"Fridays for Future" Münchner Schüler streiken für das Klima

Bereits im Dezember protestierten Münchner Schüler am Max-Joseph-Platz für ein besseres Klima.

(Foto: Christian Schlodder)

Nach dem Vorbild der Schwedin Greta Thunberg tauschen nun auch in München Jugendliche das Klassenzimmer gegen den Protest auf der Straße. Die 17-jährige Ann-Kathrin Grunwald ist eine von ihnen.

Interview von Jakob Wetzel

Greta Thunberg hat es vorgemacht: Im August 2018 begann die damals 15-jährige Schwedin, freitags den Schulunterricht zu boykottieren, um stattdessen für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. Seither sind Zehntausende Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Ländern ihrem Beispiel gefolgt. Auch in München gab es im vergangenen Dezember einen Schulboykott; an diesem Freitag wollen jetzt erneut Schüler unter dem Motto "Fridays for Future" auf die Straße gehen, statt zu lernen.

In 45 deutschen Städten sind Kundgebungen geplant; in München beginnt der Protest um 11 Uhr am Geschwister-Scholl-Platz. Ann-Kathrin Grunwald wird bereits zum zweiten Mal dabei sein. Die 17-Jährige besucht das Ludwigsgymnasium am Westpark und steht vor dem Abitur. Sie erzählt, warum ihr trotz der bevorstehenden Prüfungen das Klima der Erde wichtiger ist als ihr Unterricht - und was passiert, wenn sich die Politik nicht für das Aufbegehren der Schüler interessiert.

Die 17-jährige Ann-Kathrin Grunwald besucht das Ludwigsgymnasium. Obwohl sie kurz vor dem Abitur steht, will sie am Freitag demonstrieren - und den Stoff notfalls nachholen.

(Foto: Privat)

SZ: Wenn Fluglotsen streiken, fallen Flüge aus. Wenn Lokführer streiken, bleiben Züge stehen. Wenn Sie Ihren Unterricht boykottieren, schaden Sie aber vor allem sich selbst. Warum machen Sie das?

Ann-Kathrin Grunwald: Wir wollen ein Ausrufezeichen setzen. Wem die Schule wichtiger ist, der kann in die Schule gehen, aber wem wichtiger ist, dass endlich etwas vorwärts geht, um unser Klima zu retten, der kommt mit.

Nimmt das denn jemand wahr?

Das hoffen wir. Den Lehrern fällt natürlich auf, dass Schülerinnen und Schüler fehlen. Und es wird immer häufiger darüber berichtet.

Wie viele Schüler werden streiken?

Es sollten am Freitag um die hundert sein. Wir hoffen natürlich auf mehr. Es sind Schülerinnen und Schüler von der siebten bis zur zwölften Klasse dabei und auch Studierende, die sich unserer Erde verantwortlich fühlen.

Siebtklässler haben Schulpflicht. Gibt es da keine Probleme mit der Polizei?

Nein. Zuletzt hat die Polizei den Schulstreik begleitet, aber nicht eingegriffen.

Was planen Sie am Freitag konkret?

Wir treffen uns vor der Uni auf dem Geschwister-Scholl-Platz, dort gibt es mehrere Redebeiträge, dann ziehen wir als Gruppe über die Ludwigstraße zum Maxmonument, und da gibt es noch mal eine Kundgebung. Wir werden dabei ordentlich Musik spielen und auf uns aufmerksam machen.

Warum machen Sie selber mit? Sie stehen ja vor dem Abitur und könnten den Unterricht womöglich gut gebrauchen.

Ja, aber ich finde die Aktion einfach gut und notwendig. Ich bin über die sozialen Netzwerke dazu gekommen, eine Freundin hat mich darauf aufmerksam gemacht, und ich dachte mir, ich gehe mal hin. Dann wurde ich immer aktiver.

Lernen Sie den Stoff nach?

Ich frage nach, was durchgenommen worden ist, oder auch nicht, je nachdem, wie nötig es gerade ist. Ich habe freitags sowieso nur bis 13 Uhr Schule, da fallen nur vier Fächer aus: Latein, Geografie, Bio und Deutsch. Und da der Streik immer erst um elf Uhr beginnt, habe ich noch Zeit, davor in die Schule zu gehen.

Was würden Sie sich wünschen?

Dass die Regierung auf uns aufmerksam wird und unsere Forderungen ernst nimmt. Das sind im Kern das Ziel, den Temperaturanstieg auf maximal 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, der Kohleausstieg, der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, der am besten kostenlos werden sollte, und der Ausbau der Radwege. Und wir wünschen uns, dass die Regierung sieht, dass sich bereits die jungen Menschen mit dem Klimawandel beschäftigen, weil er sie auch die längste Zeit betreffen wird.

Ist denn schon ein Entscheidungsträger auf Sie zugekommen?

Nein. Es gibt Parteien, die uns unterstützen, aber von den Regierenden haben wir bis jetzt noch nicht die Aufmerksamkeit, die wir möchten.

Und wenn das so bleibt?

Wir streiken jetzt am 18. und am 25. Januar, und danach werden wir sehen, wie lange sich das durchhalten lässt.

Sie wollen das jede Woche wiederholen?

Ja. Genau wie es Greta Thunberg gemacht hat. Geplant ist, jeden Freitag zu streiken. Wir hatten zwar die Sorge, dass es irgendwann zur Normalität wird, wenn jeden Freitag jemand auf dem Marienplatz steht. Aber weil die Schulen betroffen sind, muss was passieren. Die Schülerinnen und Schüler können nicht alle suspendiert werden.

Wie reagieren die Schulen?

Ich persönlich habe bis jetzt noch keine Probleme bekommen, aber ich habe auch erst einmal gestreikt. Ich weiß, dass andere bereits Verweise und Disziplinarstrafen bekommen haben. Die Schulen sind gegen den Streik. Es gibt zwar einzelne Lehrer, die das befürworten, aber die Schulleitungen sind größtenteils dagegen, und viele Eltern finden es auch nicht gut, wenn ihre Kinder nicht zur Schule gehen. Meine Eltern aber zum Beispiel schon.

Die finden es gut, wenn Sie nicht in die Schule gehen?

Die finden das gut, wenn es für einen guten Zweck ist.

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