Süddeutsche Zeitung

Schausteller auf dem Oktoberfest:Scheibenschießen auf Afrikaner

"Das war damals so," sagt der Betreiber. "Geschmacklos", findet ein früherer Stadtrat: In einem historischen Stand auf dem Oktoberfest dienen Afrikaner als Schießbudenfigur. Nun wird diskutiert: Ist das Tradition oder Rassismus?

Die Schilder sagen dem Schützen, was er unterlassen soll: "Bitte nicht auf das Personal schießen." Klingt lustig, die Bitte hängt ja auch in einer Schießbude auf dem Oktoberfest, genauer: auf der Oidn Wiesn. Die passenden Ziele finden sich an der Budenwand. Es sind teils bewegliche Figuren, an denen Tonpfeifen befestigt sind und Sterne, die es abzuschießen gilt. Zentral in der Mitte hängen zwei Köpfe, sie bewegen sich auf und ab. Es sind die Köpfe von Afrikanern. Auf dem größten Volksfest der Welt dienen Schwarze als Schießbudenfigur.

Maximilian Fritz sagt, er habe sich schon gewundert, dass niemand aus der Wiesn-Behörde ihn auf die Köpfe angesprochen habe. Er betreibt den Schießstand, gleich vor dem Velodrom, dem lustigen Unterhaltungszelt, und als er die längst erwartete Frage hört, ob solche Figuren denn in die heutige Zeit passen, entgegnet er: "Langweilig und kleinkariert" finde er eine solche Frage.

Klar dürfe man so was ausstellen, sagt Fritz, 65 Jahre alt und von Beruf Antiquitätenhändler, weil: "Es geht nicht um die heutige Zeit", sondern um die Tradition. Um die 130 Jahre alt seien die Figuren, "das war halt damals so". Und die Oide Wiesn sei eine Art Museum. "Ich bin bestimmt kein Rassist." Die Figur eines Juden, die man an einer langen Hakennase erkannt habe, habe er schon vor Jahren aussortiert, auf den habe er dann doch nicht schießen lassen wollen.

Fritz' Ansicht korrespondiert mit dem offiziellen Wiesn-Pressetext der Stadt, der die Bude als "Schmuckstück" preist. Die Zielscheiben aus bemaltem Eisenblech seien einst "mit viel Manpower per Hand" betrieben worden, heute funktionieren sie elektrisch. Es handle sich um "originelle Motive".

Während man sich im Haus von Josef Schmid (CSU), Wiesnchef und Zweiter Bürgermeister, über die Wirkung von Schwarzen als Zielscheibe offenbar wenig bis keine Gedanken gemacht hat, ist Florian Dering gar nicht überrascht, dass genau dies Thema wird: "Da haben Sie recht", sagt er spontan. Dering ist Vize-Direktor des Stadtmuseums, er kennt die Historie des Oktoberfests wie kaum ein zweiter und hat die Oide Wiesn maßgebliche mitentwickelt. Ja, er verstehe, wenn darüber diskutiert werde, er selbst sei ja auch "ambivalent". Aber bitteschön, nicht gleich einen Skandal draus machen. Man müsse diese Bude im historischen Kontext sehen, es gehe nicht darum, auf Schwarze zu schießen, weil sie ein Feindbild seien.

Blasmusik weht aus dem Velodrom, in der Schießbude selbst steht Florian Pointner, der den Schützen das mit Bleikugeln geladene Luftdruckgewehr reicht. "Wir schießen ja hier auch auf Weiße", sagt er. In der Tat, es hängen einige andere Figuren an der Wand, Artisten etwa oder ein Zahnarzt samt Patient. "Die meisten verstehen, dass es keine rassistischen Hintergedanken gibt", es habe sich auch noch niemand beschwert, auch schwarze Schützengäste nicht. Eine andere Scheibe, die einen weißen Mann zeige, wie er einer schwarzen Frau an die Gurgel gehe, die habe man ja auch aussortiert, das wäre dann doch zu heftig gewesen. Manchmal aber ist Pointner nicht so wohl, dann, wenn Betrunkene des Wegs kommen und rufen: Schau mal, da kann man auf Neger schießen! Das finde er dann gar nicht schön.

Auch Pippi Langstrumpf musste sich anpassen

Die Diskussion über Rassismus, der in der Tradition versteckt sein könnte und so am Leben bleibt, ist nicht neu. Man denke an Kinderbücher, in denen "Neger" vorkommen, bei Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf zum Beispiel, geschrieben in den Vierzigerjahren. Der deutsche Verlag hat vor Jahren schon gewisse Worte, auch "Zigeuner", ersetzt, weil diese Begriffe nicht mehr dem heutigen Menschenbild entsprächen und missverstanden werden könnten. Aus dem "Negerkönig" wurde deshalb der "Südseekönig". Und auf der Oidn Wiesn?

Nach einer Anfrage der SZ denkt auch die Festleitung nach. Ergebnis ist eine Hinweistafel, die man flugs an der Schießbude anbringt. Da wird erklärt, dass die beiden Männer "in typisch deutscher Kleidung mit Zylinder bzw. Pickelhaube" zu sehen seien, was auf Deutschlands afrikanischen Kolonien hinweise. "Die Zielscheiben haben somit keinen rassistischen Hintergrund und kein rassistisches Motiv, sondern sind ausschließlich im damaligen kolonial-geschichtlichen Zusammenhang zu sehen." Sie seien "ein Relikt aus der deutschen Kolonialgeschichte". Mit der Tafel wolle man "möglichen fremdenfeindlichen Assoziationen" begegnen, lässt die Sprecherin der Festleitung wissen.

Auf Menschen schießen? "Geschmacklos"

Alles gut also? "Geschmacklos" nennt dagegen Siegfried Benker diese Schießbudenfiguren. Benker ist heute Chef der Münchenstift-Altenheime, davor saß er jahrelang für die Grünen im Stadtrat und hat sich wie kaum ein anderer um das Thema Rassismus gekümmert.

Unabhängig von der Hautfarbe hält er es für geschmacklos, überhaupt auf Menschen zu schießen. Und bei den Afrikanern als Zielscheibe komme noch die "rassistische Komponente" hinzu. Benker erinnert an die Völkerschauen, die es einst auf der Wiesn gegeben habe, da wurden den Münchnern Angehörige fremder Völker vorgeführt, eine Art Menschenzoo. Damals ganz normal, heute undenkbar. Es gebe Traditionen, sagt Benker, die man zu Recht abgeschafft habe, die man auch nicht wiederbeleben sollte. Afrikaner als Schießbudenfiguren gehören für ihn dazu.

"Das geht gar nicht", sagt Hamado Dipama, der sich mit Alltagsrassismus beschäftigt. Dipama, vor Jahren aus Burkina Faso geflohen, leitet den Arbeitskreis Panafrikanismus und gehört dem Ausländerbeirat an. Er ist es auch, der die Einlasspolitik an Münchner Nachtklubtüren thematisiert, weil dort, da ist er überzeugt, immer wieder Afrikaner abgewiesen würden, weil sie dunkle Haut haben.

Für ihn gelebter Rassismus in der Gegenwart, und nun also der aus der Vergangenheit. "Ich verstehe nicht, dass es so etwas heute noch gibt", sagt er über die Schießbude. "Man legitimiert das rassistische Gedankengut von damals." Aber wenn es die Betreiber doch gar nicht rassistisch meinen? Argumente wie diese kennt Dipama, immer wieder versuchten andere ihm zu erklären, was er als nicht-rassistisch aufzufassen habe. "Warum", fragt er, "warum ist es so schwierig zu akzeptieren, wenn wir als Afrikaner sagen, dass es verletzend ist?"

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SZ vom 04.10.2014/infu
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