles.