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Sanierungskonzept:Kliniken: Letzter Rettungsversuch vor der Pleite

Bruck: Impression Kreisklinik / Krankenhaus / Klinikum

Insgesamt 3267 Patientenbetten stehen im städtischen Klinikum derzeit. Künftig sollen es etwa ein Viertel weniger sein.

(Foto: Johannes Simon)
  • Am Mittwoch wird der Stadtrat vermutlich ein Konzept zur Sanierung der städtischen Kliniken beschließen.
  • Dieses sieht vor, Personal einzusparen und Fachbereiche neu zu verteilen.
  • Während die Kliniken mit den Einsparungen unzufrieden sind, geht einem Gutachter das Sparprogramm nicht weit genug.

Von Dominik Hutter

Dieter Reiter setzt auf Harmonie: "Wir unterstützen die geplanten Maßnahmen, die wichtig und richtig sind", sagt der Oberbürgermeister über das Sanierungskonzept fürs städtische Klinikum, das der Aufsichtsrat bereits zur Kenntnis genommen habe. Was so klingt, als wären sich alle einig gewesen. Tatsächlich bedeutet "zur Kenntnis nehmen", dass ein Teil des Aufsichtsrats den Vorschlägen von Klinik-Chef Axel Fischer nicht zustimmen wollte.

Die Arbeitnehmervertreter wollen keine "Bedrohungsszenarien" fürs Personal, attestieren den Sanierern einen "Tunnelblick" und vermissen belastbare Zahlen, was die geplanten Schritte wirklich bringen. Womit sie nicht alleine sind. Auch Stadtkämmerer Ernst Wolowicz und der von ihm beauftragte externe Gutachter MCK kommen zu dem Schluss, dass die Daten für ein detailliertes Urteil über das Konzept eigentlich nicht ausreichend sind.

Warum der Stadtrat das Konzept vermutlich beschließen wird

Dass der Stadtrat das Konzept am Mittwoch wohl trotzdem verabschiedet, dürfte zwei Gründe haben: Im Großen und Ganzen halten Wolowicz wie auch sein Gutachter das Papier für plausibel. Und im Rathaus hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es nur noch diesen einen Versuch gibt, die städtischen Krankenhäuser vor der Pleite zu retten. "Man muss einen Weg auch mal zu Ende gehen", sagt CSU-Finanzsprecher Michael Kuffer. Diesmal, da ist er überzeugt, könnte es gelingen - wenn man die Sanierer endlich sanieren lässt. Am Elan von Klinik-Chef Fischer hat im Rathaus niemand Zweifel, er hat das Konzept schließlich mitentwickelt. Fischer war früher bei der Unternehmensberatung Boston Consulting angestellt.

Die geplanten Kosten der Sanierung sind inzwischen auf gut eine Milliarde Euro gestiegen, und der Erfolg ist keineswegs garantiert. Es gebe noch "wesentliche Risiken", warnt der stets skeptische Kämmerer. Vor allem müssten alle Beteiligten an einem Strang ziehen und ein "Höchstmaß an Motivation und Engagement für das Unternehmen einbringen", steht in der Beschlussvorlage für das Stadtratsplenum. Das wird nicht einfach werden: Schließlich soll in den kommenden sieben Jahren fast jeder vierte Arbeitsplatz im Klinikum wegfallen. Das verbessert die Stimmung unter den Mitarbeitern nicht gerade.

Dazu kommt, dass Fischer im Herbst mit den Gewerkschaften über Lohneinbußen verhandeln will. Ob er Erfolg hat, ist völlig offen. Es kann Verzögerungen bei den Neu- und Umbauarbeiten geben oder unliebsame Gerichtsurteile. In den Augen des Gutachters MCK werden die Risiken insgesamt zu gering eingeschätzt; sie seien "deutlich größer", warnen die Experten. Der vom Klinikum eingeplante Risikopuffer sei schon allein für die "normalen Schwankungen des Klinikgeschäfts" notwendig.

Woher das Geld kommen soll

Soll heißen: Läuft nicht alles wie geplant, kann es teurer werden. Noch teurer. Schon jetzt sind immense Summen aus der Stadtkasse ans Klinikum geflossen: 30 Millionen Euro im Jahr 2005, weitere 200 Millionen 2012, dazu kommt ein Investitionszuschuss von 127 Millionen. Weitere 382 Millionen sind bereits zugesagt, vom Freistaat erhofft man sich 466 Millionen. Die Klinik selbst trägt 60 Millionen bei. Mehr als 60 Prozent des Geldes sind für die teilweise maroden Bauten gedacht. Bis 2025 sollen Bogenhausen, Harlaching, Neuperlach und Schwabing auf dem neuesten Stand sein. Die Dependance in der Thalkirchner Straße wird 2022 aufgegeben.

Kernpunkt der Sanierung ist, die einzelnen Fachbereiche neu zu verteilen, die heute oft noch doppelt vorhanden oder zu klein sind, um wirtschaftlichen Erfolg zu haben. Dabei soll es zwei große Umzugswellen geben: Ende 2019 in Bogenhausen und Schwabing, 2020 in Harlaching und Neuperlach. Nach den aktuellen Planungen müssen Schwabing und Harlaching weit weniger Federn lassen als ursprünglich geplant.

Schwabing wird die neue Adresse für die Dermatologie, und auch das Mutter-Kind-Zentrum wird noch einmal deutlich aufgemotzt, unter anderem durch die ursprünglich für Neuperlach gedachte operative Gynäkologie. Das Traumazentrum bleibt nun doch in Harlaching, genauso wie der Landeplatz für den Rettungshubschrauber. Dennoch verliert Schwabing mehr als die Hälfte seiner Betten (heute 878, künftig 414), in Harlaching beträgt das Minus ein gutes Viertel (548 statt heute 751). Insgesamt will das Klinikum bald nur noch 2524 Betten haben. Aktuell sind es 3267.

Wer das Konzept kritisiert

Das neue Klinikkonzept hatte von Anfang an für böses Blut gesorgt. Kritik kam vor allem aus den beiden "Verliererhäusern" Schwabing und Harlaching, die mehr Fachabteilungen und vor allem auch die Notaufnahmen behalten wollten. Dieser Protest hatte in Teilen Erfolg: Beide Häuser verfügen auch künftig über eigene Notaufnahmen plus Betten, es werden weniger Abteilungen abgezogen.

Der Gutachter MCK sieht einige dieser Änderungen kritisch: Eigentlich hätten zwei Notaufnahmen in Bogenhausen und Neuperlach ausgereicht, urteilen die Experten. In München gebe es so viele Krankenhäuser, dass die Rettungsfahrzeuge im Ernstfall stets eine Anlaufstelle in ihrer Nähe fänden. Ungünstig findet MCK auch, dass bei der "Feinjustierung" der Abteilungen das ursprüngliche Konzept verwässert worden sei. Mit der Folge, dass Harlaching und Neuperlach nun kein "rundes und in sich stimmiges Leistungsprofil" mehr aufwiesen. Bogenhausen und Schwabing seien dagegen "gut strukturiert".

Aus Sicht der Klinikleitung hat die Feinjustierung allerdings nicht zu unterschätzende Vorteile: Weil weniger Stationen nach Neuperlach kommen, ist dort kein Erweiterungsbau mehr notwendig. Auch ein neues Servicegebäude ist nun nicht mehr notwendig. Mehr als die Hälfte der dort geplanten Flächen waren für den Blutspendedienst und die zentrale Küche gedacht. Die brauchen nun keine Räume mehr: Der Blutspendedienst soll verkauft, das Essen künftig von Privaten geliefert werden.

© SZ vom 28.07.2015/axi

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