bedeckt München 25°
vgwortpixel

Schlachten:"Die wenigsten Leute verstoßen absichtlich gegen den Tierschutz"

Viel länger spricht Scheibl darüber, wie man Tiere betäubt und woran man erkennen kann, dass die Betäubung auch wirkt. Er erklärt auch, dass man Schafe nicht an der Wolle packen soll, das sei für die Tiere schmerzhaft; besser sei es, sie am Unterkiefer zu fassen. Er erläutert, wie die Betäubung per Elektroschock sowie per Bolzenschuss funktioniert und dass es normal ist, wenn betäubte Tiere nach kurzer Zeit mit den Beinen strampeln.

Er versichert, dass ein Elektroschock alleine die Tiere noch nicht umbringt, das ist den Teilnehmern aus religiösen Gründen wichtig. Er erklärt, dass man auch mit einem betäubten Tier behutsam umgehen muss, weil es sonst trotz Betäubung aufwachen kann. Und er zählt auf, wie man erkennt, dass man nachbetäuben muss: etwa wenn die Muskeln des Tieres nicht sofort krampfen, wenn das Schaf blinzelt, wenn es die Augen bewegt, wenn es atmet, Laute von sich gibt oder gar versucht aufzustehen.

Amtstierärztin Birgitt Huber

"Die wenigsten Leute verstoßen absichtlich gegen den Tierschutz, meistens geschieht das aus Unwissen."

Der Tierschutz ist dann nicht zuletzt eine Zeitfrage. Wird ein Schaf per Elektroschock betäubt, so wie im Schlachthaus in Grub, dann hält die Betäubung nur etwa 25 Sekunden lang an. Doch nach dem Kehlenschnitt verliert das Tier nicht sofort das Bewusstsein. Wird also zu spät geschnitten, dann wacht das Schaf auf und leidet, bevor es stirbt. Deshalb muss sein Hals spätestens acht Sekunden nach der Betäubung durchschnitten sein.

Tatsächlich liegt es oft an dieser Zeitspanne, wenn Tiere im Schlachthaus leiden. "Die wenigsten Leute verstoßen absichtlich gegen den Tierschutz, meistens geschieht das aus Unwissen", sagt die Tierärztin Birgitt Huber vom Veterinäramt Ebersberg, die den Lehrgang überwacht. Zum Beispiel wenn Tiere nach der Betäubung erst einmal an den Füßen aufgehängt werden, bevor ihnen der Hals aufgeschnitten wird. Dann sind sie zwar noch betäubt, wenn der Metzger schneidet. Und doch kann es schon zu spät sein: Während sich der Schlachter schon dem nächsten Tier widmet, wachen sie womöglich wieder auf.

Entblutung lebender Schafe - Sachkundekurs Grub

Beim Elektroschock muss das Gehirn zwischen den Elektroden der Betäubungszange sitzen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Im Saal sitzen mittlerweile auch Gouider Zid und Mohamad Baion. Sie sind aus dem Allgäu zum Lehrgang nach Grub gefahren. Der 21-jährige Baion ist als Flüchtling aus Syrien nach Deutschland gekommen, er arbeitet jetzt in einer Schäferei. Zum Kurs hat ihn seine Chefin angemeldet. Vor dem islamischen Opferfest gebe es immer so viele Anfragen nach einer islamischen Schlachtung, sagt sie.

Zid dagegen wollte eigentlich nur dolmetschen, der gebürtige Tunesier lebt seit Jahrzehnten in Deutschland und spricht fließend Deutsch und Arabisch. Doch als einer der angemeldeten Teilnehmer letztlich gar nicht erscheint, macht der 71-Jährige kurz entschlossen an seiner Stelle mit. In seiner Familie sei früher auch geschlachtet worden, sagt er, aber er selber habe sich das nie getraut, das Schneiden hätten immer sein Vater und sein Onkel übernommen. Jetzt ergreift er die Gelegenheit.

Nach dem Lehrgang wartet auf die Teilnehmer ein Multiple-Choice-Test mit drei Fragen; wer hier versagt, darf gar nicht erst ins Schlachthaus. Doch es ist ein guter Kurs, die Prüfung bestehen alle. Und auch die Schnitte sitzen. Es ist Alltag im Schlachthaus, die Schafe, die im Lehrgang getötet werden, wären sowieso geschlachtet worden, nur von routinierten Metzgern, nicht von Laien unter Aufsicht und Anleitung von Tierärzten.

Als Gouider Zid das Schlachthaus verlässt und seine Schutzkleidung auszieht, lächelt er breit. Die Prüfung ist bestanden, das Schaf ist tot, eine Last verschwunden. Wie es sich angefühlt hat zu schneiden? Die Frage lässt ihn einen Moment innehalten. "Wenn man die Gewissheit hat, dass das Tier nicht leidet", antwortet er schließlich, "dann ist es in Ordnung".

360° Tiere töten Streicheln und schlachten
360° Tiere töten

Tierhaltung auf dem Land

Streicheln und schlachten

Kaninchen verschwinden, Hühner werden geköpft, Enten gebraten: Wer auf dem Land aufwächst, weiß, wo das Fleisch herkommt. Das ist derzeit wieder sehr schick. Aber in Wirklichkeit nur schwer zu ertragen.   Von Ingrid Fuchs