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Schamrock-Festival:Mut zur Brücke

Lesung Whitebox

Von Angst und Wut erzählte die Lyrikerin und Aktivistin Tang Siu Wa aus Hongkong (links) im Gespräch mit der deutschen Kollegin Anja Utler.

(Foto: Florian Peljak)

Das Schamrock-Festival hat mit großem Aufwand drei Tage lang Dichterinnen aus aller Welt eine Bühne geboten - live und per Stream erhoben unter anderen Lyrikerinnen aus Äthiopien, Eritrea und Hongkong die Stimme

Von Yvonne Poppek, Joachim Nicolodi und Antje Weber

Der kleine Tisch auf der Bühne könnte so auch auf einem Flohmarkt stehen, der vorwiegend Kinder interessiert. Xylofon, Plastikspielzeug mit Soundeffekt, Quietschtierchen, Ratsche - kurz: Dinge, die nervtötendes Potenzial haben, hat die Lyrikerin und Künstlerin Augusta Laar vor sich platziert. Mal nimmt sie das eine, dann das andere, quetscht einen Sound hervor, spricht Zeilen aus ihrem Gedichtband "Planet 9". Neben ihr jagt Miku Nishimoto-Neubert über die Tasten eines Flügels, und Kalle Laar speist vom Computer aus kosmische Töne und Bilder ein. Das Ganze ergibt eine Konzert-Performance von Kunst oder Unfall und Helga Pogatschar auf dem Schamrock-Festival - schön-schräge Momente am ersten Abend des dreitägigen Lyrikerinnen-Treffens.

Augusta und Kalle Laar, die zugleich die Festival-Organisatoren sind, haben auf die Covid-19-Pandemie reagiert und das Schamrock mit dem Titel "Einmischen oder Poetry for Future" als eine Veranstaltung mit Livestream und einigen wenigen Plätzen für Publikum in der White-Box eingerichtet. Ein irrsinniger Aufwand, der nur von denjenigen zu betreiben ist, die für ihre Kunst brennen. Das wiederum lässt sich auf beiden Kanälen spüren, auch wenn ein Live-Erlebnis durch einen Stream nicht zu ersetzen ist. Die mutige, wütende, vom Rap inspirierte Dichtkunst der Äthiopierin Christine Yohannes beispielsweise überträgt sich dennoch kraftvoll und hinterlässt Spuren, auch wenn Yohannes - so wie später einige der Dichterinnen aus Eritrea - lediglich zugeschaltet ist. Reisen oder Kulturveranstaltungen zu besuchen ist zur Zeit eben gleichermaßen schwierig.

Wer am ersten Festivaltag in die White-Box im Werksviertel kommt, findet sich in einer fast schon familiären Atmosphäre wieder. Stühle stehen vereinzelt im Raum, Tontechniker richten mal hier, mal dort etwas ein. Alles gleicht eher einer Probe, bei der sich dann plötzlich wieder die Kunst zuschaltet. Der Applaus der knapp 20 Menschen im Raum kann nur als blasse Reaktion auf der Bühne ankommen. Dennoch: Selbst Poetry Slammerinnen wie die großartige Meike Harms, Elisabeth Schwachulla und Katrin Freiburghaus, die den Abend live auf der Bühne beschließen, verlieren in diesem resonanzleeren Raum nicht ihr Charisma. Sie alle haben sich auf dieses schillernde Provisorium eingelassen. Zum Glück!

Eine mehr als 9000 Kilometer lange Reise hat Tang Siu Wa auf sich genommen, um bei Schamrock teilzunehmen - ein Höhepunkt am Festival-Samstag. Die Hongkonger Dichterin zählt zu den bedeutendsten Intellektuellen hinter der prodemokratischen Bewegung in Hongkong, die mehr Unabhängigkeit für Chinas Sonderverwaltungszone fordert. Schon im ersten Gedicht, vorgetragen auf Kantonesisch - dem chinesischen Dialekt, der hauptsächlich in Hongkong gesprochen wird - bringt Tang Siu Wa das ganze Leid der Bevölkerung zum Ausdruck, die Ohnmacht im Angesicht der übermächtigen chinesischen Regierung und die Angst, daran zu ersticken. Von einer Frau ist da die Rede, die in die Küche geht und verzweifelt nach einem Messer sucht, dabei aber nur Klarsichtfolie findet.

Kantonesisch sei die härtere, stärkere Sprache als Mandarin, so Tang Siu Wa. Sie sei ursprünglich im Kampf verwendet worden, um Emotionen der Wut zum Ausdruck zu bringen. Angefacht wurden die Proteste vor allem mit der Verabschiedung der "National Security Law" im Juli, mit der mehr Vollmachten nach Peking verlagert und die Meinungs- und Pressefreiheit massiv eingeschränkt wurde. Was die Kunst dagegen ausrichten könne? Die Nachfrage nach Literatur sei in diesen Zeiten strengerer Überwachung stark gestiegen, sagt Tang Siu Wa im Gespräch mit der Lyrikerin Anja Utler. George Orwells Roman "1984", in dem es um einen totalitären Überwachungsstaat geht, sei in Hongkong längst ausverkauft. Die Protestbewegung habe Bruce Lees Motto "Be water" übernommen, und dasselbe könne man auch für die Literatur sagen: Sie sei formlos und anpassbar, schaffe es, an Orte zu gelangen, die normalerweise unzugänglich sind und Sachen zum Ausdruck zu bringen, für die sonst die Worte fehlen. Besonders in Zeiten, in denen so viel Unaussprechliches geschieht, sei es die Aufgabe von Kunst, diese Extreme greifbar und erfahrbar zu machen.

Es groovt und swingt vor knallbunter Kulisse - ein Video der äthiopischen Musikerinnen und Dichterinnen von "Tobiya Poetic Jazz" sorgt am letzten Festivaltag trotz manch dunkler Botschaft für richtig gute Laune. Auch vor dem Bildschirm zuhause, denn am Sonntag findet kaum mehr etwas live in der White-Box statt. Das Virus hat die Planungen durcheinander gewirbelt; die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz ist nun doch lieber in Wien geblieben und die belarussische Autorin Volha Hapeyeva wegen eines Corona-Falls in der Villa Waldberta in die Quarantäne gezwungen. So ist der Abschluss vor allem ein Stream-Ereignis - immerhin, und so bewertet eine müde, aber frohe Augusta Laar die hybride Ausrichtung am Ende als mögliches "Konzept für die Zukunft".

Gleichzeitig wird einmal mehr deutlich, wie viel zwangsläufig doch verloren geht, wenn die Zuhörer eine Aufführung nicht gemeinsam in einem Raum erleben. Bei einem Gespräch, wie zwischen Marlene Streeruwitz und Swantje Lichtenstein, ist das nicht so spürbar; wenn Streeruwitz von ihrem Covid 19-Roman "So ist die Welt geworden" als "Verzweiflungstat" erzählt, von ihrem Gefühl einer "Festungshaft" in der Isolation, vermittelt sich das auch per Stream mühelos. Ebenso, wenn sie erwähnt, dass sie jeden Tag Gedichte schreibe, die sie aber verbrenne - "so erspare ich der Welt eine Menge". Ihre gemeinsame Performance "Verführung" mit der Komponistin Katharina Klement, nun als Video gezeigt, hätte jedoch live garantiert mehr Wucht - dann könnte man sich den mit allerlei Technik verzerrten Geräuschen eines Flügels nicht so leicht entziehen, und auch nicht dem Text über die Entwicklung eines weiblichen Ichs von der Gefangenschaft hin zur Selbstbestimmung.

"Sprache ist Gefängnis und Freiheit" könnte Volha Hapeyeva nun mit einer Gedichtzeile anschließen. Doch ihre kurzfristig improvisierte Stream-Performance aus der Quarantäne, in der die Lyrikerin in einem weißen Kittel noch weitere Symbole für die belarussische Opposition aufruft, ist akustisch leider schwer zu verstehen. "Zusammen sein, wenn es gefährlich wird", diese Worte meint man zu hören. Vielleicht ist das auch nur Wunschdenken vor dem Bildschirm. Aber ja, so ist die Welt geworden.

© SZ vom 27.10.2020
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