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Schau:Gehäutete Bilder

Sachte wie bei einer Tisch-Séance bewegt Valentina Murabito die Oberfläche ihrer Fotografien, dabei entstehen geisterhafte Werke

Die Pfaueninsel im Havelsee bei Berlin: Dort ließen die Preußenherrscher Alchimisten wirken, dort schufen sie sich einen Privatkosmos mit exotischen Pflanzen, mit Adlern, Affen, Antilopen, sogar Löwen. Auch Zwerge und Riesen sollten im frühen 19. Jahrhundert diese Menagerie von Königs Gnaden bevölkern. Valentina Murabito ist fasziniert von der Insel, auf der man noch heute das unheimliche "Au" der Pfauenrufe hören kann. Für die Fotografin ist es ein auratischer Ort, perfekte Kulisse für ihre Bildgeschöpfe, die einem Dämmerreich entsprungen scheinen; Wesen, nicht Tier, nicht Mensch, die Geistern gleich heranschweben und sich - will man sie fassen - entmaterialisieren. Unheimlich sind sie, wie ein Flüstern hinter der Tapete.

"A Dream within a Dream" - Ingo Seufert kam wie von selbst auf das berühmte Gedicht von Edgar Allan Poe als perfekten Titel für Murabitos Solo-Schau, die bei ihm in der Galerie für Fotografie der Gegenwart zu sehen ist. "Valentinas Motive verweigern sich, sie geben ihren Urgrund nicht preis", sagt er. Womöglich ist alles ein Traum, unsere Existenz nur eine Schimäre. So könnte auch das Mädchen im weißen Kleid, das Murabito auf der Pfaueninsel fotografiert hat, ein zarter Sprössling sein aus Poes bleicher, untoter Familie Usher. Auf dem Arm der Kleinen sitzt - nein, kein Rabe - eine Eule.

Valentina Murabito

Die Künstlerin hat ein bestimmtes Verfahren entwickelt, mit dem ihr Medium, die Fotografie, die Grenzen zur Malerei und auch zur Bildhauerei überschreitet.

(Foto: Valentina Murabito/oh)

Die Fotografin, die aus Sizilien stammt und seit zehn Jahren in Berlin lebt und arbeitet, hat sich viel beschäftig mit den Texten der (Schauer-)Romantik, auch Novalis und Hölderlin bewundert sie. Intensiv war Valentina Murabitos Auseinandersetzung mit Walter Benjamin, der in seinem Aufsatz "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" schon 1936 das Phänomen der Kopie durchdekliniert. Für Benjamin hat nur das Originalwerk eine "Aura", die selbst dem detailgetreusten Abbild fehlt. Das Einmalige "verkümmere" in der technische Reproduktion, schrieb der Philosoph, für den zu seiner Zeit die schier unendlichen Möglichkeiten einer Digitalkamera noch jenseits aller Vorstellungskraft lagen.

Valentina Murabito, die an den Kunst-Akademien in Catania und Budapest studiert hat, will zurück zu den Ursprüngen der Fotografie. Deshalb arbeitet sie ausschließlich mit einer fast vierzig Jahre alten Analogkamera. So entstehen Unikate in Schwarz-Weiß. Handabzüge auf Barytpapier etwa, die aussehen, als stammten sie aus viktorianischer Zeit, als hätte Foto-Pionier Eadweard Muybridge, der Entdecker der "fliegenden Pferde", seine Hände im Spiel gehabt. In der Serie "Studie für Ophelia" scheint sie die Geisterfotografie zu zitieren, die bei den Spiritisten der vorletzten Jahrhundertwende ungeheuer populär war. Man sieht die Ahnung eines Gesichts, geschlossene Augen, wie gefangen hinter einer milchigen Fensterscheibe. Oder ist es Ophelia, die schönste aller Wasserleichen, versunken in einem trüben Teich? Oder der Abdruck auf einem modrigen Grabtuch? Hauchdünn scheint die Dermis zwischen Diesseits und Jenseits.

Valentina Murabito

Dunkelkammer und Chemielabor: Bei Bestimmten Arbeiten muss Valentina Murabito einen Schutzanzug tragen.

(Foto: Valentina Murabito/oh)

Geheimnisvoll auch eine andere Serie: Murabito zeigt junge Männer, die an englische Landadel-Dandys erinnern, in einer düsteren Prunkkulisse, im Hintergrund geizen Kerzenleuchter mit ihrem Licht. Nicht ansatzweise ist erkennbar, dass die Aufnahmen im Taufsaal des Berliner Doms stattfanden, morgens, bevor die Touristen strömen. Die Männer ergehen sich in seltsamen Posen, sie fechten, oder sind Vierfüßler, hybride Tiermenschen. Die "Realität" beginnt sich hier aufzulösen; wie ein schwarzer Seidenvorhang rutscht die obere Bildhälfte nach unten, wirft hauchzarte Ziehharmonika-Falten. Und auch auf der Fotografie mit dem Usher-Mädchen stimmt etwas nicht, sie verwächst sich nach unten zum Pfau. Immer wieder sind da Tiere in Murabitos Welt, Ziegen, Pferde oder Stiere, inszeniert als archaische Kraftpakete, die sich umtanzen und verschmelzen, wie in der Höhle von Lascaux, dabei sind sie ganz heutige Bewohner des Berliner Zoos. Und der androgyne Bacchant, der sich an Reben ergötzt, lächelt sein dionysisches Lächeln im Park von Schloss Sanssouci.

Murabito treibt ihr Spiel mit Grenzen, nicht nur im Narrativen. In diesen Werken will die Fotografie sich selbst überwinden. Seit etwa zehn Jahren experimentiert die Künstlerin in ihrem Berliner Atelier mit lichtempfindlicher Fotoemulsion. Viel Chemie ist da im Einsatz, nicht nur Silbernitrat und Gelatine. Im Schutzanzug mit Atemmaske werkelt sie in ihrer Dunkelkammer, ähnelt einem Wissenschaftler nach dem Reaktorunfall. Tage, Monate kann sie an einer Aufnahme arbeiten. Denn das Verfahren, das sie entwickelt hat, ist je nach Trägermaterial und Größe extrem aufwendig. Murabito belichtet nicht nur Papier oder Leinwand, sondern auch Holz, Stahl, Beton und ganze Wände. Sie präpariert die Oberflächen so, dass ein Teil des Bildes wie auf einem Film zu schwimmen beginnt, und sie dann das Motiv - ganz sachte - einer Haut gleich ziehen, schieben und dehnen kann. Eine malerische, zeichnerische, bildhauerische Geste, bei der sich auf der Bildoberfläche so etwas wie Narben bilden und ein dreidimensionales Werk entsteht.

Valentina Murabito

Mischwesen bevölkern die Bildwelten von Valentina Murabito.

(Foto: Valentina Murabito/oh)

Mann/Frau, Tier/Mensch, Traum/Wirklichkeit, Diesseits/Jenseits, Fotografie/Malerei - Valentina Murabitos Werk hält sich im Unbestimmten auf. Irritation, Provokation gar, seien nicht ihre Intention. "Im Grunde will ich, dass wir uns fragen, warum uns all diese Kategorien so wichtig sind." Sie liebt es, wenn sich im roten Schein der Dunkelkammer durch ein, zwei Tropfen Chemie alle Grenzen auflösen.

Valentina Murabito Degenerato

Valentina Murabito arbeitet ausschließlich mit einer fast vierzig Jahre alten Analogkamera.

(Foto: Valentina Murabito/oh)

Valentina Murabito, "A Dream within a Dream", bis 28. April, Galerie für Fotografie der Gegenwart, Schleißheimer Straße 44, Dienstag bis Freitag von 14 bis 19 Uhr, Samstag von 11 bis 15 Uhr, sowie nach Vereinbarung.

© SZ vom 08.04.2019

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