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Schlachthofviertel:Ein Schlachthof gegen Gentrifizierung

Altes Gewerbe, mitten in der Stadt: Flair hat der Schlachthof wenig.

(Foto: Robert Haas)
  • Nach dem Bürgerentscheid in Aschheim ist klar, dass der Schlachthof in München bleibt.
  • Viele Bürger sind darüber nicht unglücklich. Sie sehen den Schlachthof als Schutz vor hohen Mieten.
  • Auch die Münchner Schlachtbetriebe sind zufrieden mit ihrem Standort in der Zenettistraße.

Von Anna Hoben

Mittags halb eins im Schlachthofviertel. Mütter mit Kinderwagen gehen spazieren, vor einer Pilskneipe werden in der Herbstsonne die ersten Pilsbiere des Tages getrunken, Büromenschen gönnen sich einen kleinen Schaufensterbummel, bevor es nach der Mittagspause wieder zurück an den Schreibtisch geht. An eine Klinkermauer an der Zenettistraße hat jemand mit schwarzer Sprühfarbe geschrieben: "Gegen die Aufwertung und Verdrängung ... randalieren und besetzen".

Die Angst vor der Gentrifizierung, sie ist auch hier gegenwärtig, doch im Moment randaliert niemand, es sieht auch nicht so aus, als würde jemand irgendetwas besetzen. Im Moment sieht es so aus, als würde hier alles so bleiben, wie es ist.

"Münchner Schlachthof bleibt, wo er ist", stand am Montag über einer Mitteilung aus dem Rathaus. Am Sonntag hatten sich die Bewohner der Gemeinde Aschheim nordöstlich der Stadt bei einem Bürgerentscheid gegen die Ansiedlung eines Schlachthofs auf ihrem Gemeindegebiet ausgesprochen, das Ergebnis fiel mit 87 Prozent Nein-Stimmen klar aus. "Damit sind nun auch endgültig die Gerüchte vom Tisch, die Metzger des Münchner Schlachthofs hätten vor, nach Aschheim abzuwandern", sagt Kommunalreferent Axel Markwardt. Kein einziger Schlachtbetrieb habe sich bisher an die Stadt gewandt, um seinen Erbpachtvertrag vorzeitig zu kündigen. Im Gegenteil: Einige Betriebe hätten sogar bereits wegen einer Verlängerung nachgefragt. "Offensichtlich sind die Schlachtbetriebe mit dem Standort an der Zenettistraße im Herzen Münchens sehr zufrieden", folgert Markwardt.

Doch wie steht es um den Grad der Zufriedenheit bei jenen Menschen, die nicht auf dem Schlachthofgelände arbeiten, sondern drumherum? Oder bei jenen, die im Viertel wohnen? Die Meinungen gehen beinahe so weit auseinander wie bei der Frage, ob man Tiere essen soll.

Die eine Seite kann man zusammenfassen unter dem Titel "Alles soll so bleiben, wie es ist". Für diese Seite steht zum Beispiel Tina Z. Die 53-Jährige, die nicht mit vollem Namen in der Zeitung stehen will, lebt seit elf Jahren im Viertel, zwei Straßen weiter. "Dort hört und riecht man nichts", sagt sie. Aber selbst wenn sie etwas riecht, nämlich jeden Tag, wenn sie zur Arbeit in der Tumblingerstraße geht - es stört sie nicht. Im Gegenteil: "Wenn es nach Mist riecht, so mitten in der Stadt, das finde ich schon wieder charmant." Nur wenn die Tiertransporter durch die Straßen fahren, dann gucke sie lieber nicht so genau hin. "Ich will nicht sehen, wie ein Tier da rausschaut." Tina Z. liebt ihr Viertel. "Früher hieß es ja noch Schlachthofviertel, heute sagt das kaum noch jemand." Trotzdem habe es sich sein besonderes Flair erhalten. Man kenne sich zwar nicht mit Namen, aber man grüße einander. "Es ist ein bisschen wie auf dem Dorf."

Der angrenzende Viehhof wird häufig für Veranstaltungen genutzt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Dass es auch riecht wie auf dem Dorf, das stört offenbar auch viele der übrigen Anwohner nicht. "Ist mir wurscht", sagt Thomas König. Der 30-Jährige dreht am Mittag mit seiner Frau Raphaela, 32, eine Runde durchs Viertel. Seit zehn Jahren leben sie hier, vor einem Jahr wurde ihr Sohn Joseph geboren. Dass es "noch Kneipen gibt für die Leute, die hier arbeiten", aber auch, "dass hier bodenständige Menschen wohnen, nicht nur neureiche Snobs", all das schätzen sie an ihrer Nachbarschaft. Und sie wissen, dass das mit dem Schlachthof zu tun hat. Dass es da auch mal unangenehm riecht, das gehört dazu.

Entwarnung im Kinderhort: Keine Vegetarier in Sicht

Was also in Aschheim die allermeisten auf die Palme treibt, Gerüche und Geräusche, das mögen an der Zenettistraße viele Anwohner. Weil der Schlachthof die Entwicklung zumindest verlangsamt, dass hier alles teurer und schicker wird. Und Hille Scheuring kann noch in einem anderen Punkt Entwarnung geben. Die 57-Jährige leitet den Kinderhort Isarkrokodile an der Zenettistraße, nur wenige Meter von der Einfahrt zum Schlachthof, und sie sagt: "Bei uns ist noch keines der Kinder zum Vegetarier geworden." Die Kinder lebten alle mit ihren Eltern im Viertel, sie wüchsen mit dem Betrieb in ihrer Nachbarschaft auf und seien daran gewöhnt.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts werden an der Zenettistraße Tiere geschlachtet. Doch gehört ein solcher Betrieb heute noch mitten in die Stadt? Ganz und gar nicht, findet Ursula Luperini. Ihr halbes Leben hat die 70-Jährige in der Kapuzinerstraße verbracht. "Ich lebe mit dem Schlachthof". Könnte sie es sich aussuchen, würde sie lieber ohne ihn leben. "Wenn die Lkw reinfahren, hört man immer die armen Tiere schreien." Das gehe einem "durch und durch", sagt auch Melanie Stöffler, die bei einem Verlag in der Tumblingerstraße arbeitet. Wie zum Beweis muhen in dem Moment die Kühe nebenan besonders kläglich. Im Sommer könne man im Büro wegen des Geruchs zudem kaum die Fenster aufmachen, sagt die 43-Jährige. Sie habe große Hoffnungen in Aschheim gesetzt. Die sind nun dahin.

© SZ vom 11.10.2016/eca
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