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"Scho schee":Der Tarnmantel des Shabby-Chics

Für Kneipenkenner ist es ein Leichtes, an der Inneneinrichtung eines Lokals die Preise abzuschätzen. Nur in München funktioniert das nicht. Dahinter steckt Kalkül.

Kolumne von Alice Hasters

Ich bin schon in vielen Großstädten durch viele Bars und Cafés gestreunert. Als Gast, als Servicekraft und als Barfrau. Deshalb meine ich es, wenn ich sage: In München bekommt man richtig gute Drinks! Nur blutet mir oft mein kleines Studentinnenherz nach der Verkostung einer flüssigen Leckerei. Mit Herz meine ich Geldbeutel. Denn für solch ein Getränk geht schon öfter mein gesamtes Budget des Abends drauf. Wenn der Kellner dann die Rechnung reicht, heißt es für mich nur noch Würde bewahren und von meinen Scheinen trennen. Hätte ich doch nicht voller Übermut gefragt, was er mir empfehlen kann, sondern skeptisch in die Karte geschaut.

Foto: oh

(Foto: oh)

In anderen Städten würde mir das nie passieren. Als Kneipenkennerin kann ich normalerweise an der Inneneinrichtung eines Lokals ohne Probleme die Getränkepreise abschätzen. Nicht in München. Denn hier liegt ein riesiger Tarnmantel des Shabby-Chics über der Gastrolandschaft.

Hier kommen Cafés und Bars meist in einer dieser beiden Varianten: Entweder es gibt abgefledderte Möbel und zusammengewürfelte Stühle im Flohmarktlook. Oder der Raum ist so spärlich eingerichtet - Wände und Decke unverputzt, umgedrehte Getränkekisten als Sitzgelegenheit -, dass man denken könnte, es gab nur Geld für eine ordentliche Theke. Dahinter steckt Kalkül. Menschen wie ich sollen dadurch für einen kurzen Moment glauben, dass Geld keine Rolle spielt. Dass auch ich frisch gepresste, hausgemachte Irgendwas mit Kräutern verfeinert verdiene, obwohl ich kein festes Einkommen habe.

Ich musste lernen, der falschen Verlockung zu widerstehen. Nur wie? Die Nachbarschaft ist jedenfalls kein Indiz. In solchen Trickbars bin ich schon im Glockenbachviertel entlang der Müllerstraße genauso wie im Westend oder sogar in Nähe der Goethestraße aufgelaufen. Der Unterschied wurde mir an einem Tag im Fake-Oma-Café klar. Einmal im Samtsessel im Fünfzigerjahre-Stil niedergelassen, kam keine Staubwolke, kein Kellermuff auf. Keine Sprungfedern piksten in den Po. Ha, von wegen Secondhand, das Ding ist nagelneu. Und dann sah ich es überall: Ich konnte keinen Brandfleck, keinen Glasring, keine unverwüstlichen Staubreste in den Ritzen finden. Auf der Toilette fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Alles viel zu sauber! Ganz ehrlich, wer so viel in Raumspray und passive Beleuchtung investiert, kann nur knallharter Kapitalist sein. Kurz: Der Ramsch glänzt zu sehr, es fehlt das Unberechenbare.

Trotzdem, ein paar Originale gibt es noch, im Meer der Shabby-Chic-Bars. Und dort tausche ich gerne Dreck für hohe Preise.

© SZ vom 02.07.2016
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