Brauchtum Zu Sankt Martin geht's der Gans an den Kragen

Zu Sankt Martin werden in Bayern wieder viele Gänse verspeist.

(Foto: Roland Weihrauch/dpa)

Das verräterische Geschnatter, das den Heiligen verraten haben soll, müssen die Tiere bis heute büßen. Doch was steckt wirklich hinter dieser gewagten Begründung für das jährliche Festessen?

Von Franz Kotteder

Eine der vielen Eigenschaften des Bayern ist es, für die Notwendigkeit des Genießens immer eine stichhaltige Begründung parat zu haben. Mit besonderer Freude nimmt der Bayer diese Notwendigkeit zur Kenntnis, wenn sich dafür auch noch eine christlich-katholische Herleitung finden lässt. Das ist bei vielen Festen des kirchlichen Kalenders natürlich ohnehin der Fall.

Ostern und Weihnachten darf, ja muss gefeiert werden, Pfingsten eh und Kirchweih auch. Letzteres übrigens in der Vergangenheit oft so ausschweifend, dass sich die Amtskirche irgendwann gezwungen sah, einen allgemeinen Kirchweihtermin für alle festzulegen. Ihre Schäflein hatten es nämlich geschafft, die Weihefeste ihrer verschiedenen Kirchen so zu legen, dass in manchen Regionen kaum noch ein Wochenende ohne Kirchweih verging.

Rabimmel im Gewimmel

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Die Königsdisziplin der Festbegründung bestand jedoch immer schon darin, einen Anlass fürs Feiern zu finden, wenn es eigentlich gar keinen gab. Das Paradebeispiel ist der Sankt-Martins-Tag. Denn Martin war der Legende nach selbst für einen Heiligen außerordentlich bescheiden und zurückhaltend und man darf getrost davon ausgehen, dass ihm jegliche Feierei und Ausschweifung von Natur aus eher zuwider gewesen sein dürften.

Nichtsdestotrotz ist der Martinstag in Bayern seit jeher ein Anlass, es noch einmal so richtig krachen zu lassen. Während die Kleinen aus Pappe und Transparentpapier windschiefe Laternen basteln, schieben Köchinnen und Köche überall im Land fette Gänse ins Bratrohr und begießen sie eifrig mit kaltem Salzwasser, dass es nur so zischt und brutzelt. Stunden später kommen die Tiere dann auf den Tisch, wo sich dann ganze Familien an der knusprigen Haut und dem saftigen Fleisch erfreuen, bis alle pappsatt geworden sind und ein hochprozentiges Getränk brauchen, damit sie vom Esstisch wieder aufstehen können. Wer Kinder hat, muss nun, lauthals "Rabimmel, Rabammel, Rabumm!" singend, in Begleitung der Laternen durch die Wohnumgebung ziehen.

Alle anderen dürfen auf dem heimischen Sofa verdauen. Wie aber kommt der Martin zur Gans? Der heilige Martin von Tours, 316 im heutigen Ungarn geboren, soll ein Soldat in der römischen Armee gewesen sein. Der Legende nach teilte er einmal seinen Mantel mit einem frierenden Bettler. Im Traum erschien ihm dieser Bettler und gab sich als der leibhaftige Christus zu erkennen. Daraufhin quittierte er den Militärdienst, ließ sich taufen und wurde ein gottesfürchtiger Mann. Als ihn seine Gemeinde zum Bischof wählen wollte, war ihm das so unangenehm, dass er sich in einem Gänsestall versteckte. Allein, die schnatternden Gänse verrieten ihn, Martin musste Bischof werden. Zur Strafe, heißt es, müssen seither die Gänse am Martinstag dran glauben. Ihnen wird der Hals umgedreht und sie kommen in die Röhre.

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Eine gewagte Begründung, um die kirchliche Absolution für die Sünde der Völlerei zu erlangen, gewiss. Aber der Zweck heiligt die Mittel, und ein Pfarrer, der den alten Brauch in Frage stellen möchte, würde wohl kaum viele Sympathiepunkte in seiner Gemeinde einstreichen können.

So ist die Martinsgans also ein fester Bestandteil des bayerischen Brauchtums geworden, auch wenn man sich in den Familien immer seltener die Mühe macht, eine Gans zu braten. Obwohl das gar nicht so schwer ist. Aber die schiere Größe des Bratens überschreitet halt oft das Fassungsvermögen der heute üblichen Kleinfamilie, und in der Singlehauptstadt München lohnt sich die Mühe ohnehin kaum.

Das wiederum hat dazu geführt, dass die Gastronomie diese Marktlücke für sich entdeckt hat und an diesem Wochenende die Martinsgans auf die Tageskarte setzt. In vielen Lokalen muss man allerdings wegen des großen Andrangs reservieren. Im Spatenhaus an der Oper ist zum Beispiel der Sonntagabend schon fast ausgebucht, mittags sind noch Plätze frei (32 Euro pro Portion, Telefon 2907060). Im Paulaner Bräuhaus am Kapuzinerplatz gehört die Martinsgans am 11. November zum festen Repertoire, hier ist Reservieren auch anzuraten (Telefon 5446110). Auch im neuen Andechser am Dom (26 Euro, Telefon 242929 20) und in der Waldwirtschaft sollte man sich anmelden, ebenso im Spöckmeier (Telefon 268088). Um nur ein paar Traditionsgaststätten zu nennen.

Der heilige Martin steht übrigens noch für eine weitere kulinarische Besonderheit, das Sankt-Martin-Zuckerhörndl - ein Backwerk, das symbolisch für das Hufeisen seines Schimmels stehen soll. Das war dann aber wohl doch arg weit hergeholt, diese Spezialität konnte sich nie so richtig durchsetzen. Auch für die Martinsgans gibt es übrigens noch eine recht profane Begründung. Die von Natur aus fetten Tiere durch die kargen Winter zu füttern, war vielen Bauern einfach zu kostspielig. Lieber leisteten sie sich vor Winterbeginn noch einmal ein richtiges Festmahl. Zugegeben: Die Heiligenlegende hat da natürlich schon deutlich mehr Charme.

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