Süddeutsche Zeitung

Uraufführung der neuen Sarré-Musicalproduktion:Aufbegehren mit Gefühl

Lesezeit: 2 min

Die Musical-Talkshow „Echt jetzt?!“ von Sarré Musikprojekte widmet sich Themen wie Mobbing und der Bildungsmisere: 80 junge Bühnentalente bereiten sich auf die Uraufführung in der Alten Kongresshalle vor.

Von Barbara Hordych

Es ist hier nicht anders als so oft, wenn von Kindern und Jugendlichen und ihren „Themen“ wie Mobbing, Sexualität, Social- Media-Nutzung und Bildungsmisere die Rede ist: Die eigentlich Betroffenen kommen nur selten zu Wort, stattdessen sind es Experten und Expertinnen diverser Fachrichtungen, die sich über sie äußern. Und doch ist hier, im Probenraum der Sarre-Musikakademie im Fat Cat, alles entscheidend anders: Denn alle Rollen, auch die der Erwachsenen, in dem Musical „Echt jetzt?! – Deutschlands erste „Gen Z“ Musical-Talkshow“ ,werden von den jungen Akademisten selbst verkörpert.

Gerade stürmen sie von zwei Seiten auf die Bühne, drängen die Talk-Show-Diskutanten von ihren Stühlen, rufen die „Revolution der Kinder“ aus. Denn es reicht, wie Zeitungsartikel aus der Süddeutschen Zeitung oder dem Spiegel belegen: „Lehrerverband hat genug von Applauspolitik“, „Darum gehen heute Tausende Schüler, Eltern und Lehrkräfte auf die Straße“ lauten die Titel, die auf die Leinwand im Hintergrund projiziert werden. Davor werfen die jungen Akteure jetzt Papierstapel in die Höhe, protestieren singend und tanzend mit dem Song „Revolting Children“ (aus dem Musical „Matilda“) gegen die jüngste Zumutung, „die Streichung der Kreativfächer an den Schulen“, sagt Akademie-Leiterin Verena Sarré in der Pause.

Am 8. Juni steht die Uraufführung der Musicalproduktion in der Alten Kongresshalle an. Im Mittelpunkt stehen die Themen, die die 80 Akademisten im Alter von acht bis Mitte Zwanzig, die in zwei Besetzungen mit jeweils 40 Mitwirkenden auftreten werden, sich selbst gewünscht haben, wie Sarré erklärt: Angefangen bei dem immer früher einsetzenden Mobbing unter Gleichaltrigen, dem durch Social Media angeheizten gesellschaftlichen Diskurs über Feminismus, Gender, Ausgrenzung und Diskriminierung von Minderheiten, Verführung durch populistische Bauernfängerei bis hin zu den seelischen Folgen für Einzelne. Die Textbeiträge stammen dabei von den Mitwirkenden selbst, sagt Sarré.

Wie das ausschauen kann, exerziert einer der älteren Akademisten als Populist namens Ben mit einer Gruppe der revoltierenden Kinder vor. „Ich bin natürlich auf eurer Seite“, verkündet er. Um sodann zu forschen: „Gibt es nicht auch besondere Kinder unter euch?“ Ratlos blicken die Angesprochen einander an. „Also solche, die nicht so viel verstehen, die eben von woanders kommen. Wäre das nicht eine tollere Schule, wenn diese Kinder nicht dabei wären?“ hakt er nach. Eine Schülerin tritt ihm entgegen, „Glaubt diesem Ben nicht!“, ruft sie, „ist euch klar, was er versucht, mit euch zu machen?“

Und schon ändert sich der Bühnenhintergrund, auf der Leinwand erscheint das Porträt der jüdischen Komponistin Ilse Weber, daneben der Stacheldrahtzaun des KZ Theresienstadt im Jahr 1943. Der Kinderchor singt das Lied „Denn alles wird gut“, komponiert von der jungen Ilse Weber, die mit den ihr anvertrauten Kindern in den Tod ging. „Nur ihr Mann hat überlebt, er rettete auch ihre Lieder aus Theresienstadt“, sagt Sarré. Für sie „ein Schatz an unglaublich schönem, positivem Liedgut“.

Die Szene wechselt, jetzt sitzt eine Schülerin verlegen im Büro ihrer Schuldirektorin. Ob sie wirklich der geschätzte Kollege Herr Zimmermann sexuell belästigt habe, will sie von der Jugendlichen wissen. Auch der Polizist hat seine Zweifel. Ob sie keine Zeugen für den Vorfall benennen könne? Und was sie überhaupt angehabt habe an dem Tag? Oha – wenn ihr Top tatsächlich bauchfrei gewesen sei, erkläre das so einiges. Die Schülerin verstummt, sitzt schließlich deprimiert – „ist es meine Schuld?“ – vor einer Ärztin. Die ihr gut gelaunt ein Medikament verschreibt, mit dessen Hilfe sie sich „in zwei Wochen bestimmt wieder gut fühlen“ werde.

Die jungen Talente der Sarré-Akademie haben glücklicherweise andere Wege gefunden, ihren Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu verleihen. Auf die Uraufführung darf man gespannt sein.

Echt jetzt?! – Deutschlands erste „Gen Z“-Musical-Talkshow, 8. und 9. Juni, Alte Kongresshalle, Bavariapark 14

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