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Schamrock-Festival:Was bleibt, ist die Wut

"Einmischen - oder Poetry for Future": Unter diesem Motto haben Augusta und Kalle Laar mehr als 40 Dichterinnen aus aller Welt zum Schamrock-Festival eingeladen.

(Foto: Jens Mauritz)

Das Schamrock-Festival der Dichterinnen ist diesmal besonders politisch ausgerichtet - ein Gespräch mit Augusta und Kalle Laar

Interview von Antje Weber

Es wird ein unwägbares Festival in turbulenten Zeiten - doch das Wichtigste ist: Es findet statt. Gründerin Augusta Laar und ihr Mann Kalle Laar haben sich nicht darin beirren lassen, das fünfte Schamrock-Festival der Dichterinnen zu organisieren. Ohne eine Institution im Rücken - dafür gab es diesmal finanzielle Förderung von besonders vielen Seiten, zum Beispiel vom Deutschen Literaturfonds. Mehr als 40 Lyrikerinnen werden daher am Wochenende in der White Box im Münchner Werksviertel zu erleben sein - leibhaftig oder per Stream und Video, dazu in mehreren Workshops. Dabei sind Autorinnen aus aller Welt - von Indre Valantinaité aus Litauen bis zu Keith Zenga King aus Uganda.

SZ: "Einmischen - oder Poetry for Future" lautet Ihr Motto - inwiefern kann oder soll Poesie sich überhaupt einmischen?

Augusta Laar: "Sich einmischen, debattieren und auch widersprechen, das ist das Lebenselixier einer Demokratie" - die Staatsministerin Michelle Müntefering hat das in ihrem Grußwort sehr gut umrissen. Das ist wichtig, gerade jetzt. Es ist zum Beispiel eine Lyrikerin und Aktivistin aus Hongkong für das Festival angereist. Wir haben Dichterinnen gesucht, die sich politisch, poetisch und ästhetisch einmischen.

Auch ein Gedicht über Grottenolme oder Grashalme kann politisch sein, hat der Lyriker Jan Wagner einmal gesagt.

Augusta Laar: Mir ist ein Subtext wichtig, etwas, das ich entdecken kann. Ich bin gegen politische Dichtung im plakativen Sinn. Aber Poesie kann Räume erschaffen, Begegnungsräume, Sprachräume. Die Lyrikerin Volha Hapeyeva aus Belarus sagt: Poesie kann Verschlossenes öffnen und die tiefsten Saiten einer Seele anklingen lassen. Selbst wenn man sich nur mit Sprache befasst, kann das ein politischer Akt sein. Ein Beispiel dafür ist Gender-Sprache. Unsere Welt ist ja von männlichen Strukturen geprägt - und wir möchten einen Beitrag dazu leisten, das zu ändern. Nicht umsonst ist auch eine Dichterin wie Marlene Streeruwitz beim Festival dabei, die sehr vehement für weibliche Sprache kämpft und das schon sehr früh gemacht hat.

Das führt zu den Anfängen des Schamrock-Festivals, zu Ihrer Motivation, es vor acht Jahren zu gründen ...

Augusta Laar: Aus Wut! Weil Frauen immer noch, auch heute, auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz, nicht so viele Möglichkeiten haben. Sie bekommen in der Literaturszene nicht die gleichen Förderungen. Es gibt noch immer weniger Frauen in Anthologien, in Verlagen, sie bekommen weniger Gage und werden seltener auf Festivals eingeladen.

Wie empfanden Sie in diesem Zusammenhang die Reaktionen auf den Nobelpreis an die Lyrikerin Louise Glück?

Augusta Laar: Eher merkwürdig. Man reagiert auf einen Mann ganz anders. Bei einer Frau fragt man gleich: Hat die es jetzt verdient oder nicht? Keiner hat von ihr gehört, wer soll das sein?

Kalle Laar: Es war etwas unentschieden. Das ist natürlich eine große Sache: Eine Lyrikerin gewinnt den Nobelpreis, auch andere hochkarätige Preise sind an die Lyrik und Lyrikerinnen gegangen. Da könnte man auf die Idee kommen, dass sich die Dinge gebessert hätten. Das hat aber einen Verdeckungseffekt. Wir sind ja auch Gründungsmitglieder des deutschlandweiten Vereins "Netzwerk Lyrik", der eine Erhebung über die Arbeitsbedingungen gemacht hat. Die Benachteiligung von Frauen lässt sich statistisch ablesen.

Augusta Laar: Ob Schamrock-Salon oder Festival, wir diskutieren immer auch die Frage nach den Arbeitsbedingungen.

Kalle Laar: Die Außenwirkung solcher Botschaften ist bei so einem Festival zwar begrenzt. Doch die Botschaft nach innen ist umso stärker: der Vernetzungsgedanke. Der wird immer wichtiger: dass man feststellt, man ist nicht allein. Bis hin zum Konkreten, dass Leute anfangen zusammenarbeiten, die sich vorher nicht kannten. Wichtig ist diese Auseinandersetzung, die Diskussion über gemeinsame Positionen ...

Augusta Laar: ... und über Sprache. Zum Beispiel ist diesmal eine Dichterin aus Grönland dabei. Jessie Kleemann ist eine Inuit. Sie hat, wie sie sagt, postkoloniale Probleme: Ihre Sprache, die grönländische Amtssprache Kalaallisut, wird in Dänemark wenig übersetzt, daher macht sie das lieber selbst oder experimentiert mit bilingualen oder crossmedialen Texten.

Ansonsten kommt auch durch die Dichterinnen aus Hongkong, Eritrea, Äthiopien und Belarus eine dezidiert politische Ausrichtung ins Festival hinein.

Kalle Laar: ... und zwar ganz automatisch. Dadurch dass diese Dichterinnen auftreten. Besonders spannend ist das bei Yirgalem Fisseha Mebrahtu, die aus Eritrea geflohen ist und hier in München lebt. Ich war viel in Eritrea, letztes Jahr mit einem Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung in Asmara. Dort war ich bei einer Poetry-Veranstaltung, von der es hieß, das sei die erste dieser Art. Da habe ich Flyer mitgenommen, die ich nicht lesen konnte. Als ich die hier in München Yirgelem gab, sagte sie: Ah, mit der und der Dichterin war ich im Gefängnis. Da ist mir fast das Herz stehen geblieben. Als ich dort war, bekam man davon nicht so leicht etwas mit.

Augusta Laar: Auch insofern ist Dichtung schon politisch ...

Kalle Laar: Yirgalem hat uns dann noch zwei weitere Dichterinnen für das Festival vorgeschlagen. Das war schwierig in der Kommunikation, weil die zum Teil sehr zurückgezogen im Exil leben. Eine von ihnen, Kokob Tesfaldet, hat aus Schweden drei Videos mit drei ganz kurzen Gedichten geschickt - einfach weil es die einzigen waren, die ins Englische übersetzt sind.

Augusta Laar: Einige Dichterinnen und Sängerinnen waren auch Kämpferinnen im Unabhängigkeitskampf.

Kalle Laar: ... und schon tut sich eine ganze Welt auf. Da stellt sich die Frage gar nicht mehr: Ist das politisch oder nicht? Leben und Schreiben fließen ineinander.

Augusta Laar: Gedichte sind eben Orte der Begegnung und der Autonomie - und auch Schutzräume.

Neben Dichtung mit politischem Hintergrund wird aber auch das Sprachspielerische nicht fehlen. Wie mischen Sie selbst sich schreibend ein, Frau Laar?

Augusta Laar: Eher auf der Sprachebene. Ich habe mich eingemischt, indem ich meine Gedichtbände durchforstet und eine Art Remix-Album gemacht habe.

Auffällig am neuen Band "Avec Beat" sind die Wortfelder "Tanzen, Nacht, Party ...". Haben Sie da während des Lockdowns etwas kompensiert?

Augusta Laar: Das kann gut sein! Als Metaphern für das Leben.

Kalle Laar: Ich finde, dass bei Deinen Gedichten das europäische Thema des letzten Festivals mitschwingt: Viele Sprachen sind einbezogen, auch die Musikgeschichte wird durch die Zitate, Widmungen, Anleihen zusammengeführt. Das ist ja schon ein vernetzender Akt.

Augusta Laar: Ja, alleine schon durch die Musik. Es ist auch eine Hommage an die Pop-und Clubkultur, ich habe ja in den letzten Jahren verstärkt als DJ gearbeitet.

Musik wird beim Festival auch wieder eine Rolle spielen. Wie muss man sich überhaupt die Präsentation aus Live- und digitalen Elementen vorstellen?

Kalle Laar: Es wird eine Mischform aus Live-Auftritten, Streaming und Filmen. Das wird auch für uns eine völlig neue Erfahrung und Herausforderung.

Augusta Laar: Wir haben in diesem besonderen Jahr eine professionelle Videofirma engagiert, damit wir von den wackeligen Homevideos wegkommen.

Kalle Laar: Ja, wir werden eine Art Studio einrichten. Und: Es ist ja immer schwierig, 40 bis 50 Künstlerinnen unter einen Hut zu bringen. Diesmal ändert sich dazu noch ständig etwas, manche sagen kurzfristig ab, andere aber auch zu. Das ist ja klar in diesen Zeiten. Wir haben die Dichterinnen daher zusätzlich gebeten, uns Videos zu schicken. So dass wir Material haben, selbst wenn sie nicht kommen können. Und wir versuchen, das Programm so zusammenzustellen, dass sich Stream- und Live-Auftritte abwechseln.

Sie haben mal gesagt, das Festival solle wie eine Welle sein, eine Installation.

Kalle Laar: Diesmal wird es noch installativer ... Es wird ein großes Experiment, aber es ist auch ein Spiel. Beim Thema Katalonien zum Beispiel haben wir überlegt: Wie können wir die Situation aufbrechen? Denn die katalonischen Dichterinnen können nicht kommen. Sie drehen jetzt einen Film. Den werden wir zwischendurch anhalten, um per Stream mit ihnen zu reden. Wir versuchen also, mit dem Medium zu spielen - aber wir haben keine Übungsphase. Vielleicht kommen an den Festivaltagen auch nur wenige Leute, im Moment müssen wir mit allem rechnen. Doch man muss das als Gesamtpaket sehen: Man kann hingehen, kann live beim Streaming teilnehmen und sich das später vertiefend im Netz anschauen. Das Festival sendet trotzdem ein großes Signal weltweit.

Augusta Laar: Dass dieses Festival stattfindet, ist ein Statement. Nur den Auftakt in Wien mussten wir auf 2021 verschieben.

Ein Statement ist auch, dass Marlene Streeruwitz statt zu streamen jetzt doch anreisen will. Von ihr stammt ja der einstige Rat: "Bleiben Sie bei der Wut!"

Augusta Laar: Ja, damit hat sie mich ermutigt. Ohne Marlene Streeruwitz und Ruth Klüger hätte ich das Festival gar nicht gegründet. Sie waren die ersten, die ich in Wien bei einer Veranstaltung angesprochen hatte, sie haben sofort zugesagt. Im Übrigen: Ich finde, es ist nichts Ehrenrühriges, wütend zu sein. Das ist eher eine kreative Energie. Ich bleibe bei der Wut.

Schamrock-Festival der Dichterinnen, Freitag, 23., bis Sonntag, 25. Oktober, White Box, Atelierstraße 18, Infos unter www.schamrock.org

© SZ vom 23.10.2020
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