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Mode und Integration:Als Alhamod in München ankam, war er pleite

Am 4. April 2015 hielt an einer Ausfallstraße am Stadtrand von München ein fensterloser Lieferwagen. Es war ein Uhr nachts. Alhamod kletterte aus dem Auto hinaus in die Dunkelheit. Wo genau er war, wusste er nicht. Er sprach die fremde Sprache nicht. Aber er wusste, dass er sein Ziel erreicht hat. Und dass er einen Plan hat: Er will seine Frau und die beiden kleinen Töchter nach Deutschland holen. Er will Deutsch lernen. Und er möchte hier als Schneider arbeiten und wenn möglich, wie in seiner Heimat Syrien ein Modelabel aufbauen.

Über die Balkanroute brach Alhamod im Winter 2015 auf. In beinahe jedem Land, durch das er reiste, wurde er verhaftet. Albanien, Mazedonien, Ungarn. Sechs- oder siebenmal, genau weiß er das heute nicht mehr, immer wegen illegaler Einreise und immer nur für maximal ein paar Tage. Er zahlte viel Geld, um es nach Deutschland zu schaffen. Allein die letzte Etappe in dem ungarischen Lieferwagen kostete für drei Flüchtlinge 2000 Euro. Als er in München ankam, war er pleite.

Früher, in Syrien, hatte Mohamad Alhamod zur gut situierten Mittelschicht gehört. Zwei Wohnungen und ein kleines Grundstück hatte er besessen. Und eine Firma. 13 Angestellte hatte sein Betrieb in Harasta, einer kleinen Stadt mit 30 000 Einwohnern vor den Toren von Damaskus. Alhamod hatte sich auf Abend- und Eventmode für Frauen spezialisiert, in Handarbeit hatte er lange, glitzerbesetzte Ballkleider geschneidert.

Syrien ist einmal ein reiches Land gewesen, sagt Alhamod. Aber eben auch ein Land, das nach wie vor von einem Diktator regiert wird. "Man merkt jede Sekunde, dass man nicht frei ist in dem, was man sagt." Zu den Mitteln, mit denen Assad seine Macht sichert, gehören die vielen Geheimdienste, erzählt Alhamod. Oft völlig willkürlich werden Menschen eingesperrt, gefoltert, getötet. Auch Alhamod wurde in den ersten Tagen der Revolution 2011 verhaftet, bis heute weiß er nicht, warum. Vielleicht, so vermutet er, lag es am Ortskennzeichen seines Autos. Ost-Ghuta ist eines der frühen Zentren des Protests gegen Assad gewesen.

Alhamod wurde in ein unterirdisches Gefängnis irgendwo in Damaskus gebracht. Zwölf, vielleicht 15 Quadratmeter war die Zelle groß. Er teilte sie sich mit 40 anderen Gefangenen. Es gab kein Trinkwasser. Wenn der Durst zu groß wurde, trank Alhamod aus der Toilette. Es gab so gut wie nichts zu essen. "Dort bist du kein Mensch", sagt Alhamod. Nachts hallten Schüsse durch die Gänge. Alhamod sah die Toten. "Das war einfach nur die Hölle." Nach acht Tagen wurde er wieder freigelassen, wieder fragte er sich, warum. Acht Kilo hatte er in den acht Tagen verloren. Bis heute kann er selbst kaum glauben, dass so etwas überhaupt möglich ist.

Trotzdem blieb er zunächst in Syrien, arbeitete weiter in seiner Firma. Dann kam der Krieg nach Ost-Ghuta. Alhamod beschloss: Er musste weg. Am 4. Januar 2015 brach Mohamad Alhamod in Richtung Deutschland auf. Ohne seine Familie, der er die Strapazen der Flucht ersparen wollte. Sobald es gehen würde, wollte er sie über den Familiennachzug zu sich holen.

Zwei Jahre später, April 2017, in der Ankunftshalle des Münchner Flughafens. Mohamad Alhamod hatte in den vergangenen zwei Jahren viel mit seiner Frau und den beiden Töchtern telefoniert. Aber zwei Jahre sind eine lange Zeit, vor allem für die Kinder. Drei und fünf Jahre waren sie alt, als er aufbrach. Aus der Maschine, die Alhamods Familie aus der libanesischen Hauptstadt Beirut nach München gebracht hatte, stiegen zwei Mädchen im Schulalter. Man war sich zunächst fremd. Trotzdem gab es Küsse, Tränen. Alhamod sagt über das Wiedersehen: "Das war mehr als ein Gefühl." Es fehlen ihm die Worte, das zu beschreiben. Aber erst jetzt, nach einem Jahr in Deutschland, sind die Alhamods wieder eine Familie.

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