Besser zusammenbleiben, der Kinder wegen. So denken Eltern gern, und halten ihre unglückliche Ehe aufrecht, um dem Nachwuchs nicht zu schaden. Töchter und Söhne büßen eine Trennung oft mit schlechten Schulnoten, Verhaltensauffälligkeit und eigenen Partnerschaftsproblemen. Auch diese Meinung ist weit verbreitet. Um Scheidungsfamilien ranke sich ein regelrechtes "Katastrophenszenario", sagt Psychologin Sabine Walper.
Ob die gängigen Einschätzungen tatsächlich zutreffen, war allerdings in Deutschland bislang nicht recht bekannt. Jetzt zeigt eine Langzeitstudie der Jugendforscherin an der Universität München (LMU), dass Kinder am meisten und mit lebenslangen Konsequenzen unter einem nicht endenden Kriegszustand der Eltern leiden.
Wie geht es Scheidungskindern in Ost und West wirklich? In der Zeit nach der Wende sei diese Fragestellung sehr konkret geworden, berichtet Walper. Gerade weil sich die Familiensituation in der Ex-DDR von den alten Bundesländern stark unterschieden hätte, nicht nur in der Scheidungsrate, die dort über den 37 Prozent im Westen lag.
Die Frauen waren häufiger berufstätig und wirtschaftlich unabhängiger als West-Mütter, die Ideologie konzentrierte sich weniger auf die Kleinfamilie und die Kinder waren meistens tagsüber in Krippen und Horten untergebracht. "Damit müssten eigentlich die Folgen einer Trennung nicht so gravierend ausfallen", erinnert sich Walper an die Ausgangsüberlegungen, die schließlich in eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte aufwändige Längsschnittstudie mündeten.
Erste Interviews 1996
Die ersten Interviews mit rund 750 Jugendlichen und ihren Müttern in München, Essen, Dresden, Halle und Leipzig fanden 1996 statt. Die Jungen und Mädchen im Alter zwischen zehn und 18 Jahren kamen aus drei verschiedenen Familienkonstellationen: Entweder lebten sie bei der alleinerziehenden Mutter, in einer Stieffamilie mit einem neuen Partner der Mutter oder in einer Kernfamilie mit den leiblichen Eltern. 500 dieser Familien hätten dann an zwei weiteren Erhebungen in den Jahren 1997/98 und 2002 teilgenommen. Einige der ehemaligen Scheidungskinder waren in der Zwischenzeit sogar schon eigene Bindungen eingegangen.
Die Ergebnisse des Langzeitprojekts sorgten für echte Überraschungen: "Wir finden keine nennenswerten Nachteile bei Trennungskindern", lautet ein grundlegendes Resultat. Das betreffe sowohl das körperliche Befinden der Jugendlichen, als auch ihre Schulleistungen, ihr Selbstwertgefühl und ihr Verhalten.
Auch in den Stieffamilien, die gern als besonders kompliziert gelten, bestätigte sich dieser Trend. Eine Scheidung sage nicht unbedingt viel darüber aus, wie sich Kinder und Jugendliche entwickeln, folgert Walper: "Das hat vielen Vorurteilen widersprochen." Auch dass sich Ost- und West-Familien deutlich unterschieden, habe sich trotz der verschiedenen Lebensbedingungen nicht bestätigt.
Vortäuschung nützt nichts
Viel risikoreicher für den Nachwuchs allerorts ist es dagegen, in einer Familie aufzuwachsen, in denen sich die Eltern ständig zoffen. "Wenn Vater und Mutter häufig und vor allem unversöhnlich streiten, beeeinflusst dies Befinden und Sozialentwicklung ihrer Kinder nachhaltig", betont die Psychologin. Bei den Leistungen zeigten sich zwar keine Einbußen, wohl aber beeinträchtige es das Wohlergehen ganz erheblich. Dies könne beispielsweise zu Niedergeschlagenheit, Depressivität, mehr Aggressionen und sogar zu kriminellen Delikten führen.
Ein glückliches Zuhause nur vorzugaukeln, nütze wenig: "Kinder merken, wenn es nicht wirklich intakt ist." Und wer in der Kindheit zu wenig Vertrauen fassen konnte, fühle sich später in der eigenen Partnerschaft nicht aufgehoben. "Es ist wie eine Kausalkette", meint Walper.
Ist also der rasche Gang zum Scheidungsrichter ratsam? "Wenn nicht lösbare, dauerhafte Konflikte bestehen, ist eine Trennung besser", sagt die Psychologin und - nach einer Pause - "die Verstrickungen müssen danach allerdings ein Ende nehmen."
Sendepause im Umgang
Denn Trennung bedeutet längst nicht immer Frieden, nicht einmal Waffenstillstand - und auch hier hat die Studie einigen Staub aufgewirbelt. Bleiben die Kinder nämlich weiterhin zwischen den Fronten, sei es das kleinere Übel, den elterlichen Rivalitäten durch eingeschränkten Kontakt zu entgehen. "Die Gutachter müssten stärker beachten, dass es für Kinder manchmal eine gute Lösung sein kann, wenn es eine Sendepause im Umgang gibt", lautet der Appell der Psychologin an die Gerichte. Und in den Beratungsstellen solle das Augenmerk besonders auf das Kinderwohl gerichtet werden: "Wir brauchen spezielle Hilfsangebote für Buben und Mädchen, die in dauerhaft angespannter Atmosphäre groß werden."
Erkenntnisse der Untersuchung müssten wieder Familien zugute kommen, meint Walper. Aus dieser "ethischen Pflicht" ist das "Familienteam" hervorgegangen. Das Elterntraining, das in bayerischen Familienbildungsstätten zum Einsatz kommt, will vermitteln, wie Mütter und Väter den emotionalen Bedürfnissen ihrer Kinder gerecht werden. Und was da an konkreten Alltagssituationen geübt werde, wirke sich, so Walper, auch positiv auf die Beziehung zum Ehemann oder den Umgang mit dem ehemaligen Partner aus.