Süddeutsche Zeitung

Sanierung am Hauptbahnhof:In der Wühlmaus-Falle

Wo geht es denn hier an die Erdoberfläche? Das Zwischengeschoss unter dem Münchner Hauptbahnhof wird umgebaut. Das verlangt Planern und vor allem Pendlern viel ab. Ähnlich schaut es am Marienplatz aus. Und bald unter dem Sendlinger Tor.

Von Marco Völklein

Wer derzeit aus der Haupthalle des Hauptbahnhofs die breite Treppe hinunterkommt in das Untergeschoss unter dem Bahnhofsvorplatz, der glaubt gar nicht, dass das Ganze in ein paar Wochen schon vorbei sein soll. Noch dröhnen die Presslufthämmer in der Luft. Noch versperren Wellblechwände den Weg. Noch versuchen unzählige Pfeile und Schilder den Kunden den Weg zu weisen, etwa zum nahen Rewe oder zum Karstadt. In ein paar Wochen aber soll zumindest hier, im Reich der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG), wieder normaler Betrieb herrschen. Dann sollen die Bauarbeiter wieder abziehen. Das Feld räumen für Passanten und Fahrgäste.

"Zeit wird's" findet Gisela Manstein, eine ältere Dame auf ihrem Weg in die Innenstadt. Zweimal die Woche kommt sie aus der Nähe von Grafing mit dem Zug reingefahren in die Stadt - und schimpft und stöhnt und schäumt über die Dauerbaustelle am Hauptbahnhof.

20 Millionen Euro kostet die Sanierung des städtischen Nahverkehrs

Seit etwa zweieinhalb Jahren lässt die MVG das Zugangsgeschoss zur U-Bahn unter dem Bahnhofsvorplatz umbauen. Heller soll es werden, freundlicher. Mehr Platz soll es zudem bieten für Läden und ein neues Kundenzentrum der Verkehrsbetriebe. 20 Millionen Euro investiert das städtische Nahverkehrsunternehmen in die Sanierung.

Der Großteil davon floss in Bereiche, die der Kunde gar nicht sieht. So mussten die Ingenieure unter anderem mit einer Art überdimensionalem Staubsauger die Außenwände des Bauwerks freilegen, um an die Betonfugen heranzukommen. Denn dort war salzhaltiges Wasser vom Winterdienst eingedrungen und hatte den Beton angefressen. Das alles zu sanieren kostet viel Mühe. Geld. Und Geduld.

Auch bei den Fahrgästen. Denn parallel dazu setzten die Arbeiter im Inneren an. Schritt für Schritt, Abschnitt für Abschnitt gingen sie vor. Runter mit den alten Decken, raus mit den alten Fußbodenplatten, weg mit den Wandverkleidungen. Dann wurden Stück für Stück neue Materialien anmontiert; eine neue Lichtanlage wurde installiert. "Am 28. Februar eröffnet hier ein Tabakfachgeschäft mit Presse und Getränken", verkündet ein kleines Plakat an einem der neu geschaffenen Läden am Ausgang in Richtung Schillerstraße.

Viele Pendler, die täglich am Münchner Hauptbahnhof aus- oder umsteigen, sehnen das Ende der Arbeiten herbei. "Das war manchmal wie im Labyrinth", sagt ein junger Mann mit Umhängetasche. Mal sei der eine Aufgang gesperrt gewesen, dann wieder der andere. "Kein Mensch kannte sich mehr aus."

Mit in gelber Leuchtfarbe gehaltenen Hinweisschildern versuchten die MVG-Planer, die Passantenströme irgendwie in die richtige Richtung zu lenken. Zudem gab es Auflagen der Feuerwehr: So musste auch während der Bauzeit ein Großteil der Flächen begehbar bleiben, zudem möglichst viele Aufgänge frei, um bei einem Notfall im Münchner Untergrund eine rasche "Entfluchtung" zu gewährleisten. Das alles machte den Umbau für die Planer nicht einfacher.

Alles soll "heller, freundlicher, angenehmer" werden

Viel wilder als im Zugangsgeschoss der MVG unter dem Bahnhofsvorplatz geht es derzeit ohnehin ein Stückchen weiter nördlich zu - im Zugangsgeschoss zu den S-Bahn-Gleisen unter der Arnulfstraße. Dort lässt die Deutsche Bahn seit Sommer für 24 Millionen Euro ihre Flächen ebenfalls von Grund auf sanieren. Auch hier soll alles bald "heller, freundlicher, angenehmer wirken", wie Bahnhofsmanager Heiko Hamann verspricht. Und auch hier sind es derzeit die Fahrgäste, die sich - ähnlich wie Wühlmäuse in ihrem Bau - durch das Untergeschoss kämpfen müssen.

An diesem Vormittag zum Beispiel sind nicht nur Touristen verwirrt: Die Bahn hat den östlichen Treppenabgang zum Mittelbahnsteig der S-Bahn direkt vor dem Karstadt-Zugang gesperrt. Nun müssen die Fahrgäste über die Aufgänge, die von den Seitenbahnsteigen nach oben führen, zu den Zügen hinunter.

Nur: Kaum ein Schild weist daraufhin. Vielmehr hängt über einem Treppenabgang nach wie vor der Schriftzug "Kein Eingang!". Stimmt ja auch, irgendwie: Im Normalbetrieb gelangen hier über die Treppe die gerade ausgestiegenen Fahrgäste nach oben.

Im Baustellen-Ausnahme-Betrieb stiftet das Schild vor allem eines: Verwirrung. "Wie komm' ich denn jetzt zur S-Bahn nach Pasing?", fragt eine ältere Frau. Eine andere hilft ihr zwar weiter und gibt ihr den Tipp, das "Kein Eingang"-Schild einfach zu ignorieren. Im Gegenzug aber fragt die freundliche Helferin gleich mal zurück: "Und wissen Sie, wo man hier den Fahrschein stempeln kann?" Die Entwerter hat die Bahn hinter den Wellblechabsperrungen verschwinden lassen. Am Ende entscheidet sich die Frau dazu, diese eine Fahrt einfach schwarz zu absolvieren. "Wird schon gut gehen", hofft sie.

Als nächstes wird der Bahnhof unter dem Sendlinger Tor saniert

Bis hier wieder die vertraute Normalität herrscht, wird es noch eine Weile dauern: Voraussichtlich erst Mitte des Jahres 2015, sagt Bahnhofsmanager Heiko Hamann, werden die Arbeiten unter der Arnulfstraße abgeschlossen.

Parallel dazu laufen derzeit bereits die Arbeiten der MVG am Zugangsgeschoss zur U-Bahn unter dem Marienplatz auf Hochtouren. "Das ist wirklich eine helle Freude", schimpft Gisela Manstein auf ihrem Weg in die Innenstadt. "Man tappt von einer Baustellen-Falle in die nächste."

Und in der Tat: In ein, zwei Jahren will die MVG die Sanierung des Bahnhofs unter dem Sendlinger Tor angehen. Die allerdings wird noch weit umfangreicher als die am Hauptbahnhof oder unter dem Marienplatz. Denn dort will die MVG nicht nur die Zugangsgeschosse aufhübschen, vielmehr steht ein Komplettumbau an: So sollen zum Beispiel zahlreiche Rolltreppen versetzt sowie neue Gänge und Treppenhäuser im Untergrund gebuddelt werden. Für Wühlmäuse eigentlich ideal.

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SZ vom 25.01.2014/cto
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