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Schlager:Vergangenheit in Pastell

Roberto Bianco

Von damals hat heute Konjunktur: Roy Bianco (mit Pferd) und seine Showband inszenieren sich für Fans von "Denver Clan" bis "Stranger Things".

(Foto: Maria Rossi)

Die Augsburger Band "Roy Bianco und die Abbrunzati Boys" tut so, als existiere sie seit den Achtzigerjahren. Das funktioniert live und im Stream

Von Anna Weiß

Roy Bianco hat schon viel erlebt. Seit der Gründung seiner Italo-Schlager-Combo Roy Bianco und die Abbrunzati Boys im Jahre 1982 blickt er auf eine bewegte Karriere zurück: Den Newcomer-Preis beim "Internationalen Schlagerfestival" in Rio De Janeiro 1984 und die Erweiterung des Duos um eine Showband, sowie die Ehrung beim "Salzburger Schlagerkompositum" Anfang der Neunzigerjahre und zahlreiche Konzerte. Es folgte die Auflösung der Band und das unerwartete Comeback 2016. Nur mit einem hat Bianco nicht gerechnet: der Coronakrise.

"Das war ein Drahtseilakt mit unseren Nerven", sagt Roy Bianco. Sein Album "Greatest Hits" ist vergangene Woche erschienen, dazu war eine große Deutschland-Tour geplant, das Konzert in München war ausverkauft. Doch wie alle anderen öffentlichen Veranstaltungen mussten die Konzerte abgesagt werden. Um den Fans trotzdem etwas geben zu können, haben Roy Bianco und die Abbrunzati Boys samt Showband am Sonntagabend in der Kantine Augsburg einen Auftritt gespielt und diesen live bei YouTube gestreamt. Vor Beginn des Konzerts sind 1400 Fans online. Doch der Stream hängt, das Bild ist weg, der Ton stockt.

Eine Stunde später klappt alles. Das Bühnenbild vermittelt mit einer antiken Statue, einer Flasche Kölnisch Wasser und einem schiefen Turm von Pisa mehr als einen Hauch Kitsch. Doch spätestens als die sechs Musiker mit steilen Frisuren die Bühne betreten muss jedem klar sein, dass kein Mitglied von Roy Bianco und den Abbrunzati Boys je in den Achtzigern in Rio war. Dafür sind die Mittzwanziger schlicht zu jung. "Menschen möchten Geschichten erzählt bekommen, und je fantastischer, desto besser", sagt Bianco. So haben die jungen Männer aus dem Raum Augsburg vor einigen Jahren eine Italoschlager-Gruppe gegründet und dazu eine Bandgeschichte erfunden, die in Interviews erzählt und durch Videos manifestiert wird. Und die Fans, vorwiegend Millenials, ziehen begeistert mit. Das ist während des Livestreams auch im Chat zu sehen, in dem die Zuschauer frenetisch kommentieren, was auf der Bühne geschieht.

Das Sextett spielt eingängige Schlager, angereichert mit klischeebeladenen Motiven aus dem Italienurlaub. Die meisten Songs bestehen in einer simplen Formel: eine italienische Stadt, ein schönes Mädchen, wahlweise strahlender Sonnenschein oder eine romantische Nacht plus ein alkoholisches Getränk, bevorzugt Wein oder Spumante. "Ich geh' bestimmt nicht vor dem morgigen Tag, oh Antonella, schenk nochmal nach, Vino Rosso, rot wie die Liebe", schmettert Roy Bianco in dem leeren Konzertsaal ins Mikrofon. Und in den Kommentaren schreiben Leute "Zu diesem Lied haben sich meine Eltern kennengelernt" oder "oh damals, als ich das im Sommer 86 gehört habe!".

Bianco, der seinen echten Namen lieber nicht preisgeben möchte, freut sich über den Rückhalt der Fans, "der Mythos lebt". Dass die Unterstützung der Anhänger vor allem bei Konzerten wichtig ist, wird bei dem Livestream deutlich. Die Schlagerhand, die übertriebenen Gesten fehlen manchmal, bevor sie wieder überschwänglich rausgeholt werden. Manchmal muss Bianco sich korrigieren, wenn er "Handy" statt "Mobiltelefon" sagt, denn auch das antiquierte Vokabular gehört zu der Legende, die während des Konzerts manchmal ins Stocken gerät. "Das Live-Produkt lebt vielleicht mehr von den Fans als von uns", sinniert Bianco. Als er sich bei dem Konzert versehentlich einmal "Robert" nennt, gehen im Chat Spekulationen los. Denn die Gruppe wurde als Roberto Bianco und die Abbrunzati Boys bekannt, die Umbenennung kam überraschend, einige fragen, ob sich der Anwalt von Roberto Blanco bei der Band gemeldet habe.

Doch die Frage verschwindet schnell wieder, als das Publikum zu Hause zum Mitsingen aufgefordert wird und die Liedtexte den Chat strömen, der Sänger lässt in manchen Refrains Pausen, in denen das Publikum die Texte wiederholen kann. Das ist charmant, auch wenn Bianco im Gespräch am nächsten Tag zugibt, dass es vor allem "unheimlich" war, vor einem leeren Saal zu spielen. Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten ist die Gruppe froh um das Konzert, das auch nicht optimal endet. Der Song "Ponte di Rialto" wird als zweite Zugabe gebracht, es ist einer der beliebtesten und wahrscheinlich auch der beste Song der Gruppe, an Schmalz kaum zu übertreffen und von Bianco in bester Schlagermanier vorgetragen, die ganze Band wiegt die Hüften und ergibt sich der Musik. Doch dann bricht die Verbindung ab. Die Trauer währt nur kurz, eine Aufnahme des Konzerts wird am Sonntag hochgeladen. Wie es nun weitergeht? Die Band will mit neuen Formaten experimentieren, bis ein Ende der Coronakrise abzusehen ist. Doch eins bleibt laut Frontmann Roy Bianco: "Der Italoschlager als das ewige Versprechen an den ewigen Urlaub."

© SZ vom 24.03.2020
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