Schlote - sie sind, wenn der Vergleich erlaubt ist, die Kirchtürme des Industriezeitalters. Wie Ausrufezeichen ragen sie in den Himmel, so als wollten sie mitteilen, hier wird malocht, hier laufen die Schwungräder heiß, hier wird in die Hände gespuckt und das Bruttosozialprodukt gesteigert. Die Fabrikschlote der Gründerzeit prägten die Silhouetten der Industriemetropolen an Rhein und Ruhr, ihr Qualm verdunkelte einst den Himmel und verpestete die Luft.
In München hingegen haben es die großen Schornsteine zu keiner Zeit geschafft, den Kirchtürmen den Rang abzulaufen, was aber nicht heißt, dass die Stadt ein gänzlich schlotloses Dasein fristete. Rauchende Schlote sind schon auf den Postkarten der Münchner Großbrauereien um 1900 zu sehen, und ein bekanntes Bild des Malers Friedrich Perlberg zeigt die Lokomotivenfabrik Krauss im Jahr 1882, ein Ensemble von Fabrikhallen, über deren Dächern die Schlote wie tote Baumstämme ragen.
Vielleicht ist es ja so: Weil himmelragende Schornsteine in München eher selten sind, versucht man, die verbliebenen Exemplare auch dann zu erhalten, wenn sie für ihren ursprünglichen Zweck nicht mehr gebraucht werden. Was das Stadtbild betrifft, sind die Münchner ja ziemlich konservativ, sie lieben ihre Stadt, so wie sie ist, und einige würden sie am liebsten unter einer Käseglocke konservieren. Sie schimpfen, oft mit guten Gründen, sobald irgendwo ein schönes altes Haus für einen gesichtslosen Investoren-Neubau geopfert wird, und natürlich ist man erst recht verstört, wenn ein weithin sichtbarer Turm wie der 176 Meter hohe Kamin des Heizkraftwerks Süd verschwinden soll.
Und so ist es kein Wunder, dass die Stadtgestaltungskommission empfiehlt, den Riesenschlot zu erhalten, "als Landmarke einer sich wandelnden Energieversorgungsstruktur", wie Stadtbaurätin Elisabeth Merk sagt. Für einen nicht sonderlich romantisch veranlagten Pragmatiker wie Alexander Reissl, den Chef der SPD-Stadtratsfraktion, ist die Schloterhaltungsinitiative wiederum so befremdlich, dass er sich veranlasst sieht, sie mit Spott zu quittieren: "Dass jetzt schon Schornsteine heilig gesprochen werden, überrascht mich."
Nun wäre der Schlot des Heizkraftwerks Süd nicht der erste seiner Art, der auf diese Weise in die Gemeinschaft der Münchner Säulenheiligen aufgenommen würde. Jeder, der sich in der Gegend um die Donnersbergerbrücke herumtreibt, weiß dies. Dort, im Arnulfpark, steht der aus rotem Backstein gefertigte Schlot eines alten Heizkraftwerks, in dessen einstiger Turbinenhalle heute Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen stattfinden. Die quasi naturbelassene "Freiheizhalle" sowie der ausgediente Schornstein sind Beispiele, wie Kultur- und Industriegeschichte in der Monotonie moderner Wohn- und Bürobauten sichtbar bleiben kann.
Muffatwerk samt Kamin stehen heute unter Denkmalschutz
Die Architektur des Schlots im Arnulfpark originell zu nennen, wäre gewiss übertrieben, aber ein anderer Münchner Schornstein hat das Zeug dazu, die Freunde dekorativer Bauwerke in Verzückung zu versetzen. Der Kamin des 1893 fertiggestellten Muffatwerks an der Isar ist nun wirklich ein Schmuckstück. Wer genau hinschaut, kann an dem Turm, der im Geist des Jugendstils gestaltet ist, die Geschichte dieses Standorts ablesen. Der untere Teil gehörte einst zum 23 Meter hohen Wasserturm des Muffatbrunnhauses, dessen Pumpwerk von 1836 bis 1883 die Stadt mit Wasser versorgte. Nach dem Bau der Mangfalltalleitung wurde es überflüssig, und an seiner Stelle errichtete man gegen Ende des Jahrhunderts das Muffatwerk, dessen Turbinen und Dynamos den elektrischen Strom für die Stadt, insbesondere für die damals hochmoderne Straßenbeleuchtung, lieferten. Für die Dampfkesselanlage benötigte man einen Kamin, und nach längerem Hin und Her kamen die Verantwortlichen zu dem Ergebnis, den Schlot auf den Stumpf des alten Wasserturms zu setzen und ihm zudem eine hübsche Hülle im Stil der Zeit zur verpassen. Muffatwerk samt Kamin stehen heute unter Denkmalschutz.
Damit bleibt dem schmucken Schornstein ein Schicksal erspart, das die Schlote auf dem Gelände der Paulaner-Brauerei sowie dem Agfa-Areal in Giesing ereilte. Beide Kolosse standen den Plänen für die Neubebauung im Wege, und beide fielen den Künsten von Sprengmeistern zum Opfer - der 55 Meter hohe Agfa-Schlot im Jahr 2010, der Paulaner-Kamin, der 75 Meter in die Höhe ragte, sieben Jahre später.

Auf Videos im Internet können Freunde der kontrollierten Zerstörung diese letzten Sekunden der Ziegeltürme verfolgen. Was die Sprengmeister da verrichten, ist Präzisionswerk, und als Betrachter kommt man nicht umhin, das Spektakel mit der gleichen Mischung aus Vergnügen und Schaudern zu betrachten wie die berühmte Szene des Films "Alexis Sorbas", in der die eben eingeweihte Seilbahn nach allen Regeln der Zertrümmerungskunst zusammenkracht. Es knallt, dann steigen Staub und Rauch über dem Boden auf, für einen Moment scheint es, als könnte das Monstrum der Attacke widerstehen, doch dann sackt es - widerstandslos, könnte man meinen - zusammen. Ein letzter großer Auftritt, wie er einem großen Schlot gebührt.


