Unternehmen "Es ist traurig, wie ernst du geworden bist"

Sie ist den ganzen Tag unterwegs. In der Werkstatt. Bei der Schrottpresse. Bei den Autowracks. "Herumwuseln" nennt Schindelar ihre Runden über den Schrottplatz. Jedem ihrer Mitarbeiter ruft sie dabei ein "Servus!" zu und stört sich nicht an dem zurückgeraunzten "Mahlzeit!" An den rauen Umgangston in der Werkstatt hat sie sich inzwischen gewöhnt.

Im Büro oben im ersten Stock ist sie immer nur für ein oder zwei Stunden. Vielleicht liegt das an der Einrichtung. Schindelar hat hier nach dem Tod ihres Vaters nur wenig verändert. Der halbe Raum wird von einem Besprechungstisch ausgefüllt, Stühle mit schwarzem Lederüberzug stehen um ihn herum.

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Wenn sie von ihrer Anfangszeit auf dem Schrottplatz im Osten von München erzählt, wird Schindelar nachdenklich. Ihr Blick wandert dann zum Fenster. Zwischen den Sätzen macht sie lange Pausen. Einfach waren die ersten Jahre nicht.

Schindelar hat nach dem Abitur Kommunikationsdesign studiert und eine kleine Agentur gegründet. Dann stirbt der Vater und Schindelar, "ein absolutes Papakind", tritt in seine Fußstapfen. Anstatt im sauberen Büro in Schwabing arbeitet sie nun zwischen ölversifften Motoren und durchgerosteten Heckklappen. Hinzu kommt die Verantwortung für 50 Mitarbeiter, bei denen sie tagtäglich um Autorität kämpfen muss.

Ständig muss sie Führungsstärke an den Tag legen, die sie sich gerade erst aufbaut. Sie muss sich in Geschäftsbilanzen und Personalverwaltung einarbeiten. Dazu kommt der finanzielle Druck, Schindelars Existenz hängt vom Schrottplatz und der Werkstatt ab. Sie arbeitet wie eine Besessene, manchmal 15 Stunden am Tag. Die Angst, es nicht zu schaffen, nimmt sie mit nach Hause. Sie bekommt Migräne, Magenprobleme. Nachts kann sie nicht schlafen.

Wieder lässt Nicole Schindelar den Blick aus dem Fenster schweifen, wieder macht sie eine Pause zwischen den Sätzen. Dann sagt sie, dass sie in den vergangenen vier Jahren ein komplett anderer Mensch geworden ist und dass ihre Sekretärin, die sie noch von früher kennt, manchmal sagt: "Es ist traurig, wie ernst du geworden bist."

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