Schrebergärten Früher ging es um Macht, heute um Erholung

Als der Mann vor 30 Jahren zusammen mit seiner Frau nach München kam, da hatte er längst den Wunsch, einen eigenen Garten zu haben. Aufgewachsen in einer Gastronomie-Familie, in einem kleinen Ort bei Kelheim, bekam er ein Angebot von der Post. "Ich wollte aber nicht nach München." Er ging doch, 1974, im Jahr 1981 heiratete Sollinger, bewarb sich um eine Parzelle, musste sieben Jahre warten. "Einen Garten hat man ja auf Lebzeit, der wird nur durch den Tod frei, oder durch eine Kündigung." Gekündigt wird allerdings fast nie, da muss man sich schon ordentlich daneben benehmen. Neulich kam es ausnahmsweise einmal vor. Sollinger wird später am Garten des Gartlers vorbeigehen, dann sieht man den Grund. Die Parzelle ist beinahe überwuchert. Der Mieter hatte einfach nichts gemacht. Vor Gericht gewann der Kleingartenverein.

"Man kann die Parzelle auch nicht vererben." Eigentlich. Sollingers jüngere Tochter allerdings ist nun schon seit einigen Jahren Fördermitglied. Sie würde die Parzelle ihres Vaters gerne übernehmen, irgendwann einmal. Es gibt da schon auch Möglichkeiten. Aber wenn ein Gartler stirbt, kann nicht der Sohn aus Hamburg anrufen und sagen, dass er das jetzt haben möchte. Dafür ist die Warteliste zu lang. Derzeit sind es 30 Familien, die angemeldet sind. Zwischen einer und vier Parzellen werden pro Jahr frei. Deshalb: "Wir haben die Liste geschlossen."

Selbstverständlich gibt es kein Wlan in den Parzellen und Wasser aus dem Brunnen gibt es nur für den Garten. Man soll dort ja nicht wohnen, sondern man soll dort leben.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Als Sollinger 1988 seine Parzelle zugeteilt bekam, eine am Südrand, lernte er zügig die Gartler-Gesetze. Zum einen: Auf einem Drittel der Fläche muss angebaut werden. "Ein Grund für uns, einen Garten haben zu wollen, war auch die Situation damals, dass Gemüse oft derart gespritzt war. Das wollten wir nicht essen." Lieber selbst anbauen. Allerdings mit Muskelkraft. Sollinger zeigt vom Gartentisch rüber zum Hochbeet neben den Möhren, in dem Salate wachsen. Eine weitere Regel besagt, dass Strom nur zu bestimmten Zeiten und nur zur Gartenarbeit genutzt werden darf. "Wenn einer sein Handy am Gemeinschaftsstrom auflädt, gibt es sofort eine Abmahnung."

Sollinger sagt: "Wir sind damals sehr herzlich aufgenommen worden von den Nachbarn." Das ist ja eine Sache: einen kleinen Garten bewirtschaften, im Sommer in der Sonne vor dem Gartenhaus sitzen. Die andere: Permanent Nachbarn ein paar Meter weiter, ohne Zaun getrennt. Keine Zäune, das ist auch eine Besonderheit in NW 6.

Die Nachbarn. "Früher ging es oft um Macht, darum, sich nichts sagen zu lassen." Auch um Neid, um die schönsten Blumen, das gepflegteste Beet, die größte Tomate. Heute geht es um Ruhe und Erholung, da will keiner mehr streiten.

Sollinger kam damals, er war 32, "in eine alte Gesellschaft". Unter den Gartlern waren viele Trambahnfahrer und Handwerker. Heute gibt es Banker im Garten, Leute aus der Forschung bei BMW, die Grafik-Designerin hat die Broschüre gestaltet. "Viele haben digitale Berufe", sagt Sollinger, "vielleicht haben die ganz besonders das Bedürfnis, ins Freie zu kommen". Und die Nationalitäten? "Quer Beet." Sollinger lächelt.

Die Familie lernte, als sie den Garten übernahm, was man darf und was nicht. Anbauen darf man, was man mag, "nur keinen Bambus", weil der unterirdisch zur Seite 15 Meter lange Wurzeln bildet, "die dann woanders hochkommen". Sie pflanzten, an den Rändern und am Eingang; um den Baum in der Mitte windet sich der kleine Weg zum Häuschen durchs Gras. Mit einer kleinen Solaranlage, 1,6 Quadratmeter sind auf dem Dach erlaubt, kann man einen Teekocher mit Strom versorgen. Sollinger baute seine Hütte im Laufe der Zeit innen aus, damit die Schafkopfrunde, die seit 28 Jahren spielt, sich auch immer wohl fühlt.