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Mode und Integration:"Man träumt immer": Aus der Ausweglosigkeit zum eigenen Modelabel

Eliev heißt das Label von Mohamad Alhamod. Der Name stammt vom englischen Wort "believe".

(Foto: Stephan Rumpf)

Mohamad Alhamod fertigte in seiner Heimat in Syrien glitzerbesetzte Ballkleider, dann musste er fliehen. In München hat er den Neuanfang geschafft - für die Gesellenprüfung brauchte er nur zwei Monate.

Von Linus Freymark

Als die Show vorbei ist, kommt das Lächeln zurück. Breit legt es sich auf sein Gesicht, zieht sich hoch bis zu den Augen, wo sich die Haut in kleine Fältchen legt. Der Applaus, sein Applaus donnert ihm entgegen. Mohamad Alhamod steht im gleißenden Licht des Scheinwerfers und lächelt. Erleichtert sieht er aus. Glücklich.

Dreieinhalb Jahre hat Mohamad Alhamod auf seine erste Modenschau in Deutschland hingearbeitet, seine erste Präsentation jenseits von Syrien, wo er bereits eine eigene Modemarke hatte. Er hat Bücher mit Vokabeln gewälzt, von denen er bis dahin nie etwas gehört hatte. Er hat eine Prüfung bestanden, von der er bis heute sagt, dieses Unterfangen sei eigentlich aussichtslos gewesen. Er ist drei Monate auf der Flucht gewesen, weil seine Heimat vom Krieg überrollt worden war. Er hat in einem Foltergefängnis des Assad-Regimes gesessen, im Untergrund der syrischen Hauptstadt Damaskus. Er hat die Schüsse aus den Pistolen der Wärter gehört, und daraufhin die Schreie der Menschen, die getroffen worden sind. Er sagt, dass ihn das alles hart gemacht habe. Aber das Lächeln ist weich und herzlich geblieben.

Eine Stunde, bevor er im Scheinwerferlicht steht, läuft Mohamad Alhamod an einem Donnerstagabend im Oktober hektisch durch den Backstage-Bereich. Er zupft an Mänteln herum, drapiert Mützen. Für Small Talk hat er, der sonst so gerne lacht und redet, keine Zeit. Draußen wummern Electrobeats durch die Lobby des Pop-up-Hotels Lovelace. Menschen schieben sich durch die Stuhlreihen, bis jeder seinen Platz gefunden hat. Hochgewachsene Models präsentieren Alhamods Kollektion: türkise Mäntel, rote Blusen, weiße Kleider. Klassische Schnitte, auffallend die hohen Krägen bei den Mänteln. Kombiniert mit einer arabischen Mütze sieht die schlichte Mode zuweilen orientalisch aus, ein Raunen geht durch das Publikum. Am Ende dann der Applaus. Und das Lächeln des Designers.

Der Donnerstag eine Woche später, Mohamad Alhamod, 38 Jahre alt, aus der Region Ost-Ghuta bei Damaskus, steht am Arbeitstisch in seinem Atelier in der Maxvorstadt und sagt: "Kinder sind etwas Schönes." Der Beruf ist das eine, die Familie das andere. Vor einigen Tagen ist seine dritte Tochter zur Welt gekommen. Sein Deutsch klingt weich, fast ohne Akzent, aber nicht fehlerfrei. Wenn er Grundstück sagen will, sagt er "ein Stück Erde".

Alhamod, kurze dunkle, an einigen Stellen grau werdende Locken, lädt zum Rundgang durch sein Atelier in der Luisenstraße, das eher kreuzberg-cool als schwabing-chic ist: ein Arbeitstisch, eine Nähmaschine, ein Sofa. Auf zwei Kleiderstangen hängen die Stücke von der Modenschau, alles ausschließlich für Frauen. Ausführlich beschreibt Alhamod, warum er für diesen Mantel Wolle und für jenes Oberteil Kaschmir verwendet hat. Was das Einzigartige an dieser Hose und das Besondere an jenem Blazer ist. Jedes Teil, das hier hängt, ist ein Einzelstück. Alhamod nimmt beim Erklären jedes Unikat in die Hand. Vorsichtig fährt seine Hand über den Stoff. Schlicht, aber elegant sollten seine Sachen sein, erklärt Alhamod. Nichts, was auch auf den Plastikbügeln in den großen Kaufhäusern hängen könnte. Viel Wolle und wenig Seide oder Baumwolle will er benutzen. Für die Seide sterben Raupen, für die Baumwollplantagen werden Wälder abgeholzt. Aber für Wolle muss die Natur nicht leiden. Nachhaltigkeit ist Alhamod wichtig.

Seine Stücke sind etwas weiter geschnitten als in Europa üblich. Die Frauen in Syrien mögen es bequem, solange der Tragekomfort nicht auf Kosten der Eleganz geht. Vor allem aber möchte Alhamod mit der Kollektion seines Modelabels eliev Farben in das sich ankündigende Grau des Winters bringen. "Davon kriegt man doch sonst Depressionen."

Eliev, der Name stammt vom englischen Wort "believe". Alhamod hat ihn gewählt, weil er, wie er sagt, nie aufgegeben hat, fest an etwas zu glauben. "Man träumt immer", sagt er - und wahrscheinlich ist genau dieser Satz so wichtig, um zu verstehen, wie aus dem Bürgerkriegsflüchtling Mohamad Alhamod, der in seiner Heimat viel besaß und nahezu alles verloren hat, ein Münchner Designer wurde. Dazwischen liegen Freudentränen und Verzweiflungsanfälle, Abschiede und Neuanfänge. Die Geschichte handelt von Menschen, die sich für ihn eingesetzt und ihn unterstützt haben. Aber im Mittelpunkt steht er selbst. Mohamad Alhamod, der trotz aller Schwierigkeiten und Rückschläge nie sich selbst und seine Ziele vergessen hat.

Als Alhamod in München ankam, war er pleite

Am 4. April 2015 hielt an einer Ausfallstraße am Stadtrand von München ein fensterloser Lieferwagen. Es war ein Uhr nachts. Alhamod kletterte aus dem Auto hinaus in die Dunkelheit. Wo genau er war, wusste er nicht. Er sprach die fremde Sprache nicht. Aber er wusste, dass er sein Ziel erreicht hat. Und dass er einen Plan hat: Er will seine Frau und die beiden kleinen Töchter nach Deutschland holen. Er will Deutsch lernen. Und er möchte hier als Schneider arbeiten und wenn möglich, wie in seiner Heimat Syrien ein Modelabel aufbauen.

Über die Balkanroute brach Alhamod im Winter 2015 auf. In beinahe jedem Land, durch das er reiste, wurde er verhaftet. Albanien, Mazedonien, Ungarn. Sechs- oder siebenmal, genau weiß er das heute nicht mehr, immer wegen illegaler Einreise und immer nur für maximal ein paar Tage. Er zahlte viel Geld, um es nach Deutschland zu schaffen. Allein die letzte Etappe in dem ungarischen Lieferwagen kostete für drei Flüchtlinge 2000 Euro. Als er in München ankam, war er pleite.

Früher, in Syrien, hatte Mohamad Alhamod zur gut situierten Mittelschicht gehört. Zwei Wohnungen und ein kleines Grundstück hatte er besessen. Und eine Firma. 13 Angestellte hatte sein Betrieb in Harasta, einer kleinen Stadt mit 30 000 Einwohnern vor den Toren von Damaskus. Alhamod hatte sich auf Abend- und Eventmode für Frauen spezialisiert, in Handarbeit hatte er lange, glitzerbesetzte Ballkleider geschneidert.

Syrien ist einmal ein reiches Land gewesen, sagt Alhamod. Aber eben auch ein Land, das nach wie vor von einem Diktator regiert wird. "Man merkt jede Sekunde, dass man nicht frei ist in dem, was man sagt." Zu den Mitteln, mit denen Assad seine Macht sichert, gehören die vielen Geheimdienste, erzählt Alhamod. Oft völlig willkürlich werden Menschen eingesperrt, gefoltert, getötet. Auch Alhamod wurde in den ersten Tagen der Revolution 2011 verhaftet, bis heute weiß er nicht, warum. Vielleicht, so vermutet er, lag es am Ortskennzeichen seines Autos. Ost-Ghuta ist eines der frühen Zentren des Protests gegen Assad gewesen.

Alhamod wurde in ein unterirdisches Gefängnis irgendwo in Damaskus gebracht. Zwölf, vielleicht 15 Quadratmeter war die Zelle groß. Er teilte sie sich mit 40 anderen Gefangenen. Es gab kein Trinkwasser. Wenn der Durst zu groß wurde, trank Alhamod aus der Toilette. Es gab so gut wie nichts zu essen. "Dort bist du kein Mensch", sagt Alhamod. Nachts hallten Schüsse durch die Gänge. Alhamod sah die Toten. "Das war einfach nur die Hölle." Nach acht Tagen wurde er wieder freigelassen, wieder fragte er sich, warum. Acht Kilo hatte er in den acht Tagen verloren. Bis heute kann er selbst kaum glauben, dass so etwas überhaupt möglich ist.

Trotzdem blieb er zunächst in Syrien, arbeitete weiter in seiner Firma. Dann kam der Krieg nach Ost-Ghuta. Alhamod beschloss: Er musste weg. Am 4. Januar 2015 brach Mohamad Alhamod in Richtung Deutschland auf. Ohne seine Familie, der er die Strapazen der Flucht ersparen wollte. Sobald es gehen würde, wollte er sie über den Familiennachzug zu sich holen.

Zwei Jahre später, April 2017, in der Ankunftshalle des Münchner Flughafens. Mohamad Alhamod hatte in den vergangenen zwei Jahren viel mit seiner Frau und den beiden Töchtern telefoniert. Aber zwei Jahre sind eine lange Zeit, vor allem für die Kinder. Drei und fünf Jahre waren sie alt, als er aufbrach. Aus der Maschine, die Alhamods Familie aus der libanesischen Hauptstadt Beirut nach München gebracht hatte, stiegen zwei Mädchen im Schulalter. Man war sich zunächst fremd. Trotzdem gab es Küsse, Tränen. Alhamod sagt über das Wiedersehen: "Das war mehr als ein Gefühl." Es fehlen ihm die Worte, das zu beschreiben. Aber erst jetzt, nach einem Jahr in Deutschland, sind die Alhamods wieder eine Familie.

"Das war wirklich eine Katastrophe"

Dass Alhamod ein Zeugnis mit einem deutschen Abschluss besitzt, das ihn seit 2016 als Schneidergesellen ausweist, hat mehrere Gründe. Da ist Alhamods unbedingter Wille. Da sind die vielen Ehrenamtlichen, die mit ihm Deutsch gelernt haben, während er in einer Flüchtlingsunterkunft in der Nähe von Augsburg auf seine Anerkennung gewartet hat. Und da sind jene zwei Menschen, die er bei einem interkulturellen Theaterprojekt kennengelernt hat. Die ihm erklärt haben, dass er unbedingt eine Gesellenprüfung machen muss, wenn er hier als Schneider arbeiten will. Die ihm gesagt haben, wo er sich erkundigen und anmelden muss. Und die sich mit ihm in eine Münchner Bibliothek gesetzt haben und ihm all die fremden Fachbegriffe aus den Lehrbüchern erklärt haben, die er für die Prüfung gebraucht hat. Polyester, Polyamid oder Acrylwolle - Alhamod kann sich zwar mittlerweile gut auf Deutsch verständigen, aber von solchen Wörtern hat er noch nie etwas gehört.

Aber etwas erklärt zu bekommen, ist das eine. Es umzusetzen, das andere.

Alhamod macht alles. Er sorgt dafür, dass ihm seine Schneiderausbildung aus Syrien angerechnet wird und dass er deshalb nur eine theoretische Prüfung ablegen muss. Er besorgt sich die Lehrbücher aus der Berufsschule und vereinbart einen Prüfungstermin.

Aber es gibt ein Problem. In den Büchern steht der Stoff, den deutsche Lehrlinge in drei Jahren Berufsschule durchnehmen. Alhamods Prüfung ist in zwei Monaten. Wie soll er das schaffen?

Es ist unrealistisch, er weiß es selbst. Als er anfängt zu lernen, fühlt sich Alhamod kurz vor dem Nervenzusammenbruch, wie er zugibt. Manchmal zehn, oft aber 20 Stunden am Tag versucht er sich die Eigenschaften von synthetischen Stoffen zu merken. Die meisten Worte muss er nachschlagen oder von seinen beiden Unterstützern erklärt bekommen. Jedes Mal verliert er Zeit, die er nicht hat. Je näher die Prüfung rückt, desto größer wird seine Verzweiflung, desto mehr wächst der Druck. Körperlich ist er am Ende. Aber der Traum bleibt.

Der praktische Teil ist kein Problem für Alhamod. Aber in der mündlichen Theorieprüfung läuft es nicht gut. Mühsam hangelt sich Alhamod durch die fremden Wörter. Ständig fragen ihn die Prüfer nach Details. Praktisch ist Alhamod einer der Besten. Die Theorie ist weniger gut. Die Prüfer beraten sich. Am Ende reicht es.

Hart sei die Zeit damals gewesen, erzählt Alhamod, unendlich hart. "Das war wirklich eine Katastrophe." Ernst ist seine Miene dabei. Dann malt er seine Pläne für die Zukunft von seinem kleinen Modelabel aus, mit dem er sich vor einem halben Jahr selbständig gemacht hat. Er sucht gerade einen Partner, mit dem er zusammen in ein zentraleres Atelier ziehen möchte, in eines, an dem mehr Laufkundschaft vorbeikommt. Und er möchte, dass er mit seiner Modemarke eliev irgendwann einmal in der Lage ist, anderen Menschen zu helfen. Mit Arbeitsplätzen für benachteiligte Menschen etwa, oder mit dem bewussten Verzicht auf Stoffe, die unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt werden. "Ich bin nicht nur für mich hergekommen", sagt er. Er lächelt. Sein Lächeln hat Gefängnis, Krieg und Flucht überstanden. An den Augen legt sich die Haut in kleine Fältchen.

© SZ vom 27.10.2018/huy
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