Schachturnier Sprungbrett in eine andere Welt

In sieben Runden spielten die Teilnehmer einen Sieger aus.

(Foto: Stephan Rumpf)

Bei einem Schachturnier in den Räumen der Pfennigparade treten 56 Menschen mit Behinderungen gegeneinander an

Von Daniel Gözübüyük

Ein Raum, 15 aneinandergereihte Tische, knapp 60 Menschen, Hochkonzentration. In ungleichmäßigen Abständen drücken sie auf eine kleine Uhr, stoppen ihre Zeit. Sie bewegen Bauern, Springer und Damen, rufen "Schach" und bestenfalls kurz darauf "Matt". Klingt wie ein ganz normales Schachturnier, ist es aber nicht; Menschen in Rollstühlen, an Atmungsgeräten oder Krücken spielen hier gegeneinander. Und das auf hohem Niveau, wie eine der Organisatorin, Dijana Dengler, sagt. "Drei spielen sogar im Verein, sind regelmäßig bei größeren Turnieren dabei. Die haben echt was drauf - wie alle anderen übrigens auch!"

Die Frau aus Bosnien muss es wissen, immerhin ist sie ehemalige National- und Bundesligaspielerin, hat an zwölf Schacholympiaden teilgenommen. Als Mitglied des Stiftungsrats der Münchener Schachstiftung hat sie zum zehnten Mal zum "Geistesblitz und Taktikwitz"-Turnier an die Barlachstraße in die Räumlichkeiten der Mitorganisatoren von der Stiftung Pfennigparade geladen. 56 Teilnehmer mit leichten bis schweren, mentalen wie physischen Behinderungen waren da und spielten in insgesamt sieben Runden den Sieger aus. Ein inoffizieller Weltrekord, wie sie sagt: "In der Größe gibt's das nirgends. Wir würden uns gerne vergrößern, der Andrang ist riesig. Für die Zukunft ist das geplant."

Angefangen hat alles 2003. Dengler wird von einem Jungen namens Max angeschrieben, damals zwölf Jahre alt. Er wolle gerne Schach spielen, kann aufgrund seiner Behinderung aber die Figuren nicht bewegen. "Die Nachricht hat mich wirklich sehr bewegt", sagt Dengler. Fünf Jahre spielt sie fortan mit ihm immer montags von 20 bis 22 Uhr. Irgendwann kommt Max auf eine Idee: "Wäre es nicht schön, wenn ich gegen andere Behinderte spielen könnte?" Die Münchener Schachstiftung entwickelte daraufhin mit der Pfennigparade das Konzept des heutigen Turniers, das dank Spenden vieler Förderer in diesem Jahr seinen zehnten Geburtstag feiert.

Im Vordergrund steht dabei weniger der sportliche Wettkampf, als mehr das Zusammenkommen und die Interaktion zwischen Jung und Alt. "Die Menschen stärken ihre geistige Vitalität und ihr Selbstbewusstsein. Es ist wie ein Sprungbrett in die Welt der Nichtbehinderten", sagt Birgit Kuhn, Pressesprecherin der Schachstiftung. "Das Spiel hilft ihnen, für einen Moment ihre Behinderung zu vergessen."

Auch für Daniel ist das Schachspielen ein Ventil zum Abschalten. Der Zehnjährige kann nur sehr eingeschränkt seine Beine bewegen, ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Seiner Leidenschaft für Fußball und seinem Ehrgeiz tut das keinen Abbruch. Der Junge, der seit fünf Jahren Schach spielt, ist zum zweiten Mal dabei und hat ein Ziel: "Ich möchte unter die Top zehn kommen." Am Ende verpasst er sein Vorhaben nur knapp, wird Siebzehnter.

Mindestens genauso ehrgeizig ist Lucy Hoffmann. Auch die 20-Jährige ist zum zweiten Mal dabei, obwohl sie erst seit drei Jahren aktiv spielt. Die Digital-Künstlerin arbeitet in der Stiftung an der Barlachstraße und ist so zu dem Denksport gekommen. "Schach macht mir wirklich sehr viel Spaß. Ich vergesse das ganze Drumherum und konzentriere mich einfach nur auf das Spiel." Zuhause malt sie mit Acrylfarbe Gemälde, verkauft sie erfolgreich - obwohl sie sich kaum bewegen kann. Sie sitzt in einem speziellen Rollstuhl, kann nur einen Teil ihres rechten Armes bewegen. Dennoch gelingt es ihr, mit Hilfe ihres Mundes kleine Meisterwerke zu schaffen. Richard Lutz, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn, Schirmherr des Turniers und selbst passionierter Spieler, sagt: "Schach verbindet Menschen, unabhängig woher sie herkommen. Es sorgt dafür, dass wir uns - im wahrsten Sinne des Wortes - an einen Tisch setzen."