Verschwundene Orte Vom Schlachthof zur Kulturstätte

Der Viehhof hist heute Heimat verschiedener kulturelle Stätten.

(Foto: Robert Haas)

Der Südbahnhof und die Viehhallen prägten lange den Alltag rund um die Zenettistraße. Seit einigen Jahren hat hier nun die Subkultur Einzug gehalten, nun folgt das Volkstheater.

Von Andreas Schubert

Hobbygärtner, die Blumen und Gemüse züchten, wo sich nur ein paar Meter entfernt Graffiti-Sprayer austoben. Genießer, die im Freien teuren Wein zur italienischen Pasta schlürfen, während nur einen Steinwurf entfernt Rinder geschlachtet werden und die Luft nach Exkrementen und Blut riecht. Und man hat hier auch schon Porsches neben einem Misthaufen an der Lkw-Desinfektionsanlage parken sehen. An keinem Ort der Stadt sind so viele Gegensätze vereint, wie am alten Viehhofgelände im Schlachthofviertel. An keinem anderen Flecken Münchens herrscht eine ähnlich lässige Atmosphäre und kreative Spannung, die sowohl von den Anwohnern als auch von Jugendlichen und Junggebliebenen aus der ganzen Stadt geliebt wird.

Ein Freitagvormittag im Viehhof: Gerade hat sich eine Hochzeitsgesellschaft vor den Graffiti-Mauern aufgestellt. Dahinter sind die ebenso bunt besprayten Container und ehemaligen U- und Trambahnwaggons der Kulturstätte Bahnwärter Thiel. Nur ein paar Meter entfernt, in der Ruppertstraße, ist das Münchner Standesamt, da liegt der Viehhof als Kulisse natürlich nahe. Wieder so ein Kontrast: Feiner Zwirn trifft auf Dreck und buntes Chaos. Und auch Beate Bidjanbeg schätzt dieses Areal, wo sie mit ihrem Mann, dem Künstler O.M. Bidjanbek, einen kleinen Garten samt Insektenhotel betreibt.

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Bidjanbeg lebt seit mehr als 40 Jahren in der Isarvorstadt, sitzt dort für die SPD im Bezirksausschuss und setzt sich dafür ein, dass diese letzte Brache in unmittelbarer Nähe des Stadtzentrums kein Objekt für Spekulanten wird, sondern ein Ort, an dem sich Bürger noch eine Wohnung leisten und sich dort auch wohlfühlen können. Derzeit wird dort das neue Volkstheater gebaut, die ersten Fensterbögen sind bereits zu sehen, wenn es fertig ist, soll es sich in die historische Backsteinarchitektur einfügen, als gehöre es schon immer hierher. Die Entwürfe sehen vielversprechend aus. In einer noch nicht genau zu benennenden Zukunft sind hier auch Wohnhäuser geplant. Und geht es nach Bidjanbeg und ihren Kollegen im Ausschuss, sollen die heute so anziehende Weitläufigkeit des Geländes und der Gewerbemix erhalten bleiben. Heute prägen unter anderem eine Metzgerei, Gastronomie und andere Lebensmittelbetriebe das Areal. "Ich wünsche mir etwas Identitätsstiftendes", sagt Bidjanbeg, die auch die Geschichtswerkstadt Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt mitgegründet hat. "Wo man sieht, dass das hier einmal Schlachthof war."

Der Schlachthof hat eine 140-jährige Geschichte

Genau genommen ist der Schlachthof auf der anderen Seite der Zenettistraße. Doch hier wurde das Vieh mit der Bahn angeliefert, trafen sich Bauern und Metzger zum Kuhhandel, der dann mit Handschlag besiegelt wurde. Wer es nicht weiß, kommt kaum auf die Idee, dass die Schräge, auf der bis vor kurzem noch Autos parkten, einst eine Rampe für das Vieh war, das mit Güterzügen angeliefert und dann zu den Viehhallen getrieben wurde.

Die Hallen wurden 2008 abgerissen. Doch noch heute erinnern eiserne Beschläge zum Anbinden des Viehs und eben die Rampe an die frühere Nutzung. Diese begann 1879 mit der Eröffnung des Schlacht- und des Viehhofes. Bereits im ersten Jahr wurden nach Recherchen der Geschichtswerkstatt in den Hallen etwa 300 000 Tiere gehandelt. Um 1900 waren es bereits doppelt so viele. Bis in die Achtzigerjahre wurden die meisten Tiere mit der Bahn geliefert und nach Arten getrennt - Großvieh, Kälber, Schweine und Pferde - durch vergitterte Gänge zu den Hallen getrieben.

Für Tiere aus dem Ausland gab es eine eigene Auslandsviehrampe. Diese Tiere wurden durch einen unterirdischen Gang direkt zu speziellen Stallungen entlang der Tumblingerstraße getrieben. Mit der Trennung sollte eine Verbreitung von Seuchen verhindert werden. Ebenso wurden die Tiere gleich beim Ausladen von Amtsveterinären untersucht. Noch heute steht an der Thalkirchner Straße das alte Backsteingebäude, wo die Tierärzte und Dienstwohnungen für das Ausladepersonal untergebracht waren. Vom Viehhof aus wurden die Rinder dann über die Zenettistraße zu den Schlachthäusern getrieben, für die Schweine gab es einen unterirdischen Gang.

Auf dem Gelände zieht wieder Kultur ein

Wie die Geschichtswerkstatt in einem 2015 erschienenen Kalender über den Viehhof veranschaulicht, war das Treiben nicht ungefährlich. Immer wieder rissen sich Tiere los und trabten in die umliegenden Wohnviertel - was auch heute noch passieren kann. Erst 2014 verirrte sich eine ausgerissene Kuh auf die Theresienwiese, wo sie von der Polizei erschossen wurde. Neben dem Markt für Schlachtvieh fand bis 2007 auch der Pferdemarkt im Viehhof statt, der nach Miesbach umzog, bevor die baufälligen Hallen abgerissen wurden. Danach lag das Gelände brach, bis vor acht Jahren das Open-Air-Kino im alten Viehhof zur Zwischennutzung einzog.

Als es eröffnete, wollten die Macher nicht nur Filme zeigen und Bier verkaufen, sondern auch daran erinnern, was sich hier auf diesem einst nicht öffentlich zugänglichen Gelände jahrzehntelang abgespielt hat. Neben dem Biergarten hatten sie eine kleine Ausstellung mit Filmfiguren aus der Fernsehserie "Zur Freiheit" organisiert, die in den Achtzigerjahren gedreht wurde, zu einer Zeit, als in München noch deutlich mehr geschlachtet wurde. Wer wissen will, wie es noch bis vor nicht allzu langer Zeit in dem heute recht hippen Viertel zuging, sollte diese Serie gesehen haben. Die Reminiszenz an den Schlachtbetrieb hielt das Kino bis zu seinem Ende 2017 aufrecht, als es der Baustelle des Volkstheaters weichen musste.

Dass hier wieder Kultur einzieht, freut Menschen wie Beate Bidjanbeg. Doch es gibt aus ihrer Sicht noch einiges zu tun. Zum Beispiel den künftigen Regionalbahnhof an der Poccistraße besser an das Schlachthofviertel anzubinden. Den aktuellen Entwürfen zufolge, die die Bahn vergangenes Jahr vorgestellt hat, soll es für Fußgänger und Radler keine direkte Anbindung von der Tumblingerstraße, geschweige denn von der Thalkirchner Straße aus geben. Dabei läge es nahe, an den Gleisen entlang einen Zugang zu schaffen. Das Viertel hätte dann wieder einen Südbahnhof, wie es ihn bis in die Achtzigerjahre gab. Der Bahnhof stand dort, wo derzeit das neue Stadtteilkultur- und Berufsbildungszentrum "Luise am Alten Südbahnhof" in die Höhe wächst. Der Südbahnhof lag, wie der Name schon verrät, am Eisenbahn-Südring, also an der Strecke nach Mühldorf. 1870 eröffnet, gab es bis 1985 dort Personenverkehr, der aber bereits von 1978 an - mit der Eröffnung der U-Bahnstation Poccistraße - stark eingeschränkt war.

Auch der Viehhof wurde seit Ende der Achtzigerjahre nicht mehr per Bahn beliefert. Das historische Bahnhofsgebäude hat die Stadt 2005 abreißen lassen, nachdem sie das Gelände erworben hatte. Nach einer kurzen Zwischennutzung als Bauwagen-Wohnpark begann der Bau des neuen Stadtteilzentrums. Heute erinnern nur noch ein paar alte Zäune aus kunstvoll geschwungenem Eisen an die historische Bebauung. Diese sollen unbedingt erhalten bleiben, findet Beate Bidjanbeg. Irgendeine Nutzung wird sich ihrer Meinung nach dafür schon finden. Die Lokalpolitikerin weiß, dass Veränderungen zu einer Stadt dazu gehören. Nur auslöschen müsse man die Vergangenheit nicht. "Das Neue", sagt Bidjanbeg, "muss man wachsen lassen."

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