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Schausteller :Diese Familie arbeitet seit fast 100 Jahren auf der Wiesn

Das Oktoberfest bietet genug Stoff, um ein ganzes Leben mit ihm zu verknüpfen: Albert Aigners Familie ist seit fast 100 Jahren dabei.

(Foto: Robert Haas)

Großmutter Anna Rothfischer hatte schon 1920 eine Schießbude, ihre Nachkommen prägten die Wiesn mit legendären Fahrgeschäften wie dem "Round Up", dem "Polyp" und dem "Break-Dancer".

Von Franz Kotteder

Oft ist es ganz einfach eine Familienangelegenheit. Schließlich bekommt man bei der Berufsberatung ja eher selten gesagt: "Für Sie kommt am ehesten Schausteller in Frage!" Oder auch: "Süßwaren sind das Ihre! Werden Sie Herzlverkäuferin auf dem Oktoberfest!" Sondern man wächst eher so hinein. Weil die Großeltern schon mit einem Stand und einem Wohnwagen von einem Volksfest zu anderen fuhren und die Eltern dann auch.

Bei Albert Aigner, 76, war es die Familientradition. In München kam er zur Welt, in der Klinik an der Mozartstraße, näher an der Festwiese geht es gar nicht. Die Aigners können in drei Jahren ihr Hundertjähriges auf der Wiesn feiern. Großmutter Anna Rothfischer hatte nämlich schon 1920 eine Schießbude mit dem Namen "Zimmerstutzenschießen" auf dem Oktoberfest stehen, und sie selbst stand dort auch 60 Jahre lang an der Bande. Mit Ausnahme der zwei Jahre 1923 und 1924, als die Wiesn wegen der Inflation ausfiel, und der sieben Jahre des Zweiten Weltkriegs, als das Schießen von der Volksbelustigung zum Völkerschlachten geworden war. Sonst aber stand sie da wie eine Eins, bis 1980.

Tochter Anni heiratete einen Albert Aigner, mit dem sie dann 1949, auf der ersten richtigen Wiesn nach dem Krieg, ebenfalls eine Schießbude hatte und später dann ein Karussell namens "Polyp". Und vor allem seit 1941 einen anderen Albert, ihren Sohn. Es kam dann noch ein weiterer Sohn, der später auf der Wiesn die Fahrgeschäfte "Imperator" und "Insider" hatte und vor zwölf Jahren gestorben ist. Das Geschäft führt sein Sohn Andreas weiter.

Albert Aigner ist jetzt auch schon wieder 50 Jahre auf der Wiesn. Freilich, eine Art Ausbruchsversuch aus der Familientradition hatte es schon gegeben. Und so wurde Albert erst einmal Autoelektriker und legte die Gesellenprüfung ab.

Das war's dann aber auch. Denn 1963 verkaufte Vater Albert sein damaliges Fahrgeschäft "Round Up" an die Frankfurter Schaustellerfamilie Roie, und bei dieser Gelegenheit lernte Sohn Albert die Roie-Tochter Christa kennen. Zwei Jahre später war die Hochzeit, und nach weiteren zwei Jahren kam Tochter Claudia auf die Welt und die erste Zulassung fürs Oktoberfest war auch da. Mit einer Schießbude namens "Schützenhaus" ging's los.

Im selben Jahr 1967 kam auch Sieglinde Kurka auf die Wiesn, die nun ebenfalls für ihre langjährige Zugehörigkeit geehrt wurde. Schon als Kind hatte sie sich gewünscht, dort einmal zu arbeiten. "Vor allem wegen der vielen Luftballone", sagt sie und lacht. Als sie 25 Jahre alt war, bewarb sie sich erst einmal mit einem kleinen Andenkenstand, sie hatte Glück, und so zog sie mit dem zweijährigen Buben an der Hand vors Winzerer Fähndl.

Sieglinde Kurka mit ihrem Herzlstand kam vor 50 Jahren zum Oktoberfest.

(Foto: Robert Haas)

Luftballone durfte man dort nicht verkaufen, das war nur in der Mitte, bei den Ständen an den hohen Lichtmasten, erlaubt. Aber Kurka gab nicht auf. Nach drei Jahren war es dann so weit: Sie bewarb sich um einen Mastenplatz, und wieder hatte sie Glück. Endlich Luftballone! Die stehen bei Sieglinde Kurka für Lebensfreude und Leichtigkeit, aber auch für ein bisschen Melancholie.

Sie erzählt gern die Geschichte von dem Mann, der einmal im Jahr zu ihrem Stand kam, 20 Luftballone kaufte und sie dann fliegen ließ. "Wir haben ihnen dann nachgeschaut", sagt sie, "und dann hieß es immer abwechselnd: ,Ich seh' ihn noch!' und: ,Jetzt ist er weg!'" Drei Jahre lang ging das so, beim dritten Mal kam der Mann und wollte lauter rote Luftballone. Wieder ließen sie alle steigen und sahen ihnen nach. "Er hat mich noch in den Arm genommen und ist dann gegangen. Das war das letzte Mal. Seitdem ist er nie wieder gekommen."

Etwa zur selben Zeit hatten die Aigners das "Schützenhaus" gegen eine kleine Achterbahn eingetauscht. "Damals hat man noch nicht mit Kränen gearbeitet", erzählt Albert Aigner, "sämtliche Böcke und Schienen wurden von Hand hingetragen und aufgebaut. Da hat man ganz schön Personal gebraucht." Später dann legten sie sich einen "Tristar" von der Firma Huss aus Bremen zu, ein Hochgeschwindigkeitskarussell, bei dem die Gondeln kreisförmig an drei Armen aufgehängt sind, die sich auf und nieder bewegen können.

Aufblasbare Minions gefallen ihr nicht - "Ein Luftballon muss rund und bunt sein"

"Das ist aber nicht so gut angenommen worden, weil zur selben Zeit das ,Enterprise' rausgekommen ist." Das war eines der ersten Überkopffahrgeschäfte, bei dem die Fahrgastgondeln an einem sich schnell drehenden Rad befestigt sind. Die Siebziger- und Achtzigerjahre waren eine gute Zeit für Fahrgeschäfte. Aigner: "Huss hat alle zehn Tage ein Karussell rausgehauen." Und das mit großer Präzision, die Einzelteile passen heute noch zusammen, egal aus welcher Baureihe sie stammen.

Seit 1990 ist Albert Aigner mit seinem "Break-Dancer" auf der Wiesn und auf dem Frühlingsfest vertreten, außerdem noch auf ein paar Volksfesten in Bayern: "Wasserburg, Biberach, Dachau, Kaufbeuren. Früher haben wir bis zu 14 Plätze bedient, jetzt sind's nur noch fünf."

Man wird ja nicht jünger, und außerdem rentiert es sich nicht mehr so: "Früher sind wir sogar für fünf Tage nach Schwerte im Ruhrgebiet gefahren. Aber da zahlen wir heute für den Diesel mehr, als dabei rauskommt." Und außerdem: Fahrgeschäfte vom Typ des "Break-Dancers" gibt es eine ganze Menge. Das ist anders als bei seinem Neffen Andreas, der jetzt auch schon 25 Jahre auf der Wiesn ist. Dessen "Parkour", den er 2009 neu bauen ließ, ist ein Unikat, mit dem kann man leichter herumreisen.

Sieglinde Kurka hatte ihren Mastenstand nicht sehr lange. Nach ein paar Jahren wechselte sie wieder an den Rand, bei den Masten wurde ihr zu viel geklaut. Heute steht sie mit einem Herzlstand vor dem Hofbräuzelt und ist damit glücklich. "Es ist immer schön zu sehen, wie sich jemand freut, wenn er ein Herz geschenkt bekommt", sagt sie. Sie hätte, weiß Gott, viel zu erzählen, aber darüber will sie ein Buch schreiben, in 50 Jahren Wiesn kommen viele Geschichten zusammen, die kaum zu glauben sind. Dass die Luftballone jetzt aussehen wie Einhörner oder Minions, findet sie nicht gut: "Ein Luftballon muss rund und bunt sein, das genügt vollauf!"

Klagen hört man von ihr aber ebenso wenig wie von Albert Aigner. Schausteller und Marktkaufleute sind es gewohnt, dass es mal besser und mal schlechter läuft. Aigner sagt, er hat immer noch genug zu tun, im Winter wird ja wieder ausgebessert und neu lackiert. Um die Zukunft des Fahrgeschäfts ist ihm nicht bange, sein anderer Neffe Mike Roie wird es weiterführen, er ist bereits am Einarbeiten. Und auch die Tochter Claudia ist auf der Wiesn aktiv. Bei ihr geht's allerdings ruhiger zu, auch wenn nicht auszuschließen ist, dass sich beim einen oder anderen ihrer Gäste am Ende schön was dreht im Kopf: Sie betreibt die kleine "Weinlaube" in der Straße 4.

© SZ vom 28.09.2017/mkro

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